Wenige Monate vor seinem 90. Geburtstag ist der Liedermacher Wolf Biermann in Berlin mit dem Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste ausgezeichnet worden. Zusammen mit sieben weiteren neu gewählten Mitgliedern wurde er in die Gemeinschaft der Ordensträger aufgenommen, der rund 80 herausragende Persönlichkeiten aus Deutschland und dem Ausland angehören – darunter zahlreiche Nobelpreisträger.
Biermann nimmt Auszeichnung mit Humor an
Der Historiker Karl Schlögel würdigte Biermann bei dem Festakt als politische Persönlichkeit und zugleich als prägenden Künstler. In seinen Liedern habe sich eine ganze Generation wiedergefunden, sagte er.
Biermann selbst reagierte mit gewohnt trockenem Humor auf die Ehrung. Nachdem er von seiner Wahl erfahren habe, habe er erst einmal im Internet nachgeschaut, worum es bei dem Orden überhaupt gehe. Sein Fazit: „Das kann ich mir leisten.“
Auch den militärischen Ursprung der Auszeichnung sehe er inzwischen gelassen. Er sei zwar immer mehr für den Frieden, sagte Biermann, „aber ich bin auch für den Krieg“ – dann nämlich, wenn die freie Gesellschaft und die Demokratie gegen Tyrannei verteidigt werden müssten. „Billiger ist es im Leben nicht zu haben“, sagte der 89-Jährige. Anschließend sang er sein bekanntes Lied „Ermutigung“ mit der Zeile „Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit“ und wurde dafür mit großem Beifall gefeiert.
Vom DDR-Kommunisten zum regimekritischen Liedermacher
Biermann wurde in Hamburg geboren und siedelte nach dem Zweiten Weltkrieg als 16-Jähriger aus Überzeugung in die DDR über. Dort geriet er jedoch bald in Konflikt mit der SED. Bereits in den 1960er Jahren erhielt er Auftrittsverbot, 1976 wurde er von den DDR-Behörden ausgebürgert. Die Entscheidung löste damals in der DDR und international heftige Proteste aus.
Acht neue Mitglieder aufgenommen
Neben Biermann wurden auch die Meeres- und Tiefseeforscherin Antje Boetius, der französische Philosoph Georges Didi-Huberman, der Schweizer Chemiker Michael Grätzel, der Theologe Christoph Markschies, der ungarische Schriftsteller Péter Nádas, die israelische Arabistin Sarah Stroumsa sowie der Mediziner Uğur Şahin neu in den Orden aufgenommen.
Bei dem Festakt im Berliner Konzerthaus gedachte der Orden zudem seiner verstorbenen Mitglieder. Genannt wurden unter anderem der Philosoph Jürgen Habermas und der Konzertpianist Alfred Brendel.
Traditionsreicher Orden mit prominenten Mitgliedern
Der in der breiteren Öffentlichkeit eher wenig bekannte Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste wurde im 19. Jahrhundert von Preußens König Friedrich Wilhelm IV. gegründet. Schirmherr ist heute Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
Weimer warnt vor Angriffen auf die Aufklärung
Bei einem Abendessen mit den Ordensträgern warnte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eindringlich vor einer Abkehr von den Grundwerten der Aufklärung. Extremistische und autokratische Strömungen in Deutschland und weltweit richteten sich nicht nur gegen politische Positionen, sondern gegen ein tieferes Fundament – die Aufklärung selbst.
Weimer beklagte ein zunehmend vergiftetes gesellschaftliches Klima. Das Land erlebe toxische Kontroversen, ritualisierte Empörung, Spaltung und gezielte Diffamierung. Dies sei längst kein Randphänomen mehr, sondern erfasse immer mehr Menschen.
Als Beispiele nannte er unter anderem Angriffe der AfD in Sachsen-Anhalt auf das als Weltkulturerbe geschützte Bauhaus. Auch Überlegungen in der Partei, christliche Feste wie Weihnachten durch germanisch geprägte Bräuche wie das Julfest zu ersetzen, zeigten aus seiner Sicht, in welchen grundlegenden Denkmustern dort agiert werde.
Zugleich verwies Weimer auf Debatten in den USA, in denen die sogenannte „Dark Enlightenment“, also eine „dunkle Aufklärung“, inzwischen ernsthaft vertreten werde. Dahinter stecke mehr als bloßer rechter Protest oder nationalistisches Denken; es handele sich um ein ideologisches Grundsatzprogramm. Dem setzte Weimer die Forderung entgegen, „mehr Kant zu wagen“ und die Werte der klassischen Aufklärung entschiedener zu verteidigen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber