Erste Briefe nach dem Holocaust: Stimmen von Überlebenden
Fast ein Jahr nach Kriegsende schrieb Arthur Feige an einen früheren Freund. In dem Brief vom 13. März 1946 berichtet der Berliner Jude, dass er nur wie durch ein Wunder noch am Leben sei. Er habe Furchtbares erlebt und wünsche sich nichts sehnlicher, als Deutschland zu verlassen. Sein Ziel: Palästina. In Deutschland, so macht er deutlich, finde er innerlich keinen Halt mehr.
Dieser Brief ist Teil des Bandes „Nach so viel Schmerz und Pein – Erste Briefe nach dem Holocaust“, den der Herder-Verlag gemeinsam mit der internationalen Gedenkstätte Yad Vashem erstmals auf Deutsch herausbringt. Die Sammlung enthält persönliche Schreiben von Überlebenden – intime Dokumente, die zugleich historische Zeugnisse ersten Ranges sind.
Briefe als Mahnung für die Zukunft
Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), die das Buch mit dem Freundeskreis Yad Vashem vorstellt, bezeichnet die Briefe als Berichte über das größte Menschheitsverbrechen. Gerade für junge Generationen könnten sie das Geschehene greifbar machen, Mitgefühl wecken und daran erinnern, wie wertvoll Demokratie und Menschlichkeit sind.
Rückblickend erscheint das Ende der NS-Herrschaft oft wie eine Erlösung. Für die Überlebenden bedeutete die Befreiung zwar das Ende unmittelbarer Gewalt, doch nicht das Ende des Leids. Viele trugen tiefe seelische Wunden: Erinnerungen an Misshandlungen, Schuldgefühle, überlebt zu haben, und die Trauer um ermordete Angehörige. Hinzu kam die Rückkehr in eine zerstörte Heimat, in der viele Menschen weggesehen oder das Unrecht sogar unterstützt hatten.

Arthur Feige und das Leben im Versteck
Arthur Feige arbeitete einst als Elektrotechniker in den Charlottenburger Motorenwerken. Im November 1942 wurde er von der Gestapo festgenommen und sollte nach Auschwitz deportiert werden. Während des Transports gelang ihm die Flucht: Er zwängte sich durch das Fenster einer Zugtoilette.
Danach überlebte er fast drei Jahre lang versteckt im Deutschen Reich. Im Sommer hielt er sich auf einem Boot am Storkower See südöstlich von Berlin auf, im Winter in einer selbstgebauten Hütte. Um an Nahrung zu kommen, arbeitete er unter falscher Identität als Landarbeiter, Kohlenpacker und Reparateur von Radios.
Über die Befreiung durch die Rote Armee schrieb Feige, dass er damit endlich außer Gefahr gewesen sei. Doch seine Familie war fast vollständig ausgelöscht: Die Eltern starben in Theresienstadt, Schwester, Schwager und Neffe wurden in Riga ermordet, sein Bruder Paul und dessen Frau vermutlich in Auschwitz. Viele weitere Verwandte und Freunde kamen ebenfalls ums Leben. Äußerlich, schrieb Feige, gehe es ihm inzwischen besser – geblieben sei jedoch eine „entsetzliche seelische Leere“.
Überlebende kehrten entwurzelt zurück
Von den rund sechs Millionen europäischen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, überlebten etwa 3,5 Millionen die Schoah. Die Historikerin Anna Junge geht davon aus, dass in Deutschland nur ungefähr 15.000 Jüdinnen und Juden der Verfolgung entgingen, ohne deportiert zu werden – etwa in sogenannten Mischehen oder im Versteck, wie Arthur Feige.
Nach Kriegsende kamen Zehntausende befreite Juden nach Deutschland zurück. In den westlichen Besatzungszonen lebten laut Bundeszentrale für politische Bildung zunächst etwa 50.000 bis 75.000 jüdische Überlebende als sogenannte Displaced Persons. Für viele war ein wirklicher Neubeginn kaum möglich.
Ein Beispiel ist Richard Fleischer aus Göppingen. Nach seiner Verhaftung im November 1941 wurde er nach Riga und später nach Danzig verschleppt. Vier Jahre Lagerhaft, Zwangsarbeit, Krankheiten und Hunger hatten ihn auf 32 Kilo abgemagert. Nach der Befreiung brachten ihn die Sowjets mit rund 120 weiteren Überlebenden in ein Sanatorium.
In seinem Brief schildert Fleischer, dass die Patienten dort mehrmals täglich reichlich zu essen bekamen – Weißbrot, Butter, Zucker, Kaffee und Kakao. Dennoch starben viele der geschwächten Männer. Von der Gruppe wurden am Ende nur noch 30 gesund entlassen. Er selbst habe wochenlang kaum bei Bewusstsein im Bett gelegen.
Rückkehr ohne wirkliche Aufnahme
Laut Verlag sind viele der Briefe unmittelbare, kaum gefilterte Schilderungen des Erlebten. Dass die Originale in so vielen Sprachen verfasst wurden – darunter Deutsch, Russisch, Französisch, Ungarisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Niederländisch und Polnisch –, zeigt, wie ganz Europa von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik betroffen war.
Auch außerhalb Deutschlands wurden Rückkehrer nicht immer offen empfangen. Der Historiker Dan Michman verweist auf einen Brief seiner Mutter Frederika Melkman. Seine Eltern waren aus den Niederlanden deportiert worden. Nach ihrer Rückkehr nach Amsterdam trugen die Beamten zwar Armbinden mit der Aufschrift „Willkommen“, doch ihre Haltung sprach eine andere Sprache: reserviert, abweisend und bürokratisch.
Noch schmerzhafter war für Frederika und ihren Mann die Suche nach ihrem kleinen Sohn. Sie hatten ihn vor der Verfolgung bei einer Frau auf dem Land versteckt. Als sie ihm nach dem Krieg wieder gegenüberstanden, waren sie für ihn zunächst Fremde und mussten ihm erklären, dass sie seine Eltern seien und ihn nun mitnehmen wollten.
Michman berichtet, dass sein Vater – selbst Historiker und später Generaldirektor von Yad Vashem – die Briefe seiner Mutter erst nach deren Tod 1991 entdeckte. Schnell sei klar gewesen, dass es sich nicht nur um Familienerinnerungen handle, sondern um Dokumente von allgemeiner Bedeutung. Auffällig sei, dass in vielen Briefen nicht Rache im Vordergrund stehe, sondern die Frage nach jüdischer Identität und nach einer besseren Zukunft.
Zwischen Trauer und Trost
Die Sammlung enthält nicht nur Verzweiflung, sondern auch Momente des Trostes. So schrieb Syme Zosim Rysavy aus Brünn im heutigen Tschechien an ihren Bruder Ned, nachdem sie im September 1945 zwei Briefe von ihm erhalten hatte.
Ihre Brüder waren 1939 kurz vor der deutschen Besetzung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ nach London geflohen. Syme blieb bei den alten Eltern. 1942 wurde sie mit ihrem Mann Fritz nach Theresienstadt und später nach Auschwitz deportiert. Fritz wurde dort ermordet. Syme überlebte Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten und Erniedrigungen.
Die Nachricht ihres Bruders bedeutete ihr nach all dem unermesslich viel. Sie schrieb ihm, seine Briefe seien das schönste Geschenk gewesen. Mehr als alles andere wünsche sie sich, ihn wiederzusehen, ihm nah zu sein, ohne viele Worte machen zu müssen. Denn das, was sie in den vergangenen vier Jahren erlebt und erlitten habe, lasse sich weder erzählen noch aufschreiben.
Die Briefe in dem Band machen deutlich, wie tief die Zerstörung durch den Holocaust reichte – und wie schwer der Weg zurück ins Leben für die Überlebenden war. Gerade deshalb besitzen diese Zeugnisse bis heute eine besondere Kraft.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber