Binnen nur acht Tagen hat Kimi Antonelli auch die letzten Zweifel im Titelrennen beseitigt. Mit einer erstaunlichen Dominanz in seinem zweiten Jahr in der Formel 1 bringt der junge Italiener seine Konkurrenten zunehmend zur Verzweiflung. Nach Antonellis jüngstem Sieg räumte selbst sein Mercedes-Teamkollege George Russell ein: „Realistisch betrachtet bin ich kein Kandidat mehr für den Fahrertitel.“
Russell, der vor Saisonbeginn noch als Mitfavorit galt, liegt inzwischen 81 Punkte zurück – das entspricht mehr als drei Rennsiegen. Lewis Hamilton, der auf dem neuen Stadtkurs in Madrid mit Bremsproblemen an seinem Ferrari zu kämpfen hatte, weist als WM-Dritter bereits 101 Zähler Rückstand auf. Auch das sind mehr als vier Siege.
Damit wird längst nicht mehr nur über Antonellis Stärke gesprochen, sondern schon darüber, wann er sich den Titel sichern könnte. Kaum jemand zweifelt noch daran, dass er mehr als 70 Jahre nach Giuseppe Farina und Alberto Ascari als dritter Italiener Formel-1-Weltmeister werden dürfte.
Der Antonelli-Effekt
Die britische Daily Mail schrieb sinngemäß, dass immer dann, wenn sich im Titelkampf ein kleiner Hoffnungsschimmer zeige, Antonelli diesen sofort wieder auslösche. Bezeichnend dafür war auch sein achter Saisonsieg: Obwohl Lando Norris an diesem Tag eigentlich schneller wirkte, stand am Ende erneut Antonelli ganz oben.
Der Italiener selbst zeigte sich nach dem Rennen fast zurückhaltend: Ein Sieg sei zwar schön, sagte er, doch eigentlich habe er das Gefühl gehabt, dass Norris den Erfolg verdient hätte.

Entscheidend war eine virtuelle Safety-Car-Phase, die den Zeitverlust beim Boxenstopp stark reduzierte. Während bei Antonelli alles ideal zusammenlief, verlor Norris in einer Situation, in der er wie der sichere Sieger aussah. Mercedes-Teamchef Toto Wolff erklärte, sein Team habe in dieser Saison bislang kaum Glück mit Safety-Car- oder VSC-Phasen gehabt – diesmal aber enorm profitiert. Ausschlaggebend sei jedoch auch Antonellis Tempo gewesen. Wolff lobte ihn als nahezu fehlerfrei, merkte aber mit einem Schmunzeln an, dass der kurze Kontakt mit der Mauer am Ende nicht gerade beruhigend gewesen sei.
Dominanz wie bei den ganz Großen
Antonelli hat in dieser Saison bereits mehr als die Hälfte aller Rennen gewonnen. Diese Bilanz erinnert an die Hochzeiten früherer Serienweltmeister wie Michael Schumacher bei Ferrari, Sebastian Vettel im Red Bull, Lewis Hamilton im Mercedes oder Max Verstappen ebenfalls im Red Bull.
Hamilton, dessen Platz bei Mercedes Antonelli übernommen hatte, hatte seine Hoffnungen auf den Titel schon in Monza praktisch abgeschrieben. Dort hatte Antonelli ebenfalls gewonnen, während Hamilton im Ferrari nur Rang sechs belegte. In Madrid war sein Rennen nach wenigen Runden wegen eines rätselhaften Bremsproblems bereits beendet.
Antonelli bleibt vorsichtig
Trotz seines großen Vorsprungs gibt sich der 20-Jährige weiter betont zurückhaltend. Zwar wisse er, dass sein Polster groß sei, sagte Antonelli, doch im Motorsport könne jederzeit etwas passieren. An die Weltmeisterschaft wolle er deshalb bewusst noch nicht denken.
Die italienische Gazzetta dello Sport sah das naturgemäß euphorischer und adelte ihn bereits als „König Antonelli I., Kaiser von Madring“. Zudem berichtete das Blatt, dass die Wettquoten auf seinen WM-Triumph nach dem Spanien-Sieg regelrecht eingebrochen seien.
Wann fällt die Entscheidung?
Noch stehen neun Grands Prix aus. Allerdings ist weiterhin offen, ob die letzten beiden Rennen in Katar und Abu Dhabi wegen des Kriegs im Iran wie geplant stattfinden können. Als bevorzugte Ausweichlösung gilt Imola – nur rund 70 Kilometer von Antonellis Heimatstadt Bologna entfernt. Für den jungen Italiener wäre ein Titelgewinn dort ein ganz besonderes Szenario.
Rechnerisch könnte die Entscheidung aber schon deutlich früher fallen. Im frühesten Fall wäre der Titelgewinn bereits in Singapur möglich, wo inklusive Sprintrennen zusätzlich acht Punkte vergeben werden. Dafür müsste Antonelli allerdings die nächsten drei Rennen gewinnen und seine Verfolger dürften leer ausgehen. Wahrscheinlicher erscheint daher eine Vorentscheidung oder gar Entscheidung erst in Austin, Mexiko-Stadt oder São Paulo.
Titelverteidiger Lando Norris zeigte sich nach dem Madrid-Rennen beeindruckt. Es sei großartig zu sehen, wie ein so junger Fahrer auf diesem Niveau abliefere und vermutlich die Meisterschaft holen werde. Antonelli sei „ziemlich phänomenal“ und habe seit dem ersten Saisonrennen nachhaltig beeindruckt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber