Friedensnobelpreis geht an Juristin Navanethem Pillay
Die südafrikanische Juristin Navanethem Pillay wird in diesem Jahr mit dem Friedensnobelpreis geehrt. Das norwegische Nobelkomitee in Oslo zeichnet die 85-Jährige für ihren Einsatz zur Förderung von Frieden und Völkerrecht aus. Nach Worten des Komiteevorsitzenden Jørgen Watne Frydnes hat Pillay maßgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord strafrechtlich verfolgt werden.
Die Jury würdigte Pillays Unabhängigkeit, ihren außergewöhnlichen Mut, ihre Integrität und ihren festen moralischen Kompass. Sie habe Regierungs- und Staatschefs zur Rechenschaft gezogen und Opfern von Gewalt und Konflikten Hoffnung gegeben. Gerade in einer Zeit, in der internationales Recht unter starkem Druck steht und seine Institutionen angegriffen werden, brauche es Persönlichkeiten wie sie, hieß es.
Die Auszeichnung ist auch politisch brisant. US-Präsident Donald Trump und Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu haben sowohl die Arbeit der UN-Kommission zum Gazastreifen als auch internationale Gerichte infrage gestellt. Israels Außenministerium griff die Entscheidung des Nobelkomitees scharf an.
Preisträgerin wusste zunächst nichts von ihrem Glück
Von ihrer Auszeichnung erfuhr Pillay zunächst nicht direkt. Das Nobelkomitee hatte sie vor der Verkündung nicht erreicht. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe hielt sie sich in Nürnberg bei einer Fachkonferenz zum Völkerstrafrecht auf. Dort habe sie der Direktor des Nuremberg Forums aus einer Veranstaltung geholt und ihr gesagt, sie solle sich erst einmal setzen, schilderte die 85-Jährige später. Die Ehrung sei für sie völlig unerwartet gewesen und eine wunderbare Überraschung.
Vor ihrem offiziellen Statement wurde Pillay in Nürnberg mit Applaus empfangen. Einen Seitenhieb auf Trump konnte sie sich dabei nicht verkneifen: Wenn noch weiter geklatscht werde, teile sie den Preis vielleicht mit Trump, scherzte sie nach Angaben des norwegischen Rundfunks.
Anders als die Friedensnobelpreisträgerin des Vorjahres, die venezolanische Oppositionsführerin María Corina Machado, die ihren Preis symbolisch Trump gewidmet hatte, widmete Pillay die Auszeichnung den Überlebenden internationaler Verbrechen und den Verteidigern des Völkerrechts. Deren Mitgefühl und Mut sorgten dafür, dass Straflosigkeit nicht hingenommen werde. Zugleich warnte sie, internationales Recht und Menschenrechte stünden derzeit unter erheblichem politischem Angriff.
Pillay ist nach Albert Luthuli, Desmond Tutu, Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk die fünfte südafrikanische Persönlichkeit, die den Friedensnobelpreis erhält.
Mächtige Botschaft zur Verteidigung des Völkerrechts
Mit der Preisvergabe wolle die Jury daran erinnern, dass die Stärkung des Völkerrechts ein Grundpfeiler für eine friedlichere Welt sei. Unterstützung kam auch von Fachleuten: Der Direktor des Friedensforschungsinstituts Sipri, Karim Haggag, sprach von einer äußerst wichtigen und kraftvollen Botschaft zur Verteidigung des Völkerrechts, gerade in einer Zeit, in der mächtige Staaten internationales Recht ignorierten und Institutionen bedrohten.
Ole von Uexküll von der Right Livelihood Stiftung nannte die Ehrung das richtige Signal zum richtigen Zeitpunkt. Pillay habe über Jahrzehnte einige der wichtigsten Institutionen der regelbasierten globalen Ordnung gestärkt, die von Autokraten zunehmend aggressiv bekämpft würden. Auch die Präsidentin des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag, Tomoko Akane, bezeichnete den Preis als wichtige Würdigung der internationalen Justiz als Eckpfeiler dauerhaften Friedens. Besonders die USA setzen den Gerichtshof unter Druck und haben Sanktionen gegen ihn verhängt.
Von der Busfahrertochter zur UN-Spitzenjuristin
Pillay begann ihren Kampf gegen Unrecht schon früh. Die 1941 in Durban geborene Tochter eines Busfahrers stellte sich als junge Anwältin gegen das Apartheidregime in Südafrika. Weil sie als indischstämmige Frau damals keine Anstellung in einer Kanzlei fand, eröffnete sie 1967 als erste Frau in der damaligen Provinz Natal ihre eigene Praxis. Dort verteidigte sie Gegner der Apartheid und setzte sich für politische Gefangene ein.
1995 wurde sie als erste nichtweiße Frau Richterin an einem südafrikanischen Obergericht. Im selben Jahr wechselte sie an das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ruanda, dem sie später vier Jahre lang vorstand. 1998 war sie an einem wegweisenden Urteil beteiligt, das Vergewaltigung erstmals als mögliche Form des Völkermords anerkannte.
Von 2003 an war Pillay Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, bevor sie 2008 das Amt der UN-Hochkommissarin für Menschenrechte übernahm. Bis 2014 blieb sie im Amt. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Ehrendoktorwürden.
Zuletzt leitete Pillay seit 2021 eine UN-Untersuchungskommission zu Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten. Das Gremium kam im September 2025 zu dem Schluss, dass Israel im Gazastreifen Völkermord begangen habe. Die israelische Regierung wies die Vorwürfe als falsch und voreingenommen zurück. Pillay wiederum verteidigte die Einschätzung mit Verweis auf die Beweislage.
Kontroversen um ihre Haltung zu Israel
Die Vergabe des Friedensnobelpreises an Pillay löste in Israel scharfe Reaktionen aus. Das Außenministerium erklärte auf der Plattform X, das Nobelkomitee habe die größte Lüge des 21. Jahrhunderts belohnt. Die Entscheidung sei eine groteske Instrumentalisierung der Auszeichnung, um antiisraelischen Hass und Vorurteile zu legitimieren.
Auch in Deutschland hatte Pillays Haltung bereits für Streit gesorgt. 2022 sollte sie in Berlin die Otto-Hahn-Friedensmedaille erhalten. Nach heftiger Kritik sagte die damalige Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey ihre Teilnahme ab, die Veranstaltung im Roten Rathaus wurde gestrichen.
Eine der bedeutendsten Ehrungen weltweit
Der Friedensnobelpreis gilt als eine der renommiertesten Auszeichnungen der Welt. In diesem Jahr waren 287 Kandidaten nominiert. Dotiert ist der Preis mit zwölf Millionen schwedischen Kronen, das entspricht derzeit etwas mehr als einer Million Euro.
Die feierliche Verleihung findet traditionell am 10. Dezember statt, dem Todestag Alfred Nobels. Anders als die übrigen Nobelpreise wird der Friedensnobelpreis seit 1901 in Oslo und nicht in Stockholm überreicht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber