Ukraine

Warum Witkoff und Kushner plötzlich nach Kiew reisen

Nach Moskau jetzt Kiew: Können Witkoff und Kushner mit ihrem heiklen Besuch plötzlich Bewegung in den Ukraine-Krieg bringen?

06.09.2026, 12:49 Uhr

Im Ringen um ein Ende des Ukraine-Kriegs hat der erste Besuch der US-Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner in Kiew zunächst keinen greifbaren Fortschritt gebracht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach nach den Gesprächen zwar von „äußerst inhaltsvollen“ Unterredungen, machte aber zugleich deutlich, dass unterm Strich wenig Konkretes erreicht wurde.

Selenskyj empfing die beiden Emissäre von US-Präsident Donald Trump im Freien vor der Sophienkathedrale, einem Symbol der historischen Tradition der Ukraine. Nach den Beratungen äußerte er sich zurückhaltend über die Aussichten auf ein baldiges Kriegsende. Sollte sich der Krieg bis zum Winter hinziehen – und derzeit deute vieles darauf hin –, brauche die Ukraine ein „Winterpaket“, zitierten ihn ukrainische Medien.

Erst Moskau, dann Kiew

Witkoff und Kushner waren seit 2025 bereits mehrfach in Moskau, hatten Kiew im Rahmen ihrer Vermittlungsbemühungen bislang aber ausgelassen. In der Ukraine war das als weiteres Zeichen für den deutlichen Kurswechsel Washingtons unter Trump im Umgang mit dem russischen Angriffskrieg gewertet worden. Noch am Samstagabend hatten die beiden in Moskau fast drei Stunden mit Kremlchef Wladimir Putin gesprochen.

Kushner, Trumps Schwiegersohn, sprach sich nach dem Besuch für eine Wiederaufnahme trilateraler Gespräche zwischen der Ukraine und Russland unter US-Vermittlung aus. „Hoffentlich sehen wir da sehr bald Fortschritte“, zitierte ihn CNN mit Blick auf die jüngsten Kontakte in Moskau und Kiew.

„Besser als Flugabwehrsysteme“

Mit einem Scherz kommentierte Selenskyj die Anwesenheit der US-Gesandten in Kiew: Diese habe „besser funktioniert als die Patriot-Flugabwehrsysteme“. Witkoff und Kushner sollten häufiger in die ukrainische Hauptstadt kommen, damit die Menschen dort wenigstens zeitweise etwas Luft holen könnten.

Nach ukrainischer Darstellung hatte Putin für die Dauer des Besuchs eine dreitägige Pause der Angriffe auf Kiew verkündet. Im Gegenzug verzichtete die Ukraine in dieser Zeit auf Angriffe gegen Moskau. Kiew beklagt seit Langem einen Mangel an Patriot-Raketen, die als zentrales Mittel zur Abwehr russischer Raketen gelten.

Europas Sicherheitsberater mit am Tisch

An den Verhandlungen in Kiew nahmen auch die Sicherheitsberater der Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich und Großbritannien teil. „Wir haben vereinbart, dass sich die Ukraine, Europa und Amerika in Kürze treffen werden“, sagte Selenskyj im Anschluss. Einen konkreten Termin nannte er nicht.

Zugleich bekräftigte der ukrainische Präsident seine Haltung, dass die wichtigsten Streitfragen des Konflikts – darunter auch territoriale Fragen – nur auf höchster Ebene geklärt werden könnten. Putin lehnt ein direktes Treffen mit Selenskyj an einem neutralen Ort bislang jedoch kategorisch ab. Stattdessen forderte er den ukrainischen Präsidenten zu Gesprächen in Moskau auf, was Selenskyj zurückwies.

Putin nennt Zusammenarbeit mit USA „komfortabel“

Für Unmut in Kiew hatten Witkoff und Kushner schon zuvor gesorgt, weil sie bei ihren früheren Vermittlungsreisen nur Moskau besucht hatten. Bereits im April hatte Selenskyj das offen kritisiert und als respektlos bezeichnet.

Auch Putins jüngste Aussagen dürften in der Ukraine kaum gut angekommen sein. Der Kremlchef erklärte, Witkoff und Kushner hätten mittlerweile das Vertrauen der russischen Seite gewonnen. „Für uns ist die Zusammenarbeit mit ihnen komfortabel“, sagte Putin.

Sein außenpolitischer Berater Juri Uschakow berichtete nach dem Treffen, Putin habe seine Sicht auf die Lage geschildert und insbesondere angebliche Erfolge der russischen Armee an der Front hervorgehoben. Experten bewerten die tatsächlichen Fortschritte der Kriegsparteien jedoch unterschiedlich. Zudem gibt es immer wieder Zweifel daran, ob Putin von seinem Generalstab ein realistisches Lagebild erhält.

Anreise mit der Bahn aus Polen

Nach dem Treffen in Moskau flogen die US-Unterhändler zunächst zurück auf EU-Gebiet und landeten im ostpolnischen Rzeszow. Von dort reisten sie – wie viele andere ausländische Gäste – mit dem Zug weiter nach Kiew. Zwar hatte es Überlegungen zu einer Anreise per Flugzeug gegeben, doch der zivile Flugverkehr über der Ukraine ist seit Beginn der russischen Invasion 2022 eingestellt.

Selenskyj warf Russland vor, vor dem Besuch gezielt die Kiewer Flughäfen Schuljany und Boryspil beschossen zu haben, um die US-Vermittler abzuschrecken.

Zeichen stehen weiter auf Eskalation

Washington saß bereits bei direkten Gesprächen zwischen Moskau und Kiew in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie im Februar in Genf als Vermittler mit am Tisch. Zuletzt lagen die Verhandlungen jedoch auf Eis – auch weil die USA durch ihren eigenen Krieg im Iran abgelenkt waren.

Vor der Reise hatte Trump erklärt: „Wir haben sie dorthin geschickt, um zu prüfen, ob wir etwas erreichen können.“ Er zeigte sich erneut optimistisch. Ein Durchbruch ist bislang aber ausgeblieben. Während der Krieg inzwischen seit mehr als viereinhalb Jahren andauert, deutet derzeit vieles eher auf eine weitere Eskalation hin: An der Front gibt es kaum Bewegung, zugleich haben beide Seiten ihren Luft- und Seekrieg verstärkt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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