Rhein fällt weiter auf Rekordtief: Schifffahrt und Industrie geraten stärker unter Druck
Das extreme Niedrigwasser am Rhein verschärft sich weiter. Am für die Binnenschifffahrt besonders wichtigen Pegel Kaub in Rheinland-Pfalz wurden zuletzt erstmals leicht negative Werte gemessen. Für die kommenden Tage erwarten die zuständigen Behörden dort zwar wieder positive Pegelstände, allerdings nur im einstelligen Zentimeterbereich. Dabei gilt: Die Pegelwerte am Ufer beschreiben nicht die tatsächliche Tiefe der Fahrrinne, diese liegt tiefer. Auch in Köln wurde am Montag ein neuer Rekordtiefstand registriert.
Fachleute sehen vorerst keine Entspannung
Florian Krekel, stellvertretender Leiter des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Rhein in Bingen, weist darauf hin, dass der bisherige historische Tiefstand von 25 Zentimetern aus dem Jahr 2018 am Pegel Kaub bereits am 5. August 2026 unterschritten wurde. Seitdem bewege sich der Rhein dort auf außergewöhnlich niedrigem Niveau. Ausreichender Regen, der den Fluss kurzfristig wieder deutlich anschwellen lassen könnte, sei weiterhin nicht in Sicht.
Auch Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt, hält anhaltenden Niederschlag für zwingend nötig. Aus seiner Sicht bräuchte es rund zwei Wochen kontinuierlichen Landregen, vor allem im Südwesten Deutschlands.
Kurzfristig ist keine Entspannung zu erwarten. Nach Prognosen der Bundesanstalt für Gewässerkunde und der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung dürften sich die Pegelstände in Kaub, Köln und Düsseldorf in den nächsten Tagen kaum verändern. In Köln und Düsseldorf könnte es ab dem Wochenende allenfalls zu einem leichten Anstieg kommen.
Warum sich die Lage so schwer verbessert
Nach Angaben von Krekel wird der Rhein derzeit vereinfacht gesagt fast nur noch durch Einleitungen aus Kläranlagen, Schmelzwasser aus den Alpen und geringe Grundwasserzuflüsse gespeist. Doch auch dieser Effekt dürfte nachlassen: Mit abnehmender Sonneneinstrahlung schmilzt Gletschereis langsamer, und das Grundwasser erholt sich in warmen, trockenen Phasen kaum, weil viel Wasser verdunstet und die Vegetation große Mengen aufnimmt.
Hinzu kommt, dass September und Oktober traditionell als Niedrigwassermonate gelten. Entsprechend hoffen vor allem die Binnenschiffer auf kräftige Herbstniederschläge.
Frachtschiffe können nur noch eingeschränkt fahren
Besonders betroffen ist der Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz. Fabian Spieß, stellvertretender Geschäftsführer des BDB, zufolge sind dort nur noch vereinzelt Güterschiffe unterwegs. Zwar bleibe die Schifffahrt grundsätzlich als Dienstleister verfügbar, doch wegen der geringen Wassertiefe könnten die Schiffe nur noch deutlich weniger Ladung aufnehmen.
Krekel betont, dass viele Schiffe auf dem Abschnitt zwischen St. Goar und Rüdesheim kaum noch verkehren können, wenn in der Fahrrinne nur noch 1,50 Meter oder gar 1,20 Meter Wasser stehen.
Rheinverkehr faktisch erneut unterbrochen
Für den Verkehrsexperten Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft ist der Unterschied zur Lage im August aus logistischer Sicht inzwischen gering. Abgesehen von einigen wenigen Spezialschiffen, die den Engpass noch mit stark verringerter Ladung passieren könnten, sei der Rhein de facto erneut zweigeteilt. Damit seien Mittel- und Oberrhein samt ihrer Zuflüsse wieder von den wichtigen Häfen in Duisburg und Rotterdam abgeschnitten.
Spürbare Folgen für Industrie und Lieferketten
Puls zufolge sind wichtige Logistikketten bereits weitgehend unterbrochen. Besonders betroffen seien feste und flüssige Massengüter, da sie sich nur sehr eingeschränkt auf die Schiene und praktisch nicht auf die Straße verlagern ließen. Vor allem Raffinerien, die Chemieindustrie und Stahlwerke geraten dadurch unter Druck.
Als Beispiel nennt Puls das BASF-Werk in Ludwigshafen, das rund die Hälfte seiner Vorprodukte per Binnenschiff erhält. Die wirtschaftlichen Folgen lassen sich derzeit noch nicht genau beziffern, auch weil ein Teil der ausfallenden Produktion später möglicherweise nachgeholt werden kann.
Für Verbraucher seien die Auswirkungen bislang noch begrenzt. Containertransporte könnten vergleichsweise leichter auf andere Verkehrsträger ausweichen. Auch bei Kraftstoffen wie Diesel, die im Rheingebiet in großem Umfang per Schiff transportiert werden, erwartet Puls vorerst keine sprunghaften Ausschläge an den Tankstellen. Die angespannte Lage habe sich über lange Zeit aufgebaut und sich nie vollständig entspannt.
Forderungen nach Ausbau und besserem Wasserrückhalt
Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt fordert, die Fahrrinne zwischen St. Goar und Mainz um 20 Zentimeter zu vertiefen. Dieses Vorhaben wird seit Jahren diskutiert, kommt aber weiter nur langsam voran. Darüber hinaus müsse das Bundesverkehrsministerium prüfen, mit welchen Maßnahmen sich dauerhaft mehr Wasser im Flusssystem halten lasse. Auch die Förderung von Schiffen, die besser auf Niedrigwasser ausgelegt sind, sollte nach Ansicht des Verbands verstärkt werden.
Beatrice Claus vom WWF sieht in den neuen Tiefstständen ein weiteres deutliches Zeichen der Klimakrise. Um extreme Niedrigwasserlagen abzumildern, müsse Wasser stärker in der Landschaft und in Flüssen gehalten werden. Wälder, Moore, Feuchtgrünland und Auen könnten dabei als natürliche Speicher dienen und Flüsse selbst in Trockenphasen stabilisieren.
Zusätzliche Warnungen kommen aus der Versicherungswirtschaft. Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, mahnt, dass ein nicht mehr voll nutzbarer Rhein als Verkehrsader die gesamte Logistik belastet: Transportwege würden komplizierter und das Risiko für Folgeschäden steige. Nötig seien deshalb klimaangepasste Verkehrswege und Gebäude sowie eine verlässliche Energie- und Wasserversorgung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber