Auf den AfD-Plakaten in Sachsen-Anhalt stand der Slogan „Ministerpräsident der Herzen“ neben Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Der Ausdruck erinnert an den Fußball, wo vom „Meister der Herzen“ die Rede ist, wenn ein Team dem Titel sehr nahekommt, am Ende aber leer ausgeht. Die AfD wurde bei der Landtagswahl zwar mit großem Abstand stärkste Kraft. Ob es aber für eine Alleinregierung reicht, blieb am Wahlabend zunächst offen. Damit war auch unklar, ob Siegmund am Ende nur symbolischer Sieger für seine Anhänger bleibt oder tatsächlich Regierungschef werden kann.
In Magdeburg brach bei der AfD schon bei den ersten Prognosen Jubel aus – zunächst wegen des eingeblendeten CDU-Ergebnisses, kurz darauf noch lauter wegen des eigenen Resultats. Politisch bleibt die Lage dennoch schwierig: Keine andere Partei will mit der AfD koalieren, und die AfD sieht derzeit selbst keine naheliegenden Partner. Die Suche nach Mehrheiten dürfte deshalb kompliziert werden.
Siegmund sprach trotz der offenen Mehrheitsfrage von einem klaren Regierungsauftrag für seine Partei. Dem Sender ntv sagte er, natürlich sei das Ergebnis ein solcher Auftrag. Im ZDF erklärte der 35-Jährige, aktuell sehe er keine Koalitionspartner, fügte aber hinzu, er wisse nicht, was in den nächsten Tagen passiere. Er ließ damit auch Spekulationen zu, ob einzelne Abgeordnete anderer Parteien noch ihre Haltung ändern könnten.
Das schlechteste CDU-Ergebnis im Land
Für den bisherigen Ministerpräsidenten Sven Schulze von der CDU stellt sich nun die Frage, ob er überhaupt noch eine tragfähige Mehrheit organisieren kann. Seine bisherige Koalition aus CDU, SPD und FDP wurde abgewählt. Theoretisch könnte er nur mit einem erweiterten Bündnis unter Einbeziehung von Grünen und womöglich auch der Linken im Amt bleiben – vorausgesetzt, die CDU trägt diesen Weg mit und die Mandate reichen überhaupt aus.
Besonders hart traf es die CDU. Im Vergleich zur Wahl 2021 büßte sie massiv ein und landete nur noch bei etwa der Hälfte ihres damaligen Ergebnisses. Für die Christdemokraten, die Sachsen-Anhalt seit 24 Jahren in wechselnden Bündnissen regieren, ist das ein Schock – und nach allem, was am Wahlabend absehbar war, das schlechteste Ergebnis der CDU in Sachsen-Anhalt überhaupt.
Als um 18 Uhr die erste Prognose über die Bildschirme lief, blieb es auf der CDU-Wahlparty in einem Hotel in Magdeburg zunächst auffallend still. Schulze sprach kurz darauf offen von einer Niederlage und gratulierte der AfD zum Wahlsieg.
Schulze steht sofort unter Druck
Nicht einmal eine Stunde nach der ersten Prognose wurden in der CDU Rücktrittsforderungen laut. Die Landtagsabgeordnete Eva Feußner verlangte, Schulze müsse als Parteichef Konsequenzen ziehen und zurücktreten. Entsprechende Äußerungen machte die frühere Bildungsministerin gegenüber dem Stern und der Deutschen Presse-Agentur.
Auch die Junge Union erhöhte den Druck. Der Landesvorstand forderte nach dem Wahlergebnis einen umfassenden Neuanfang sowie personelle und inhaltliche Konsequenzen. Verlangt wurden der Rücktritt der Landesführung und eine zeitnahe Neuwahl – vom Vorsitzenden bis zum gesamten Landesvorstand.
Rückendeckung bekam Schulze am Abend zunächst von Innenministerin Tamara Zieschang. Jetzt sei nicht der Zeitpunkt für Rücktrittsforderungen, sagte sie. Zugleich stellte sie aber klar, dass das Ergebnis gründlich aufgearbeitet werden müsse.
Steht die CDU vor einer Richtungsdebatte?
Nach außen wirkte die CDU im Wahlkampf zwar geschlossen. Hinter den Kulissen gab es jedoch schon seit Wochen Kritik. Bemängelt wurde, dass der Wahlkampf zu stark auf Sven Schulze zugeschnitten gewesen sei. Andere warnten davor, dass eine mögliche Minderheitsregierung mit Unterstützung der Linken die Partei zerreißen könnte. Kritik gab es zudem an der Landesliste: Auf den ersten 15 Plätzen standen lediglich zwei Frauen.
Wie es weitergeht, war am Wahlabend auch deshalb offen, weil zunächst unklar blieb, ob das BSW den Einzug in den Landtag schafft. Die CDU könnte Mehrheiten womöglich nur gemeinsam mit SPD, Grünen und der Linken organisieren – und selbst das wohl nur äußerst knapp. Spätestens am Montagmorgen wollen sich die Parteigremien in Sachsen-Anhalt mit der Lage befassen.
Innerhalb der Union dürfte zudem die Frage aufkommen, ob nicht doch die AfD als Wahlsieger den ersten Anspruch auf die Regierungsbildung hat. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Sepp Müller, hatte diese Debatte bereits vor der Wahl angestoßen. Hintergrund ist auch die Sorge in der CDU, dass eine Zusammenarbeit mit der Linken zu zahlreichen Parteiaustritten führen könnte. Für viele Mitglieder gilt die Linke weiterhin vor allem als Nachfolgepartei der SED und damit als klarer politischer Gegner.
Nach Veröffentlichung der ersten Prognose kommentierte Müller auf X knapp mit dem Wort „Katastrophe!“.
Kann Schulze noch einen Konsens herstellen?
Die CDU steckt damit in einem Dilemma. Niemand kann derzeit sicher sagen, wie schnell sich in Sachsen-Anhalt eine neue Regierung bilden lässt. Schulzes Kabinett könnte deshalb länger geschäftsführend im Amt bleiben. Wenn die Partei ihn jetzt demontiert, würde das die Stabilität in dieser Übergangsphase belasten. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Schulze mit dieser schweren Wahlniederlage in der eigenen Partei überhaupt noch einen Konsens über den weiteren Kurs herstellen kann.
Sollte ihm das gelingen, könnte ein Blick nach Sachsen helfen: Dort wird die Linke über einen Konsultationsmechanismus punktuell in die Arbeit der schwarz-roten Regierung eingebunden. Ob ein ähnliches Modell in Sachsen-Anhalt denkbar wäre, müssten erst Gespräche zeigen.
Bei der Aufarbeitung des Wahlergebnisses dürfte in der CDU außerdem diskutiert werden, ob der Wechsel an der Spitze der Landesregierung zu spät kam. Schulze hatte das Amt des Ministerpräsidenten erst im Januar 2026 von Reiner Haseloff übernommen. Im Wahlkampf fiel es ihm schwer, eigene Akzente zu setzen. Stattdessen verwies er wiederholt darauf, dass die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz die CDU im Land belastet habe. Ob diese Erklärung in der Partei ausreicht, bleibt offen.
Sachsen-Anhalt und seine besonderen Bündnisse
Ungewöhnliche Regierungsmodelle sind in Sachsen-Anhalt nichts Neues. Schon in den 1990er Jahren entstand mit dem „Magdeburger Modell“ eine SPD-geführte Minderheitsregierung, die durch Duldung der damaligen PDS möglich wurde. 2016 folgte in dem Bundesland die erste Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen. Zuletzt regierte dort die bundesweit einzige Deutschland-Koalition aus CDU, SPD und FDP.
Für die FDP wurde dieser Wahlabend zum Desaster. Nach nur einer Legislaturperiode scheiden die Liberalen wieder aus dem Landtag aus. Damit dürfte auch Lydia Hüskens, zuletzt die einzige FDP-Landesministerin in Deutschland, ihr Amt verlieren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber