Politik

Zehn Jahre nach Nizza: Was bis heute offen bleibt

86 Lichtstrahlen für Nizzas Opfer – doch zehn Jahre nach dem Terror lassen ein quälender Verdacht und offene Wunden nicht los.

13.07.2026, 04:57 Uhr

Zehn Jahre nach dem Anschlag von Nizza: Wunden bleiben offen

Auch ein Jahrzehnt nach dem Terroranschlag auf der Promenade von Nizza mit 86 Todesopfern gibt es für viele Betroffene keinen Abschluss. Unter den Getöteten waren auch zwei Schülerinnen und eine Lehrerin aus Berlin. Für Überlebende, Angehörige und Einsatzkräfte kehren die Erinnerungen an den 14. Juli 2016 bis heute immer wieder zurück. Gleichzeitig beschäftigt die Justiz weiterhin die Frage, ob unzureichende Sicherheitsmaßnahmen den Anschlag begünstigt haben könnten.

Stéphane Erbs, der bei der Tat seine Frau Rachel verlor, schilderte im Gespräch mit Radio France, dass ihn die Bilder des Abends noch immer verfolgen. Wenn er die Augen schließe, sei die Szene sofort wieder da. Er selbst wurde verletzt, seine damals sieben und zwölf Jahre alten Kinder erlitten schwere seelische Folgen. Über das Erlebte spreche die Familie kaum noch, weil sie nicht mehr versuche, anderen das Ausmaß des Schreckens verständlich zu machen.

Lastwagen fährt in feiernde Menschenmenge

Am französischen Nationalfeiertag 2016 raste der Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel nach dem Feuerwerk mit einem schweren Lastwagen über die Promenade des Anglais in eine Menschenmenge. 86 Menschen wurden getötet, mehr als 200 weitere verletzt. Unter den Verletzten war auch eine weitere Schülerin aus Berlin. Der Täter wurde schließlich von Polizisten erschossen.

Die Terrormiliz Islamischer Staat reklamierte den Anschlag für sich. Zwar fanden Ermittler Hinweise darauf, dass sich der Täter islamistisch radikalisiert hatte, eine direkte Verbindung zum IS konnte jedoch nicht nachgewiesen werden.

Zehn Jahre nach Nizza-Anschlag: Gedenken und offene Fragen
Zahlreiche Menschen verloren bei dem Anschlag in Nizza Angehörige und teils mehrere Familienmitglieder. (Archivbild) Quelle: Daniel Cole/AP/dpa

Auch bei den Einsatzkräften ist das Geschehen tief eingebrannt. Der Polizist Christophe Benedetto, der den ersten Notruf absetzte und beim Zugriff auf das Führerhaus des Lastwagens beteiligt war, sagte der Zeitung Nice-Matin, die Gesichter des Abends habe er bis heute nicht vergessen. Noch immer kämen Bilder und Gerüche zurück. Hinzu komme das Gefühl, dass sich alles jederzeit wiederholen könnte. Selbst im Restaurant könne er nicht mit dem Rücken zur Tür sitzen.

Gedenken mit Lichtinstallation und Drohnenshow

In Nizza erinnert ein dreitägiges Programm an die Opfer des Anschlags, der die Stadt nachhaltig geprägt hat. Auf der Promenade steht bereits seit Jahren die geschwungene Aluminiumskulptur „Engel der Bucht“, die den Getöteten gewidmet ist.

Zum Gedenken werden am Abend des Nationalfeiertags Präsident Emmanuel Macron sowie der frühere Staatschef François Hollande erwartet. Für 22 Uhr ist eine Drohnenshow vorgesehen. Um 22.34 Uhr sollen anschließend – wie jedes Jahr am 14. Juli – 86 Lichtstrahlen auf der Promenade aufleuchten und an jedes einzelne Opfer erinnern.

Erinnerung auch in Berlin

In Berlin wird die offizielle Gedenkveranstaltung diesmal erst im September zum Beginn des neuen Schuljahres stattfinden, weil der Jahrestag in die Sommerferien fällt. Das erklärte Karen Beecken, Leiterin der Paula-Fürst-Gemeinschaftsschule, von der die getötete Lehrerin und die beiden Schülerinnen stammten.

Gemeinsam mit einem Geschichtskurs planen ein Lehrer sowie ehemalige Schülerinnen und Schüler, die damals an der Oberstufenfahrt teilgenommen hatten, eine Podiumsdiskussion vor Schulklassen. An der Schule erinnert ein hellgrauer Gedenkstein an die Opfer. Darauf steht der Satz: „Es nimmt der Augenblick, was Jahre geben.“

Streit über mögliche Sicherheitsmängel dauert an

Bis heute ist in Nizza nicht geklärt, ob die Sicherheitsvorkehrungen am Abend des Anschlags ausreichend waren. Schon kurz nach der Tat, die in Frankreich ein nationales Trauma auslöste, wurden Vorwürfe laut, die Stadt sei angesichts der damaligen Terrorlage nicht ausreichend geschützt gewesen.

Die frühere Leiterin der städtischen Videoüberwachung, die Polizeibeamtin Sandra Bertin, bleibt bei ihrer Darstellung, dass das Innenministerium sie nach dem Anschlag dazu gedrängt habe, eine stärkere Polizeipräsenz zu dokumentieren, als es sie tatsächlich gegeben habe. Erst vor wenigen Tagen wurde die inzwischen zur Chefin der Stadtpolizei von Nizza aufgestiegene Beamtin in einem Verfahren vom Vorwurf der falschen Anschuldigung freigesprochen. Vor Gericht erklärte sie, es sei erschütternd, dass auf höchster staatlicher Ebene versucht worden sein könnte, die Wirklichkeit zu verzerren.

Seit mehr als zwei Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft in Marseille wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung, Körperverletzung und Urkundenfälschung im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten vom 14. Juli 2016. Im Mittelpunkt stehen der damalige Bürgermeister von Nizza, einer seiner Stellvertreter sowie der Präfekt und dessen Beigeordneter. Vor einigen Wochen wurden im Rathaus, in der Präfektur und in Räumen der Stadtpolizei Durchsuchungen durchgeführt.

Die Opfervereinigung „Promenade des Anges“ erklärte zum Beginn der Ermittlungen, man hoffe darauf, dass nachweisbare Versäumnisse anerkannt würden und es zu Anklagen sowie einem Prozess komme. Für viele Hinterbliebene gehe es vor allem darum, endlich Antworten auf offene Fragen zu erhalten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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