Die UEFA treibt ihren Konflikt mit FIFA-Präsident Gianni Infantino im Streit um den gescheiterten Investoreneinstieg bei der WM deutlich voran. Kurz vor der Auslosung der Champions League bereitete der europäische Fußballverband nach dpa-Informationen ein mögliches Strafverfahren gegen den FIFA-Chef und womöglich weitere Funktionäre vor.
Im Zentrum steht der Verdacht der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Aus einem rund 60 Seiten starken Schriftsatz an ein Distriktgericht im US-Bundesstaat Florida, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, geht hervor, dass die UEFA von der FIFA sowie beteiligten Finanzinstituten die Herausgabe von Unterlagen zu dem inzwischen gescheiterten Vorhaben verlangt.
Weitere Vorwürfe gegen Infantino
Nach dem Dokument beschränken sich die Vorwürfe nicht nur auf den geplanten Verkauf von Anteilen an der WM-Vermarktung. Die UEFA erhebt demnach eine Reihe weiterer Anschuldigungen wegen möglichen Fehlverhaltens gegen Infantino.
Kern der Kritik ist der geplatzte Deal über Anteilsrechte an sämtlichen FIFA-Turnieren, den Infantino kurz nach der WM vorantreiben wollte. In dem Schreiben der UEFA wird die angesetzte Verkaufssumme als nicht marktüblich und sogar als betrügerisch bezeichnet. Demnach sei der Preis zugunsten Infantinos eigener Interessen beworben worden. Die FIFA wollte sich dazu auf Anfrage zunächst nicht äußern.
Infantino soll ein milliardenschweres Investorenmodell für die WM-Vermarktung an den FIFA-Gremien vorbei vorangetrieben und dafür bereits konkrete Pläne mit US-Geldgebern vorgestellt haben. Vor allem aus Europas Fußball-Führungszirkel hatte das massive Proteste ausgelöst. Infantino zog das Projekt schließlich zurück und wies anschließende Rücktrittsforderungen zurück.
Die UEFA wirft ihm zudem vor, das kommerzielle Potenzial der FIFA-Turniere nur vorgeschoben zu haben. Tatsächlich habe das Modell dazu gedient, einem kleinen Kreis einen dauerhaften Zugriff auf die wertvollsten Vermögenswerte der FIFA zu sichern – zum Nachteil des Weltverbands, seiner Mitgliedsverbände und weiterer Akteure im Fußball. Nach UEFA-Auffassung seien die FIFA-Rechte in den Plänen absurd niedrig bewertet worden. Zudem habe es weder ein offenes Bieterverfahren noch ein unabhängiges Gutachten gegeben.
Nächste Schritte in Monaco vorgestellt
UEFA-Präsident Aleksander Ceferin informierte im Fürstentum Monaco die 55 nationalen Verbände über das weitere Vorgehen. Für den Deutschen Fußball-Bund nahmen Präsident Bernd Neuendorf sowie Hans-Joachim Watzke als Mitglied des UEFA-Exekutivkomitees an der rund einstündigen Sitzung teil.
Neuendorf begrüßte die juristische Aufarbeitung und sprach von einem Vertrauensbruch. Die Vorgänge dürften aus seiner Sicht nicht ohne personelle Konsequenzen bleiben. Zudem forderte er, dass die FIFA ihre Governance-Strukturen und damit die Art ihrer Amtsführung überdenken müsse.
Auch UEFA-Generalsekretär Theodore Theodoridis machte die Stoßrichtung deutlich. Die Europäer wollten einen Wandel und lehnten jede Form eines „Königreichs“ im Weltfußball ab – unabhängig davon, wer an der Spitze stehe.
Boykottdrohung zurückgezogen
Bis zuletzt hatte die UEFA mit Boykottdrohungen Druck auf die FIFA-Spitze ausgeübt. Nach Angaben aus dem Umfeld der Beratungen soll sie inzwischen Zusicherungen erhalten haben, dass es vergleichbare Vorstöße wie beim geplanten Verkauf von WM-Rechten nicht mehr geben werde. Deshalb nahm die UEFA diese Drohung in Monaco zurück – und setzt nun stattdessen auf juristische Schritte gegen Infantino.
Verfahren wohl in der Schweiz
Nach UEFA-Auffassung könnte Infantino im Fall einer Verurteilung sogar eine Haftstrafe drohen. Ein mögliches Strafverfahren würde in der Schweiz geführt, dem Sitz der FIFA. Der Gang vor ein Gericht in Florida hat demnach vor allem formale Gründe, weil dort die Rechtsabteilung des Weltverbands angesiedelt ist.
Das Vorgehen erinnert an die Vorgänge um Infantinos Vorgänger Joseph Blatter im Jahr 2015. Damals brachte der Druck der US-Justiz den langjährigen FIFA-Präsidenten politisch zu Fall, auch wenn Blatter selbst nicht verurteilt wurde. Im aktuellen Machtkampf greift die UEFA Infantino nun offen an.
Kein Gegenkandidat in Sicht
Infantino will sich am 18. März 2027 für eine vierte Amtszeit als FIFA-Präsident wählen lassen. Unter den 211 stimmberechtigten Mitgliedsverbänden gibt es derzeit weder eine klare Mehrheit für noch gegen ihn. Saudi-Arabien, Gastgeber der WM 2034, stellte sich kurz vor der nächsten UEFA-Attacke zwar hinter Infantino – allerdings nur mit der Einschränkung, man unterstütze ihn „zu diesem Zeitpunkt“. Damit bleibt ein späterer Kurswechsel möglich.
Einen alternativen Kandidaten hat die UEFA bislang nicht präsentiert. Damit dürfte die Auseinandersetzung vorerst weniger politisch als juristisch weitergeführt werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber