Sprachförderung in der Kita: Bund setzt auf frühe Hilfe
Zur Mittagszeit bei den „Füchsen“ im Fröbel-Kindergarten in der Berliner Seeburger Straße ist es zunächst still: Die Kinder essen ihre Karottensuppe. Doch kaum ist der erste Hunger vorbei, wird es munterer. Ein Junge reicht seinem Sitznachbarn kleine Brotstücke, andere beginnen zu plaudern. Da fragt ein Mädchen den etwas abseits sitzenden Erzieher neugierig: „Henrik, was machst du?“
Was Henrik dort tut, ist Teil einer Sprachstandserhebung. Im Alltag der Kita beobachtet er gezielt, wie Kinder sprechen, wie sie sich verständigen und an welchen Stellen sie Unterstützung brauchen könnten. Genau hier setzt Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) mit ihrem neuen Gesetzentwurf zur frühen Bildung an. Seit Mittwoch ist der Entwurf bekannt. Nach dem „Gute-Kita-Gesetz“ von 2019 und dem „Kita-Qualitätsgesetz“ von 2023 soll nun das „Kita-Startchancen-und-Qualitäts-Entwicklungsgesetz“ folgen.
Große Unterschiede schon vor der Einschulung
Nach Angaben aus verschiedenen Bundesländern verfügt kurz vor Schulbeginn teils bis zu ein Drittel der Kinder nicht über ausreichende Sprachkenntnisse, um dem Unterricht problemlos folgen zu können. Das betrifft nicht nur Kinder aus Familien mit Einwanderungsgeschichte, sondern auch viele mit Deutsch als Muttersprache.
Prien verweist auf die ungleichen Voraussetzungen, mit denen Kinder in Deutschland aufwachsen. Diese Unterschiede seien oft schon vor der Schule deutlich und würden später nur noch schwer ausgeglichen. Aus ihrer Sicht öffnet sich die „Bildungsschere“ vor allem in den ersten Lebensjahren.

Deshalb will sie verbindliche Sprachtests für alle Vierjährigen und darauf aufbauende Förderangebote nach gemeinsamen Standards einführen. Der Bund stellt dafür bis 2034 insgesamt 9,25 Milliarden Euro in Aussicht. Mit dem Geld soll vor allem mehr Zeit für gezielte pädagogische Arbeit ermöglicht werden.
Länder gehen unterschiedlich vor
Zwar haben mehrere Bundesländer mit Unterstützung des Bundes bereits eigene Verfahren eingeführt, darunter Programme und Beobachtungsinstrumente wie BaSiK, BeoKiz, HASE oder BaSis. Auch zusätzliche Vorbereitungskurse vor der Einschulung gibt es mancherorts, etwa die Vorlaufkurse in Hessen.
Doch der nationale Bildungsbericht zeigt deutliche Unterschiede: Nur in etwa der Hälfte der Länder werden flächendeckend einheitliche, standardisierte Beobachtungsverfahren eingesetzt. Auch die Schuleingangsuntersuchungen sind nicht bundesweit vergleichbar. Das Grundproblem ist also bekannt, doch es fehlt vielerorts an gemeinsamer Linie.
Früher Kita-Beginn als Schlüssel
Waltraud Weegmann vom Deutschen Kitaverband sieht einen weiteren zentralen Punkt: Wenn Kinder mit guten Deutschkenntnissen in die Schule starten sollen, müsse der Kita-Besuch möglichst früh beginnen. Werden Sprachprobleme erst mit fünf Jahren erkannt, bleibe bis zur Einschulung häufig zu wenig Zeit für wirksame Förderung.
Seit 2013 besteht in Deutschland zwar ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag. In der Praxis aber kommen laut Weegmann gerade jene Kinder, die sprachlich besonders profitieren würden, oft zu spät in die Einrichtungen. Gründe seien fehlende Plätze, zu hohe Kosten oder auch Distanz mancher Familien zum Kita-System.
Dabei entstehe Sprachlernen im Kita-Alltag oft ganz selbstverständlich. Im gemeinsamen Spielen, Essen und Sprechen mit anderen Kindern würden viele sprachliche Fähigkeiten automatisch wachsen. Spezielle Förderprogramme seien häufig gar nicht nötig. Nur ein kleinerer Teil der Kinder brauche wegen Hörproblemen oder Sprachstörungen zusätzliche therapeutische Hilfe.
Beobachtung kostet Zeit – und Personal
Auch Erzieher Henrik aus der Fröbel-Kita in Spandau erlebt, wie stark der Wunsch der Kinder ist, andere zu verstehen und selbst verstanden zu werden. Genau dieser Antrieb helfe ihnen beim Lernen. Gleichzeitig sei es für pädagogische Fachkräfte aufwendig, die sprachliche Entwicklung jedes Kindes systematisch und fachlich fundiert einzuschätzen.
In den Fröbel-Kitas wird dafür das Beobachtungsinstrument BaSiK genutzt. Rund um den Geburtstag eines Kindes wird seine Sprache in typischen Alltagssituationen genauer erfasst. Beobachtungen wie beim Mittagessen der „Füchse“ werden anschließend in ein Computerprogramm eingetragen. So lässt sich im Laufe der Zeit erkennen, wo Fortschritte erzielt werden und wo Förderbedarf besteht.
Kita-Leiterin Lisa Theel sagt, dass diese Einschätzungen im Team besprochen werden. Gemeinsam werde überlegt, mit welchen Angeboten Kinder spielerisch zum Sprechen angeregt werden können. Dafür brauche es vor allem eines: Zeit. Und damit auch ausreichend Personal und Geld.
Mehr Unterstützung für belastete Einrichtungen
Der Gesetzentwurf von Prien sieht pro Kind wöchentlich 30 Minuten für Planung und Begleitung der Förderung vor. Einrichtungen mit besonders vielen Kindern in schwierigen Lebenslagen sollen zusätzlich gestärkt werden. Je nach Größe der Kita sind dort 20 bis 60 zusätzliche Stunden pro Woche vorgesehen.
Prien verfolgt damit das Ziel, den Übergang in die Schule zu verbessern und die Bildungslaufbahn von Anfang an zu stärken.
Sorge vor Sparmaßnahmen trotz freier Plätze
Weegmann warnt allerdings davor, dass sinkende Geburtenzahlen zu Kürzungen führen könnten. Freie Kita-Plätze gebe es inzwischen nicht mehr nur in Ostdeutschland, sondern zunehmend auch in Städten wie Stuttgart, München, Köln oder Düsseldorf. Wenn Wartelisten kürzer werden, könnte der politische Druck steigen, Personal abzubauen.
Der Kitaverband fordert stattdessen, die Phase sinkender Kinderzahlen für bessere Qualität zu nutzen. Alle Kinder sollten von besseren Bedingungen profitieren.
Auch Prien argumentiert in diese Richtung. Sie spricht davon, die „demografische Rendite“ zu nutzen. Das neue Gesetz sei das wichtigste bildungspolitische Vorhaben der Koalition und könne eine Wende in der Bildungspolitik einleiten. Gute Bildung, so ihre Botschaft, beginne nicht erst mit dem ersten Schultag, sondern schon in der Kita.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber