Der 43-jährige Generalmajor Mychajlo Drapatyj übernimmt künftig den Oberbefehl über die ukrainischen Streitkräfte im Abwehrkrieg gegen Russland. Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ nach mehreren Tagen öffentlicher Proteste den bisherigen Armeechef Olexander Syrskyj (60) und setzte den deutlich jüngeren Offizier an seine Stelle.
In einer Videobotschaft aus Kiew kündigte Selenskyj zugleich eine Neuaufstellung des Generalstabs an, abgestimmt mit dem Verteidigungsministerium und dem Präsidialamt. Drapatyj, der seit einem Vierteljahrhundert in der Armee dient, erklärte auf Facebook, er werde seine neue Aufgabe verantwortungsvoll, konzentriert und mit Respekt gegenüber den Menschen erfüllen, die das Land verteidigen.
Proteste nach Entlassung von Fedorow
Der Wechsel an der Armeespitze folgte auf Demonstrationen in zahlreichen ukrainischen Städten. Auslöser war die Absetzung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow (35). Während seiner nur sechs Monate im Amt hatte er die technologische Modernisierung der Streitkräfte vorangetrieben. Besonders sichtbar wurde das an den zuletzt erfolgreicheren ukrainischen Drohnenangriffen tief im russischen Hinterland.
Wie sich zeigte, stand Fedorow jedoch in einem dauerhaften Konflikt mit Syrskyj, einem noch in Sowjetzeiten ausgebildeten Kommandeur. Viele Demonstranten sahen in Fedorow den Vertreter einer moderneren Kriegsführung, die stärker auf Technik setzt und den Mangel an Soldaten berücksichtigt, statt Personal zu verschleißen.
Selenskyj stellt Fedorow neue Aufgabe in Aussicht
Nach intensiven Beratungen mit mehreren Militärführern traf Selenskyj am Dienstagabend noch einmal mit Fedorow zusammen. Der Präsident kündigte an, dem Ex-Minister eine "würdige Position" zu geben, in der er sich weiter um die technologische Entwicklung der Ukraine kümmern solle. Näheres sagte er zunächst nicht.

Drapatyjs Bekanntheit seit Mariupol 2014
Drapatyj ist in der Bevölkerung populär und wird nach Walerij Saluschnyj und Olexander Syrskyj bereits der dritte Oberkommandierende der ukrainischen Armee seit Beginn des russischen Großangriffs vor fast viereinhalb Jahren.
Bekannt wurde er schon 2014 als Major, als er in Mariupol mit einem gepanzerten Transportfahrzeug eine Straßensperre prorussischer Kräfte durchbrechen ließ. Damals gelang es der Ukraine noch, die Hafenstadt zu halten.
Im Jahr 2024 trug Drapatyj als Kommandeur dazu bei, den russischen Vorstoß im Gebiet Charkiw einzudämmen. Anschließend übernahm er das Kommando über die ukrainischen Bodentruppen. Von diesem Posten trat er 2025 zurück, nachdem beim Einschlag einer russischen Iskander-Rakete in eine Ausbildungseinheit zwölf Soldaten getötet worden waren. Er erklärte damals, er übernehme Verantwortung dafür, dass die Soldaten im Heer nicht ausreichend geschützt worden seien. Zuletzt führte Drapatyj eine Heeresgruppe, die für die Verteidigung der Region Charkiw zuständig ist.
Auftrag zur Reform der Armee
Das Portal Kyiv Independent beschrieb Drapatyj als den wohl modernsten und am Menschen orientierten Militärführer der Ukraine. In einem Facebook-Beitrag stellte er sich hinter Fedorow und warb für Veränderungen in der Armee. Reformen seien notwendig, schrieb er, doch ohne Gerechtigkeit hätten sie für jene keinen Sinn, die diesen Krieg Tag für Tag tragen.
Selenskyj hob zugleich die militärischen Leistungen des scheidenden Armeechefs Syrskyj hervor, unter anderem bei der Verteidigung von Kiew im Jahr 2022, in Charkiw 2024 und beim ukrainischen Vorstoß in das russische Gebiet Kursk 2024. Der Präsident betonte, dass auch Drapatyj diese Verdienste anerkenne.
Zum kommissarischen Verteidigungsminister ernannte Selenskyj Jewhenij Chmara. Drapatyj, Chmara und Präsidialamts-Vize Pawlo Palissa sollen nun das Verhältnis zwischen Verteidigungsministerium und Generalstab neu ordnen.
Neue Drohnenangriffe in der Nacht
In der Nacht wurde erneut Luftalarm in der Ost- und Zentralukraine ausgelöst, nachdem russische Drohnen im Anflug waren. Auch Kiew war betroffen. Gleichzeitig meldeten russische Regionen wie Orjol, Kaluga und Woronesch zeitweise Warnungen vor Drohnen- oder Raketenangriffen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber