Bundesanwaltschaft übernimmt nach CSD-Anschlag in Berlin – mutmaßlicher Täter bei SEK-Einsatz getötet
Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag am Rande des Berliner Christopher Street Day (CSD) hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Das bestätigte eine Sprecherin der Karlsruher Behörde. Sie ist unter anderem für Verfahren wegen islamistisch motivierten Terrorismus zuständig.
Der Tatverdächtige wurde am Sonntag bei einem Polizeieinsatz in einer Kleingartenanlage in Berlin-Spandau getötet. Nach Angaben der Berliner Polizei lief der Mann mit einer Stichwaffe auf Einsatzkräfte zu und griff Polizisten an. Daraufhin schoss das Berliner Spezialeinsatzkommando auf ihn. Trotz sofort eingeleiteter Reanimationsmaßnahmen der Feuerwehr starb er noch am Einsatzort.
Eine Tote und 29 Verletzte nach Angriff am Samstag
Der Berliner CSD war am Samstagabend abgebrochen worden, nachdem ein Auto am Rand der Großveranstaltung in eine Menschenmenge gefahren war. Eine Frau wurde getötet, 29 weitere Menschen wurden verletzt. Nach Angaben der Polizei war am Sonntagnachmittag niemand mehr in Lebensgefahr.
Die Feierstimmung kippte demnach gegen 22.00 Uhr, als ein weißer Van nahe dem Potsdamer Platz in die Menge fuhr. Der Veranstaltungsort wurde geräumt, Verletzte kamen in Krankenhäuser.
Laut Polizei stieg der Fahrer nach der Tat aus dem Fahrzeug und flüchtete. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sagte, der Mann habe mutmaßlich anschließend auch mit einer Machete Passanten angegriffen. Die Ermittler gehen von einem islamistischen Terroranschlag aus. Dobrindt erklärte, alles deute darauf hin.
Tatverdächtiger als 21-jähriger Abdul B. identifiziert
Am Sonntagmorgen hatte die Polizei mit einem Foto nach dem 21 Jahre alten Abdul B. gefahndet. Nach Behördenangaben wurde er in Berlin geboren, wuchs dort auf und war deutscher Staatsbürger. Dobrindt zufolge hatte er einen libanesischen Hintergrund; seine Mutter sei 2002 in Deutschland eingebürgert worden.
Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Mann in den vergangenen Monaten radikalisiert hatte und der islamistischen Szene angehörte. Demnach versuchte er im vergangenen Jahr mehrfach, sich im Ausland der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen.
Im Juli 2025 wurde Abdul B. laut Generalstaatsanwaltschaft im Libanon festgenommen und saß dort drei Monate in Haft. Nach seiner Entlassung kehrte er am 17. November nach Deutschland zurück und wurde noch am Flughafen BER erneut festgenommen.
Anschließend saß er in Deutschland monatelang in Untersuchungshaft. Im Mai 2026 verurteilte ihn ein Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten unter anderem wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Zugleich wurde der Haftbefehl aufgehoben. Die Verurteilung ist jedoch noch nicht rechtskräftig, weil die Generalstaatsanwaltschaft Berufung eingelegt hat. Sie hatte eine höhere, nicht mehr bewährungsfähige Jugendstrafe sowie die Fortdauer der Haft beantragt.
Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft zeigte sich Abdul B. im Prozess überwiegend geständig und distanzierte sich vom IS. Noch Anfang dieses Monats durchsuchten Ermittler seine Wohnung in Berlin-Schöneberg wegen eines Anfangsverdachts auf einen Verstoß gegen das Waffengesetz. Gefunden wurde demnach lediglich eine Spielzeugwaffe.
Wegner spricht von schnellem Ermittlungserfolg
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner zeigte sich erleichtert, dass der Tatverdächtige innerhalb eines Tages gefunden wurde. Es sei ein großer Erfolg der Ermittlungsbehörden, dass die Berliner Polizei den Verdächtigen innerhalb von 24 Stunden gestellt habe, sagte der CDU-Politiker im RBB.
Wegner verteidigte zugleich die Sicherheitsvorkehrungen beim CSD. Die eigentliche Strecke des Umzugs sei nicht getroffen worden, weil sie abgesichert gewesen sei. Dobrindt rief dennoch die Veranstalter von Großevents und CSDs dazu auf, ihre Sicherheitskonzepte zu überprüfen.
Gedenken an die Opfer
Am Sonntagmittag wurde bei einer Andacht in der Berliner St. Marienkirche der Opfer gedacht. Daran nahmen unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesjustizministerin Stefanie Hubig und Bildungsministerin Karin Prien teil.
Merz rief dazu auf, sich von solchen Taten nicht einschüchtern zu lassen. Extremisten dürften weder Offenheit noch Freiheit der Gesellschaft zerstören. Im Anschluss besuchte der Kanzler den Tatort im Tiergarten, legte weiße Blumen nieder und gedachte dort gemeinsam mit Dobrindt und Berlins Innensenatorin Iris Spranger der Opfer.
Experten: Vollständige Sicherheit nicht möglich
Nach Einschätzung von Experten sind Anschläge dieser Art kaum vollständig zu verhindern. Der Terrorismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung sagte, der Staat könne zwar zahlreiche Maßnahmen für mehr Sicherheit ergreifen. Eine hundertprozentige Sicherheit sei jedoch nicht möglich.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz zählt dem islamistischen Spektrum zuletzt 28.645 Menschen zu, nach 28.280 im Vorjahr. Als gewaltorientiert gelten schätzungsweise 9.110 Personen; im Vorjahr waren es 9.540. Die Sicherheitsbehörden warnen weiterhin vor einer anhaltend hohen Bedrohung durch islamistischen Terrorismus in Deutschland.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber