Andrejewa krönt sich in Paris zur jüngsten French-Open-Siegerin seit 34 Jahren
Schon vor ihrem Triumph in Paris hatte Mirra Andrejewa den ganz großen Titel in Gedanken mehrfach erlebt. Die russische Teenagerin erzählte, dass sie sich den Moment des Grand-Slam-Siegs immer wieder vorgestellt habe. Doch die Wirklichkeit, so sagte sie, sei noch schöner als alles, was sie sich ausgemalt habe.
Während der Pressekonferenz fiel ihr Blick immer wieder auf die Suzanne-Lenglen-Trophäe, die neben ihr stand. Mit dem Titelgewinn bei den French Open hat die 19-Jährige den bislang wichtigsten Erfolg ihrer Karriere gefeiert. Zufrieden ist sie damit aber noch lange nicht. Vielmehr habe der Sieg Lust auf mehr gemacht, sagte Andrejewa mit einem Lächeln.
Auch Boris Becker traut ihr eine große Zukunft zu. Für ihn steht fest, dass die junge Russin noch viele weitere Grand-Slam-Turniere gewinnen kann. Zugleich sieht er in ihr einen neuen Publikumsliebling im Damentennis.
Inspiration durch Snoop Dogg
Nach dem klaren 6:3, 6:2 im Finale gegen die polnische Qualifikantin Maja Chwalinska sorgte Andrejewa bei der Siegerehrung mit ungewohnten Worten für Aufmerksamkeit. Sie bedankte sich nicht nur bei ihrem Team, sondern ausdrücklich auch bei sich selbst. Sie lobte ihren eigenen Glauben an die eigenen Fähigkeiten, ihren täglichen Willen zur Verbesserung und den Kampf gegen innere Zweifel.
Diese Formulierung war kein Zufall. Andrejewa hatte sich dabei an eine bekannte Rede von Rapper Snoop Dogg angelehnt, als dieser auf dem Hollywood Walk of Fame geehrt wurde. Den Satz „Ich möchte mir selbst danken“ trägt sie sogar als pinken Aufdruck auf ihrer Trainingsjacke. Anfangs, so erzählte sie, habe sie das eher scherzhaft übernommen. Später habe sie erkannt, dass wirklich etwas Wahres darin steckt.

Federer als Vorbild auf dem Platz
Was genau sie mit den „Dämonen“ meinte, erklärte Andrejewa nicht im Detail. Sie berichtete jedoch von einem Rat ihrer Psychologin: Auf dem Platz könne sie selbst entscheiden, welche Persönlichkeit sie zeigen wolle. Daraufhin habe sie sich bewusst dafür entschieden, als Kämpferin aufzutreten.
Allerdings möchte sie nicht nur kämpferisch, sondern auch kontrolliert wirken. Deshalb habe sie versucht, sich in ihrem Auftreten an Roger Federer zu orientieren. Ihr Ziel sei es, ruhig und elegant zu erscheinen, statt sich Frust anmerken zu lassen.
In der Vergangenheit war Andrejewa immer wieder durch ihre Emotionalität aufgefallen. Ihr großer Ehrgeiz und ihre Ungeduld führten mehrfach dazu, dass sie die Beherrschung verlor. Im vergangenen Jahr wurde sie in Paris vom Publikum ausgebuht, nachdem sie bei ihrer Niederlage gegen Loïs Boisson aus Ärger einen Ball in Richtung Tribüne geschlagen hatte. Auch bei Indian Wells sorgte sie mit einer heftigen Beschimpfung von Zuschauern für negative Schlagzeilen. Unterstützung von ihrer Psychologin und ihrer Trainerin Conchita Martínez half ihr dabei, diese Reaktionen besser in den Griff zu bekommen.
Riesiges Talent, starke Gefühle
Als mögliche Grand-Slam-Siegerin galt Andrejewa schon seit einiger Zeit. Bereits 2022 machte sie als 15-Jährige bei ihrem Debüt auf der Tour als Ausnahmetalent auf sich aufmerksam. Spätestens mit ihren Titeln bei den Masters-Turnieren in Dubai und Indian Wells im Jahr 2025 stiegen die Erwartungen massiv. Diesem Druck konnte sie zunächst nicht immer standhalten.
In Paris präsentierte sie sich jedoch bemerkenswert gefestigt. Auch im Endspiel blieb sie bei schwierigen, windigen Bedingungen ruhig und konzentriert. Gegen Chwalinska, die mit hohen Bällen, viel Slice und zahlreichen Stopps einen ungewöhnlichen Stil spielte, bewies Andrejewa Geduld und Klasse. Am Ende stoppte sie souverän den Überraschungslauf der Weltranglisten-114.
Chwalinska bittet das Publikum um Entschuldigung
Nach dem Finale zeigte sich Chwalinska als faire Verliererin. Mit einem Augenzwinkern sagte sie zum Publikum, sie habe ihr Bestes gegeben und hoffe, man möge ihr das wenig spannende Endspiel verzeihen. Die 24-Jährige verpasste damit die Chance, nach Emma Raducanu bei den US Open 2021 erst die zweite Qualifikantin überhaupt zu werden, die einen Grand-Slam-Titel gewinnt.
Für Andrejewa fand die Polin trotzdem anerkennende Worte, verpackt in einen scherzhaften Satz: Sie sei noch so jung und zugleich so talentiert, dass das fast schon nervig sei.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber