Politik

«Wunder Punkt» – so bewegt dieses Gedenken

Was geschah mit seiner Oma? Jahrzehntelang wusste er es nicht – bis er ihr Foto zufällig in einer Holocaust-Ausstellung sah.

15.09.2026, 12:54 Uhr

Zufallsfund in Ausstellung: 92-Jähriger erfährt späte Wahrheit über seine Großmutter

Toni Heilmaier war erst acht Jahre alt, als er seine Großmutter Anna Paroubek zum letzten Mal sah. Damals wurde sie von der Gestapo gewaltsam abgeholt. Was ihr danach widerfuhr, erfuhr der heute 92-Jährige erst viele Jahrzehnte später – durch eine Ausstellung über Holocaust-Opfer, die Schülerinnen und Schüler einer Münchner Schule erarbeitet hatten.

Sein Sohn Christian Heilmaier sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Begegnung mit dem Schicksal der Großmutter habe seinen Vater tief bewegt. Zwar habe die Familie etwa ein Jahr nach der Verschleppung eine Todesnachricht erhalten. Doch die genauen Umstände ihres Leidens und Sterbens seien lange unbekannt geblieben. In der Familie sei eher über frühere Generationen gesprochen worden, weniger über das schmerzliche Kapitel der NS-Zeit. Dieses Thema sei lange ein wunder Punkt gewesen.

In der Familie schwieg man über ihr Schicksal

Nach Angaben des Münchner Kulturreferats erklärte Toni Heilmaiers Mutter, die wie der Rest der Familie katholisch getauft war, ihrem Sohn damals, die Großmutter sei in ein Altersheim gebracht worden. Danach sei kaum noch von ihr die Rede gewesen.

Erst viele Jahre später änderte sich das – als Toni Heilmaier in seinem Stadtteil Großhadern zufällig in einer von Schülern gestalteten Ausstellung das Foto seiner Großmutter entdeckte.

Heute weiß die Familie, dass Anna Paroubek, die 1870 als Anna Graf in Czellechowitz geboren wurde, einem Ort, der heute zur tschechischen Stadt Stochov gehört, am 23. Juli 1942 von der Gestapo in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde. Zuvor durfte sie bereits nicht mehr mit ihren Angehörigen zusammenleben, die zum katholischen Glauben übergetreten waren.

Anna Paroubek
Anna Paroubek starb in Theresienstadt. Quelle: Stadtarchiv München/dpa

Vermögen entzogen, Wohnung ausgeräumt, Tod in Theresienstadt

Die Behörden beschlagnahmten ihr gesamtes Vermögen und ließen die Einrichtung ihrer Wohnung versteigern. In Theresienstadt litt Anna Paroubek unter Hunger und den katastrophalen Lebensverhältnissen. Am 15. September 1943 starb sie dort im Alter von 73 Jahren.

Ihr Enkel möchte heute an dieses Schicksal erinnern. Im Rahmen des Münchner Projekts „Erinnerungszeichen“, das vom Kulturreferat betreut wird, spendete er zwei Gedenktafeln für seine Großmutter. Eine befindet sich bereits am ehemaligen Ghetto, eine weitere soll an ihrem früheren Wohnort in München angebracht werden.

Für Christian Heilmaier bedeutet diese Erinnerung auch eine Form der Aufarbeitung. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe der Familie gutgetan und zur seelischen Verarbeitung beigetragen.

Noch wichtiger als die Tafeln ist ihm jedoch ein anderes Zeichen: Der Name seiner Urgroßmutter wurde inzwischen auf dem Grabstein des Familiengrabs in München ergänzt. Damit, sagt er, sei sie endlich nicht mehr vergessen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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