Razzia gegen mutmaßlichen Steuerbetrug: 800 Kräfte durchsuchen Objekte in drei Ländern
Bei einem groß angelegten Einsatz gegen mutmaßliche Steuerhinterziehung und Geldwäsche haben rund 800 Beamtinnen und Beamte Wohn- und Geschäftsräume in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Belgien durchsucht. Nach Angaben der beteiligten Behörden richten sich die Ermittlungen gegen 50 Verdächtige. Sie sollen mithilfe eines Geflechts aus Scheinfirmen Bargeld aus kriminellen Geschäften gewaschen und dabei Steuern sowie Sozialabgaben von mehr als 60 Millionen Euro hinterzogen haben.
Im Zentrum der Ermittlungen steht ein Modell, bei dem Bargeld aus illegalen Aktivitäten über Briefkastenfirmen in vermeintlich sauberes Buchgeld umgewandelt und auf ausländische Konten transferiert worden sein soll. Für diese Vermittlung sollen die Beschuldigten eine Provision von drei Prozent kassiert haben.
Außerdem sollen Firmen, darunter mehrere aus dem Transport- und Logistiksektor, das beschaffte Bargeld zur Finanzierung von Schwarzarbeit verwendet haben. Über fingierte Rechnungen seien zudem unrechtmäßige Vorsteuererstattungen ermöglicht und sogenannte Umsatzsteuer-Karusselle aufgebaut worden.
„Große Fische am Haken“
Stephanie Thien, Leiterin des Landesamts zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW, sprach von einem gezielt aufgebauten professionellen System. Hinter dem Modell „Bargeld gegen Buchgeld“ stünden Strukturen, die darauf ausgerichtet gewesen seien, Steuern auf mehreren Ebenen zu umgehen, Geld ins Ausland zu verschieben und Schwarzarbeit zu verschleiern. Entscheidend für die Aufdeckung sei die internationale Zusammenarbeit gewesen.
Die Ermittler konnten demnach Zahlungsbewegungen von etwa 150 Millionen Euro nachvollziehen. Das Netzwerk soll seit 2017 aktiv gewesen sein. Um Spuren zu verwischen, seien Scheinfirmen fortlaufend gegründet und wieder aufgelöst worden. Als offizielle Geschäftsführer hätten dabei Strohmänner fungiert.
Bei den Durchsuchungen wurden vier Haftbefehle vollstreckt. Zudem stellten die Behörden Vermögenswerte von zunächst knapp 500.000 Euro sicher, darunter Bargeld, Gold, teure Uhren, Luxus-Handtaschen, Schmuck und Fahrzeuge. Bankguthaben sind in dieser Summe noch nicht enthalten. Außerdem fanden die Einsatzkräfte eine Schusswaffe samt scharfer Munition.
Schwerpunkt der Maßnahmen in Hessen
Der Schwerpunkt des Einsatzes lag in Hessen. Dort richteten sich die Maßnahmen gegen 41 Beschuldigte und 22 Unternehmen. Durchsucht wurden 60 Wohnungen und Firmenstandorte sowie neun Banken und Steuerkanzleien. In Nordrhein-Westfalen nahmen die Einsatzkräfte zehn Wohnobjekte und zehn Firmenadressen ins Visier.
Koordiniert wurden die Ermittlungen vom Landesamt zur Bekämpfung der Finanzkriminalität NRW, der Europäischen Staatsanwaltschaft, den Staatsanwaltschaften Frankfurt am Main und Darmstadt, dem Hauptzollamt Frankfurt am Main sowie belgischen Behörden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber