Selenskyj entlässt Syrskyj nach Protesten – Drapatyj wird neuer Oberbefehlshaber
Kiew – Nach mehreren Tagen anhaltenden Drucks durch Demonstranten hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj den Armeechef Olexander Syrskyj abgesetzt. Neuer Oberbefehlshaber der Streitkräfte wird Mychajlo Drapatyj, wie Selenskyj auf seinem Telegram-Kanal mitteilte.
Selenskyj hatte zunächst trotz wachsender Kritik an dem seit Februar 2024 amtierenden Oberkommandierenden an Syrskyj festgehalten. Die Lage verschärfte sich jedoch nach der Entlassung des populären Politikers Mychajlo Fedorow als Verteidigungsminister in der vergangenen Woche.
Der erst 35 Jahre alte Fedorow hatte danach seinen Konflikt mit Syrskyj öffentlich gemacht. Im Zentrum stand demnach ein Streit über die Ausrichtung der Kriegsführung. Fedorow galt vor allem als Verfechter jener ukrainischen Drohneneinsätze gegen russische Ziele, die auch im Westen vielfach gelobt wurden. Syrskyj wiederum stammt aus Russland und wurde noch zu Sowjetzeiten militärisch ausgebildet.
Trotz der Entlassung dankte Selenskyj dem scheidenden General ausdrücklich und würdigte dessen militärische Verdienste. Nach Angaben des Präsidenten führte er in den vergangenen Tagen wegen der anhaltenden Proteste mehrere Gespräche mit Militärs. Darüber informierte er auch auf der Plattform X.
Bereits am Samstag hatte Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache erklärt, er höre darauf, was die Menschen sagten. Demnach sprach er auch ausführlich mit Fedorow und Syrskyj.
Neue Position für Fedorow in Aussicht
Am Dienstagabend gab es laut Selenskyjs Sprecher Dmytro Lytwyn ein weiteres Gespräch mit Fedorow. Der frühere Verteidigungsminister solle nun eine „würdige Position“ erhalten, in der er sich weiter um die technische Entwicklung der Ukraine kümmern könne, kündigte Selenskyj an. Konkrete Einzelheiten nannte er zunächst nicht.
Proteste in Kiew und anderen Städten hielten an
In Kiew und weiteren Städten demonstrierten sechs Tage in Folge mehrere Tausend Menschen, überwiegend junge Teilnehmer, gegen Fedorows Entlassung. Sie forderten seine Rückkehr ins Amt. Ein zentrales Anliegen der Proteste war zugleich die Ablösung Syrskyjs. Aus Kreisen des Militärs gab es allerdings auch offene Unterstützung für den bisherigen Oberbefehlshaber.
Fedorows Posten im Verteidigungsministerium übernahm am Freitag zunächst geschäftsführend der Geheimdienstmitarbeiter Jewhenij Chmara. Selenskyj muss dessen Kandidatur noch dem Parlament vorlegen; außerdem ist eine Bestätigung durch die Abgeordneten erforderlich.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren gegen die russische Invasion. Syrskyj, ein 60-jähriger Berufssoldat, hatte sich unter anderem bei der Verteidigung Kiews sowie bei der erfolgreichen Gegenoffensive im Raum Charkiw im Jahr 2022 Verdienste erworben.
Fedorow stand seit Januar an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Zuvor leitete er das 2019 geschaffene Digitalisierungsministerium.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber