Bayern

Mit Bier zur Frisur: Was in der Kneipe passiert

Bier, Stammtisch, Männer – und plötzlich Frisierköpfe und Haargummis? Was in einer Münchner Kneipe passiert, überrascht.

16.07.2026, 04:30 Uhr

Im schummrigen Licht einer Münchner Kneipe stehen Frisierköpfe auf den Tischen, daneben liegen Bürsten und bunte Haargummis. Nach und nach füllt sich das Gasthaus Fux mit rund 20 Männern. Einer der ersten Gäste ist ein Mann mittleren Alters, der selbst nur noch wenige Haare auf dem Kopf hat. An diesem Abend spielt das aber keine Rolle: Hair- und Make-up-Artistin Anita Erdmann zeigt den Teilnehmern, wie man lange Haare stylt – vom einfachen Pferdeschwanz bis zu aufwendigeren Bubble Braids.

Väter sollen das Frisieren nicht nur den Müttern überlassen

Das Workshop-Format heißt „Dads do hair“. Es richtet sich an Väter, die lernen möchten, ihre Töchter selbst zu frisieren. Dahinter steckt die Idee, dass Haarstyling nicht automatisch allein Sache der Mütter sein sollte.

So sieht es auch Michael Bartmann, Vater einer vierjährigen Tochter mit langen blonden Haaren. Über Instagram stieß er auf den Kurs – und war sofort begeistert. Für ihn ist klar: Als Vater müsse er das ebenfalls können. Die Idee habe ihn direkt angesprochen, erzählt er, und er habe große Lust darauf.

Bei anderen Teilnehmern kam der Anstoß aus der Familie. Johannes Pauli berichtet, seine Frau habe ihn angemeldet, weil er zwei kleine Töchter habe. Bislang müssten die Kinder für Frisuren meist noch zur Mutter. Nach dem Abend mit Anita Erdmann möchte er das künftig gern selbst übernehmen.

Vom Bürsten bis zu Space Buns

Zum Einstieg geht es nicht gleich ums Flechten, sondern ums richtige Bürsten. Die ausgebildete Friseurin erklärt, wie das Kämmen möglichst ohne Ziepen und Tränen klappt. Ihr wichtigster Tipp: immer unten anfangen und die Haarsträhne mit der Hand festhalten.

Danach folgt die erste praktische Übung am Übungskopf: der Pferdeschwanz. Die Väter probieren die Frisuren an bereitgestellten Puppenköpfen aus, während Erdmann durch die Reihen geht, Tipps gibt und korrigiert.

Mit jeder weiteren Runde steigt der Schwierigkeitsgrad. Klassische Zöpfe, Space Buns – also zwei hoch sitzende Dutts – und spezielle Bubble Braids bringen manche Teilnehmer ordentlich ins Schwitzen. Vielleicht liegt das auch ein wenig an der Kneipenluft, in der inzwischen ein Hauch von Bier liegt. Erdmann hatte zu Beginn noch gewarnt, dass bei so einem Abend eigentlich immer irgendwo ein Bier umkippe. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis goldene Flüssigkeit über einen Tisch schwappt. Die Stimmung bleibt trotzdem entspannt.

Warum der Kurs ausgerechnet in einer Kneipe stattfindet

Dass der Workshop in einem Wirtshaus stattfindet, ist für Erdmann kein Zufall. Ihr sei wichtig, dass die Atmosphäre stimmt. Viele Väter verließen mit dem Thema ohnehin bereits ihre Komfortzone. Gerade deshalb, findet sie, sollten sie sich wohlfühlen. Die lockere Stammtischstimmung helfe, Hemmungen abzubauen und den Abend entspannter zu machen.

Bei den Teilnehmern kommt das offenbar gut an. Johannes Pauli sagt, es tue gut zu sehen, dass andere Männer mit denselben Herausforderungen kämpfen. Gleichzeitig motiviere man sich gegenseitig und spreche sich Mut zu.

Dieser Teamgeist zeigt sich auch beim Üben. Wenn ein Zopf schief sitzt oder ein Handgriff nicht klappt, hilft oft der Nachbar weiter. Genau das gefällt auch Erdmann: Für sie ist diese gegenseitige Unterstützung genau der Geist, den der Kurs haben soll.

Inspiration aus London

Die Idee zu „Dads do hair“ stammt ursprünglich aus London. Dort starteten die beiden Hosts des Podcasts „Secret Life of Dads“ vor einigen Monaten das Event „Pints & Ponytails“ – sinngemäß also „Bier und Pferdeschwänze“. In typisch britischer Pub-Atmosphäre treffen sich dort Väter, trinken ein Bier und lernen nebenbei, Haare zu kämmen, zu flechten und zu stylen.

Dem Instagram-Auftritt des Podcasts zufolge wurde das Angebot schon kurz nach dem Start ein großer Erfolg. Inzwischen gibt es dort auch weitere Formate wie „Periods & Ponytails“, bei denen Männer Grundwissen rund um Menstruation vermittelt bekommen.

Anita Erdmann entdeckte das Projekt ebenfalls bei Instagram und war nach eigenen Worten sofort begeistert. Aus ihrer Sicht profitieren davon alle: Mütter werden entlastet, Väter verbringen einen besonderen Abend und lernen etwas Neues – und die Kinder haben zusätzliche Zeit mit ihrem Papa, der ihnen am Ende auch noch eine schöne Frisur machen kann.

Große Nachfrage auch in Deutschland

Erdmann ist überzeugt, dass es ein solches Angebot auch hierzulande braucht. Der Zuspruch scheint ihr recht zu geben: Die Termine in München sind bereits komplett ausgebucht. Auch in Frankfurt und Heidelberg bietet sie Kurse an, weitere Veranstaltungen sind in Planung.

Die Resonanz sei enorm, sagt sie. Nicht nur die Väter seien begeistert, sondern auch die Mütter.

Viele wünschen sich schon Fortgeschrittenenkurse

Besonders freut Erdmann, dass sie oft schon am Tag nach den Workshops Fotos bekommt: stolze Väter, stolze Töchter und gelungene Frisuren. Inzwischen gebe es außerdem viele Nachfragen nach fortgeschrittenen Kursen.

Deshalb denkt sie bereits über spezielle Themenangebote nach. Aus ihrer Sicht hat das Konzept auf jeden Fall noch viel Ausbaupotenzial.

Ein Abend, der lehrreich und spaßig war

Am Ende fällt das Fazit positiv aus. Johannes Pauli beschreibt den Workshop als sehr erhellend und zugleich sehr unterhaltsam. Auch Anita Erdmann zeigt sich hochzufrieden mit ihrer Gruppe. Der Kurs, sagt sie, sei wirklich erstklassig gelaufen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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