Ukraine

Machtwechsel: Drapatyj übernimmt Kiews Armee

Protest wirkt: Selenskyj feuert seinen Armeechef. Jetzt übernimmt ein General, der anders kämpft – und viele überrascht.

22.07.2026, 04:55 Uhr

Der 43 Jahre alte Generalmajor Mychajlo Drapatyj übernimmt den Oberbefehl über die ukrainischen Streitkräfte im Abwehrkrieg gegen Russland. Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ nach mehreren Tagen öffentlichen Drucks und Protesten den bisherigen Armeechef Olexander Syrskyj (60) und setzte den deutlich jüngeren Offizier an die Spitze der Armee.

In einer Mitteilung auf Facebook erklärte Drapatyj, Selenskyj habe ihm aufgetragen, die Offensivhandlungen „in allen Bereichen fortzusetzen und zu verstärken“. Dazu gehörten auch neue Operationen gegen das russische Hinterland sowie ein weiterer technologischer Ausbau der ukrainischen Streitkräfte. Zugleich kündigte Selenskyj eine Neuordnung des Generalstabs an, abgestimmt mit Verteidigungsministerium und Präsidialamt.

Drapatyj, nach eigenen Angaben seit 26 Jahren Soldat, erklärte, er werde seine neue Aufgabe verantwortungsvoll, konzentriert und mit Respekt gegenüber den Menschen erfüllen, die das Land verteidigen.

Proteste nach Entlassung von Fedorow

Der Wechsel an der Armeespitze folgte auf tagelange Demonstrationen in zahlreichen ukrainischen Städten. Auslöser war die Absetzung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow (35). Während seiner nur sechs Monate im Amt hatte er die Digitalisierung der Streitkräfte vorangetrieben. Besonders sichtbar wurde das an den zuletzt erfolgreicheren ukrainischen Drohnenangriffen tief im russischen Hinterland.

Wie sich zeigte, stand Fedorow jedoch in einem dauerhaften Konflikt mit Syrskyj, einem noch zu Sowjetzeiten ausgebildeten Kommandeur alter Schule. Viele Demonstranten sahen in Fedorow den Vertreter einer moderneren Kriegsführung, die stärker auf Technik setzt und den Mangel an Soldaten berücksichtigt, statt Personal zu verschleißen.

Unklare Zukunft für Ex-Minister Fedorow

Nach intensiven Beratungen mit zahlreichen Kommandeuren traf Selenskyj am Dienstagabend noch einmal mit Fedorow zusammen. Der Präsident kündigte für den Ex-Minister eine „würdige Aufgabe“ in der Regierung an, in der er sich weiter um die technische Entwicklung der Ukraine kümmern könne. Details nannte er zunächst nicht.

Ukrainische Medien berichteten allerdings, Fedorow habe dieses Angebot abgelehnt. Dem 35-Jährigen werden seit Längerem politische Ambitionen bis hin zu einer möglichen Präsidentschaftskandidatur nachgesagt.

Generationswechsel im Kiewer Militär

Drapatyj ist nach Walerij Saluschnyj und Olexander Syrskyj bereits der dritte Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, seit Russland im Februar 2022 seine großangelegte Invasion begonnen hat. Seine Ernennung gilt als deutlicher Generationswechsel in der militärischen Führung.

Der 17 Jahre jüngere Drapatyj soll modernere Methoden der Kriegs- und Menschenführung anwenden. Zum neuen Chef des Generalstabs wurde Ihor Skybjuk (49) ernannt. Neuer Verteidigungsminister ist Jewhenij Chmara (40), der damit derselben Offiziersgeneration angehört. Mit dieser neuen Führung dürfte die Ukraine noch stärker auf asymmetrische Kriegsführung setzen, also technologische Vorteile etwa bei Drohnen ausspielen und zugleich ihre knappe Ressource an Soldaten schonen.

Drapatyjs Bekanntheit seit Mariupol 2014

Drapatyj ist in der Bevölkerung populär. Bekannt wurde er schon 2014 als Major, als er in Mariupol mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter eine Straßensperre prorussischer Kräfte durchbrechen ließ. Damals gelang es der Ukraine noch, die Hafenstadt zu halten. Im 2022 begonnenen großangelegten Angriffskrieg eroberte Russland Mariupol später dennoch.

Im Jahr 2024 trug Drapatyj als Kommandeur dazu bei, den russischen Vorstoß im Gebiet Charkiw einzudämmen. Anschließend übernahm er das Kommando über die ukrainischen Bodentruppen. Von diesem Posten trat er 2025 zurück, nachdem beim Einschlag einer russischen Iskander-Rakete in eine Ausbildungseinheit zwölf Soldaten getötet worden waren. Er erklärte damals, er übernehme Verantwortung dafür, dass die Soldaten im Heer nicht ausreichend geschützt worden seien. Zuletzt führte Drapatyj eine Heeresgruppe, die für die Verteidigung der Region Charkiw zuständig ist.

Auftrag zur Reform der Armee

Das Portal Kyiv Independent beschrieb Drapatyj als wohl modernsten und am Menschen orientierten Militärführer der Ukraine. In einem Facebook-Beitrag stellte er sich hinter Fedorow und warb für Veränderungen in der Armee. Reformen seien notwendig, schrieb er, doch ohne Gerechtigkeit hätten sie für jene keinen Sinn, die diesen Krieg Tag für Tag tragen.

Syrskyj sieht die Ukraine weiter im Offensivmodus

Der entlassene Oberkommandierende Syrskyj erklärte in einem Abschiedsschreiben auf Telegram, er übergebe seinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur die Verteidigung halte, sondern sich auch „im Offensivmodus“ befinde – mit Initiative, Struktur und Personal, das wisse, wie der Feind zu schlagen sei.

Zugleich zog Syrskyj eine Bilanz seiner Amtszeit. Unter seiner Führung sei die Armee grundlegend verändert worden, schrieb er. Er verwies unter anderem auf die Schaffung eigenständiger Drohnenstreitkräfte, die dem Gegner keine sicheren Rückzugsräume mehr ließen, sowie auf den Aufbau einer neuen ukrainischen Luftverteidigung. Unabhängig von seiner künftigen Funktion werde er der Ukraine weiter dienen.

Moskau sieht keine militärische Wende

In Moskau hieß es, die Umbesetzung werde an der militärischen Lage nichts ändern. Kremlsprecher Dmitri Peskow behauptete erneut, russische Truppen rückten an allen Frontabschnitten vor. Der Personalwechsel zeige aber, dass es Risse in der Kiewer Führung gebe, sagte er.

Selenskyj handelte unter politischem Druck

Innenpolitisch bleibt die Lage für Selenskyj schwierig. Die Führungskrise im Militär war durch die Regierungsumbildung überhaupt erst ausgelöst worden, ehe der Präsident in tagelangen Beratungen einen Ausweg finden musste – begleitet von Protesten für Fedorow und gegen Syrskyj.

Der Kiewer Politologe Wolodymyr Fessenko wertete das als weiteres Zeichen für eine Schwäche Selenskyjs in der Innenpolitik. Das sei ein ernstes Problem für den Präsidenten, gerade wenn er eine weitere Amtszeit anstrebe, schrieb Fessenko auf Facebook.

Neue Drohnenangriffe in der Nacht

In der Nacht wurde erneut Luftalarm in der Ost- und Zentralukraine ausgelöst, nachdem russische Drohnen im Anflug waren. Auch Kiew war betroffen. Gleichzeitig meldeten russische Regionen wie Orjol, Kaluga und Woronesch zeitweise Warnungen vor Drohnen- oder Raketenangriffen.

In Russland trafen ukrainische Drohnen nach Behördenangaben erneut zwei Lager des größten Online-Versandhändlers des Landes, Wildberries. Dabei wurden demnach mindestens zwei Menschen getötet und 14 weitere verletzt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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