Der wegen Kriegsverbrechen verurteilte bosnisch-serbische Ex-General Ratko Mladic ist tot. Das bestätigte ein hochrangiger Vertreter der Vereinten Nationen der Deutschen Presse-Agentur. Später teilte die zuständige UN-Organisation in Den Haag mit, dass der 84-Jährige an diesem Donnerstag im Gefängniskrankenhaus gestorben sei. Die genaue Todesursache wird noch untersucht.
Mladic verbüßte seine lebenslange Haftstrafe im internationalen Gefängnis in der niederländischen Stadt.
Für Opfer des Bosnien-Kriegs und ihre Angehörigen stand der als „Schlächter von Srebrenica“ bezeichnete Mladic für das Böse schlechthin. Mit seinem Namen ist vor allem das Massaker von Srebrenica verbunden: Im Juli 1995 wurden in der ostbosnischen Enklave rund 8.000 Menschen ermordet, überwiegend Männer und männliche Jugendliche. Wegen dieses Verbrechens verurteilte ihn das UN-Tribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag zu lebenslanger Haft. 2021 bestätigte das Nachfolge-Tribunal das Urteil im Berufungsverfahren, womit die Strafe rechtskräftig wurde.
Langes Register grausamer Verbrechen an Zivilisten
Mladic war während des Bosnien-Kriegs Oberbefehlshaber der bosnisch-serbischen Armee (BSA). Die Miliz wäre ohne Unterstützung aus Belgrad nach Einschätzung vieler Beobachter kaum überlebensfähig gewesen. Mladic erhielt seinen Sold aus der serbischen Hauptstadt und gehörte dem serbischen Generalstab an. Gemeinsam mit dem politischen Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und im Sinne des damaligen serbischen Machthabers Slobodan Milosevic verfolgte er das Ziel, große Teile Bosniens zu erobern und an Serbien anzuschließen. Karadzic verbüßt ebenfalls eine lebenslange Haftstrafe wegen Kriegsverbrechen. Milosevic starb 2006 im Untersuchungsgefängnis in Den Haag, bevor ein Urteil gegen ihn gefällt werden konnte.
Schon im ersten Kriegssommer 1992 massakrierten bosnisch-serbische Milizen unter Mladics Kommando tausende Bosniaken und Kroaten im Osten und Norden Bosniens. Sie errichteten Gefangenenlager, in denen nicht serbische Zivilisten unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten, misshandelt und oft zu Tode gequält wurden. Zudem betrieben sie Vergewaltigungslager für nicht serbische Frauen und Mädchen. Mehr als drei Jahre lang belagerten Mladics Truppen die bosnische Hauptstadt Sarajevo, wo Scharfschützen und Artillerie Jagd auf die Zivilbevölkerung machten. Dort kamen mehr als 11.000 Menschen ums Leben, darunter viele Kinder. Hunderttausende nicht serbische Zivilisten wurden vertrieben, um ethnisch „reine“ Gebiete zu schaffen.
Professionell inszenierte Fernsehbilder trugen lange zu seinem Mythos als angeblicher Kriegsheld bei. Sie zeigten einen bulligen Mann im Kampfanzug, mit millimeterkurz geschorenem Haar, stets nahe bei einfachen Soldaten an der Front. Besonders perfide wirkte später ein Fernsehauftritt Mladics in Srebrenica: Kameras zeigten ihn im Juli 1995, wie er Kindern Schokolade gab und weinende Frauen beruhigte. Kurz darauf begann die organisierte Vertreibung der Frauen und Kinder in vorbereiteten Bussen. Männer und männliche Jugendliche wurden von Mladics Einheiten verschleppt und wenig später in Lagerhallen oder auf Fußballfeldern massenhaft erschossen.
Geboren wurde Mladic 1942 in Kalinovik südlich von Sarajevo. Mit Anfang 20 absolvierte er die Militärakademie in Belgrad mit Auszeichnung. In Serbien und unter bosnischen Serben galt er lange als Kriegsheld.
Festgenommen wurde er jedoch erst im Mai 2011 in Serbien. Die Europäische Union hatte die Auslieferung aller gesuchten Kriegsverbrecher zur Bedingung für den Beginn von EU-Beitrittsgesprächen gemacht. Mladic wurde anschließend nach Den Haag überstellt. 2014 begannen die Gespräche schließlich.
In Serbien wird der Völkermord weiter geleugnet
In Serbien wird der vom UN-Tribunal festgestellte Völkermord von Srebrenica von offizieller Seite bis heute bestritten. Unter Präsident Aleksandar Vucic wird das Verbrechen häufig lediglich als Kriegsverbrechen dargestellt, wie es auch von anderer Seite an Serben in Bosnien begangen worden sei. Zugleich wird Mladic in Teilen des Landes weiterhin als Held und „Retter der Serben“ glorifiziert.
Während seines Prozesses in Den Haag zeigte der Ex-General keine Reue und fiel immer wieder durch Pöbeleien und Ausbrüche im Gerichtssaal auf. Zuletzt war er schwer krank. Die Regierung in Belgrad setzte sich intensiv für eine Freilassung aus humanitären Gründen ein. Sein Sohn Darko Mladic sprach sogar von einem angeblich gegen den Vater verübten „stillen Mord“. Das Gericht wies dies entschieden zurück. Noch am 20. August hatte es eine Freilassung abgelehnt mit der Begründung, Mladic sei nicht mehr transportfähig, sein Tod stehe kurz bevor und eine Verlegung daher nicht human.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber