Politik

Was läuft da? Söders Grünen-Flirt

Söders Ex-Lieblingsfeind im Achterbahn-Schlitten: Steckt hinter der Grünen-Nähe echte Bromance – oder knallhartes Kalkül?

30.09.2026, 04:00 Uhr

Was für ein ungewohntes Bild: Markus Söder Seite an Seite mit einem Grünen. Der CSU-Vorsitzende und Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause sitzen nebeneinander in einem kleinen Achterbahnwagen, beide mit festem Griff an der Haltestange. Der Fahrtwind legt ihre Haare nach hinten, und nach 1.250 Metern sowie fünf Loopings wirken beide ähnlich erleichtert, als die Fahrt endet und sie aussteigen können.

So viel demonstrative Nähe zwischen Schwarz und Grün ist derzeit eher selten. Doch was sagt dieses auffällig gute Verhältnis zwischen Söder und dem prominenten Grünen aus? Handelt es sich um eine Art „Bromance“, wie in sozialen Netzwerken gespottet wird? Oder ist es zumindest ein Hinweis darauf, dass sich das Verhältnis zwischen CSU und Grünen nach Jahren heftiger gegenseitiger Attacken langsam entspannt?

Achterbahnfahrt statt scharfer Töne

Ganz so weitreichend ist die Szene wohl nicht zu deuten. Der Grund für das demonstrative Miteinander von Söder und Krause, der erst seit einem halben Jahr Münchner Oberbürgermeister ist, liegt vor allem in einem gemeinsamen Ziel: Beide wollen die Olympischen Spiele nach München holen. Über Monate hatten sie auf die nationale Auswahlentscheidung hingearbeitet und mitgefiebert. Als am Samstag im Kurhaus in Baden-Baden die Entscheidung fiel, bangten sie gemeinsam und feierten anschließend zusammen. Die Fahrt im „Olympia Looping“ auf dem Oktoberfest war nun die Einlösung eines vorherigen Versprechens.

Trotzdem dürften manche verwundert auf diese Vertrautheit blicken. Denn es ist noch nicht lange her, dass Söder kaum eine Gelegenheit ausließ, gegen die Grünen auszuteilen. Besonders der frühere Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck war häufig Ziel seiner Angriffe. Auch andere Spitzenpolitiker der CSU beteiligten sich regelmäßig an den verbalen Attacken.

Söder und Krause fahren „Olympia Looping“
Mit der gemeinsamen Achterbahnfahrt feierten die beiden sozusagen den Münchner Sieg beim nationalen Olympia-Entscheid. Quelle: Sven Hoppe/dpa

Kritik am langjährigen Anti-Grünen-Kurs

Selbst innerhalb der CSU stieß dieser scharfe Kurs nicht überall auf Zustimmung. Die früheren Parteichefs Horst Seehofer und Erwin Huber äußerten wiederholt deutliche Kritik an der harten Linie gegenüber den Grünen. Huber setzte sogar ein sichtbares Zeichen, als er einmal als Gast an einer Klausur der Grünen-Landtagsfraktion teilnahm. Später begründete er das damit, dass er das ständige Grünen-Bashing von Söder und anderen für falsch halte.

In den vergangenen Monaten sind Söders Angriffe auf die Grünen allerdings spürbar weniger geworden. Ob das daran liegt, dass die AfD als gemeinsamer Gegner stärker in den Fokus gerückt ist? Oder daran, dass die CSU nach der Wahl in Berlin neben der AfD vor allem die Linkspartei als wichtigen politischen Kontrahenten ausgemacht hat?

Mit der gemeinsamen Achterbahnfahrt feierten die beiden den Münchner Erfolg bei der nationalen Olympia-Entscheidung.

In einigen Bundesländern sind Union und Grüne ohnehin aufeinander angewiesen, wenn es ums Regieren geht. Und niemand weiß, welche Konstellationen sich nach der nächsten Bundestagswahl ergeben könnten. Da könnte es politisch klug sein, beschädigte Beziehungen nicht völlig zu zerstören. Zumal die Grünen über den Bundesrat schon jetzt an Einfluss gewinnen könnten.

Im Bayerischen Landtag bleibt der Ton rau

In Bayern selbst schenken sich CSU und Grüne allerdings weiterhin wenig. Im Landtag geraten beide Seiten immer wieder heftig aneinander. Viele Christsoziale reagieren bereits gereizt, wenn Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze ans Rednerpult tritt. Aus Sicht der CSU gilt das umso mehr für den niederbayerischen Grünen-Abgeordneten Toni Schuberl.

Gleichzeitig scheint Söder persönlich mit dem neuen Münchner Oberbürgermeister gut auszukommen. Das wurde schon bei einem gemeinsamen Kicker-Spiel kurz nach Krauses Wahlsieg deutlich. Ganz überraschend ist das allerdings nicht: Der Freistaat und die Landeshauptstadt sind in vielen Fragen aufeinander angewiesen. Das gilt für die Olympia-Bewerbung ebenso wie für Verkehrs- und Wirtschaftsthemen oder Streitpunkte rund um Flughafen und S-Bahn-Stammstrecke. Auch mit Krauses Vorgänger, dem langjährigen SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter, pflegte Söder ein weithin gutes Verhältnis.

Pragmatismus über Parteigrenzen hinweg

Ähnliches zeigt sich auch auf Länderebene. Mit dem früheren grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, kam Söder trotz aller politischen Differenzen gut zurecht. Ebenso pragmatisch verläuft offenbar der Umgang mit dessen Nachfolger Cem Özdemir. Das zeigt sich nicht nur bei Fragen rund um die Zukunft der Autoindustrie in beiden Ländern. Gemeinsame Interessen und Ziele können politische Gegensätze eben überlagern.

Fest steht jedenfalls: Unabhängig von der symbolträchtigen Fahrt im „Olympia Looping“ werden Söder und Krause in den kommenden Jahren eng zusammenarbeiten müssen. Das gilt vor allem für die Olympia-Pläne. Beide hoffen, dass München sich auch international durchsetzt und nach 1972 erneut Gastgeber Olympischer Spiele wird. Söder brachte die gemeinsame Euphorie bereits scherzhaft auf den Punkt: Wenn es am Ende wirklich klappe, müsse man wohl fünfmal fahren – oder sich vielleicht sogar ein Olympia-Tattoo stechen lassen.

Mit der gemeinsamen Achterbahnfahrt feierten die beiden den Münchner Erfolg bei der nationalen Olympia-Entscheidung.

Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte nach der Fahrt noch ein Geschenk des Münchner Senders Radio Arabella: zwei spezielle Wiesn-Lebkuchenherzen mit der Aufschrift „Bro-lympia“ und einem Foto der beiden ungleichen Partner. Die frühere Grünen-Bundesvorsitzende Ricarda Lang reagierte prompt auf Instagram mit einem Post samt Herzchen: Die „Bromance“ zwischen Markus Söder und Dominik Krause habe definitiv nicht auf ihrer Bingo-Karte für 2026 gestanden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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