Mindestens neun Tote bei erneutem nächtlichen Raketenangriff auf Kiew
Russland hat die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht erneut mit ballistischen Raketen angegriffen. Nach Medienberichten wurden dabei mindestens neun Menschen getötet und 23 weitere verletzt. Unter den Verletzten sind demnach auch zwei Teenager.
Wie Bürgermeister Vitali Klitschko und die Behörden mitteilten, wurden in mehreren Stadtbezirken Wohnhäuser und Gewerbegebäude beschädigt. Außerdem gerieten Fahrzeuge in Brand. Klitschko schrieb auf Telegram, ein fünfstöckiges Wohnhaus sei durch herabfallende Raketentrümmer getroffen worden. In dem Gebäude seien Menschen eingeschlossen.
Zuvor hatte der Bürgermeister von Explosionen in der Stadt berichtet und erklärt, Kiew werde mit ballistischen Raketen attackiert. Die Bevölkerung wurde aufgefordert, in den Schutzräumen zu bleiben. Viele Einwohner verbrachten die Nacht erneut in U-Bahn-Stationen oder im Freien. Das gesamte Ausmaß der Schäden war zunächst noch unklar.
Großangelegter Angriff bereits am Donnerstag
Schon am Donnerstag hatte Russland Kiew und weitere ukrainische Städte mit einem massiven Luftangriff überzogen. Nach ukrainischen Angaben kamen landesweit mindestens zehn Menschen ums Leben, Dutzende weitere wurden verletzt.
Auch die westukrainische Stadt Lwiw nahe der polnischen Grenze meldete schwere Schäden. Während des Angriffs drang zudem ein Flugobjekt in den Luftraum des Nato-Mitglieds Polen ein und stürzte dort ab. Die polnische Regierung sprach von einem russischen Marschflugkörper.
Trump zurückhaltend bei möglicher Patriot-Lizenz für die Ukraine
Mit den anhaltenden schweren Luftangriffen versucht Moskau nach Einschätzung vieler Beobachter, die ohnehin stark belastete ukrainische Luftabwehr weiter zu überfordern. Als besonders wirksam gegen ballistische Raketen gelten Patriot-Abfangraketen. Kiew erklärt jedoch seit Längerem, nicht mehr über ausreichend Munition zu verfügen.
US-Präsident Donald Trump äußerte sich am Freitag zurückhaltend zu der Frage, ob die Ukraine eine Lizenz zur eigenen Herstellung von Patriot-Abfangraketen erhalten könnte. Eine solche Möglichkeit hatte er Anfang Juli am Rande des Nato-Gipfels in Ankara noch in Aussicht gestellt. Die Ukraine verteidigt sich seit Februar 2022 mit westlicher Unterstützung gegen die russische Invasion.
Russische Luftabwehr meldet Abschuss von vier Drohnen
Auch die Ukraine griff erneut Ziele in Russland an. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin teilte mit, die russische Luftabwehr habe vier Drohnen zerstört. Zu möglichen Schäden lagen zunächst keine Informationen vor.
Das ukrainische Militär attackiert regelmäßig auch Ziele auf russischem Gebiet, um den Krieg in das Land des Angreifers zurückzutragen. Das Ausmaß der Schäden und Opferzahlen steht jedoch nach Einschätzung vieler Beobachter in keinem Verhältnis zu den massiven Zerstörungen, die Russland in der Ukraine verursacht.
Moskau erlässt Haftbefehl gegen Schanna Nemzowa
Unterdessen hat ein russisches Gericht in Abwesenheit Haftbefehl gegen die Oppositionelle Schanna Nemzowa erlassen. Sie ist die Tochter des 2015 in Moskau ermordeten Kremlkritikers Boris Nemzow.
Nach Angaben des Gerichts wird Nemzowa im Zusammenhang mit ihrer Mitgliedschaft in einer in Russland als unerwünscht eingestuften deutschen Organisation zur Fahndung ausgeschrieben. Für den Fall ihrer Festnahme wurde eine Untersuchungshaft von zwei Monaten angeordnet, die mit einer Übergabe an russische Sicherheitsbehörden verbunden wäre.
Bereits im April 2024 hatte das russische Justizministerium die von Nemzowa gegründete Boris-Nemzow-Stiftung für Freiheit auf die Liste unerwünschter ausländischer und internationaler Organisationen gesetzt. Im Fall einer Verurteilung drohen ihr bis zu sechs Jahre Haft.
Nemzowa reagierte auf Instagram mit einem Foto vor der Zentrale der Deutschen Welle in Bonn. Dazu schrieb sie sinngemäß, sie sei nun berühmt. In einem Kommentar für die Deutsche Welle erklärte sie, der russische Machtapparat verstärke seine Bemühungen, unabhängige Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber