Berlin

CSD-Organisatoren warnen: Queere Menschen massiv unter Druck

CSD in Berlin: Hunderttausende feiern heute – doch hinter „Haltung ist hot“ steckt mehr als Party. Warum es diesmal ernst wird.

25.07.2026, 04:00 Uhr

Bundesanwaltschaft soll Ermittlungen nach mutmaßlichem CSD-Terroranschlag in Berlin übernehmen – ein Todesopfer, Fahndung läuft

Nach dem schweren Gewaltvorfall am Rande des Berliner Christopher Street Days gehen die Ermittler inzwischen von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sagte, alles deute in diese Richtung.

Nach aktuellem Stand wurde ein Mensch getötet, 29 weitere wurden verletzt. Nach Angaben der Polizei befand sich am Nachmittag niemand mehr in Lebensgefahr.

Bundesanwaltschaft soll den Fall übernehmen

Die Ermittlungen sollen nun auf Bundesebene weitergeführt werden. Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigte an, dass der Generalbundesanwalt den Fall übernehmen soll. Formal lag die Zuständigkeit zunächst noch bei der Berliner Generalstaatsanwaltschaft.

Der Generalbundesanwalt ist Deutschlands oberste Anklagebehörde und übernimmt Verfahren von besonderer Bedeutung, darunter Fälle des islamistischen Terrorismus.

Merz spricht vom „Gift des Terrorismus“

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nahm am Nachmittag gemeinsam mit Stefanie Hubig und Bildungsministerin Karin Prien (CDU) an einer Andacht in der St. Marienkirche teil. Vorher erklärte er, solche Taten hätten nur ein Ziel: die Gesellschaft zu spalten und den Menschen Offenheit und Freiheit zu nehmen.

Merz rief den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des CSD in Berlin und in ganz Deutschland zu: „Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“ Extremisten und Gewalttäter hätten keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft. Zugleich sprach er vom „Gift des Terrorismus“ und kündigte Beratungen in der Bundesregierung über Konsequenzen an.

Polizei fahndet nach Abdul B.

Die Berliner Polizei sucht weiter nach dem Mann, der am Samstagabend mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge gefahren sein soll. Veröffentlicht wurde ein Fahndungsfoto des 21-jährigen Abdul B.

Nach Angaben von Dobrindt ist der Mann 2005 in Deutschland geboren, deutscher Staatsbürger und hat libanesische Familienwurzeln. Seine Mutter sei 2002 eingebürgert worden.

Der Innenminister sagte, der Verdächtige habe sich radikalisiert und werde der islamistischen Szene zugerechnet.

Bereits früher strafrechtlich aufgefallen

Laut Dobrindt war der 21-Jährige bereits in der Vergangenheit auffällig geworden. Er sprach von einem hohen Maß an Straftaten sowie einer islamistischen Radikalisierung. Der Beschuldigte sei bereits zu einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft habe dagegen Beschwerde eingelegt.

Nach dpa-Informationen hat der Tatverdächtige Familie in Berlin und wurde erst im Mai 2026 aus dem Jugendarrest entlassen.

Medienberichten zufolge soll er mit der Terrormiliz Islamischer Staat sympathisiert haben. Andere Berichte legen nahe, dass er versucht haben soll, sich in Syrien dem IS anzuschließen. Laut der „Welt“ galt er als Gefährder. Der „Bild“ zufolge sollte er am Montag an einem Deradikalisierungskurs teilnehmen.

Warnung der Behörden: Nicht ansprechen

Die Behörden warnten eindringlich: Wer den Tatverdächtigen sehe, solle sofort die 110 rufen und ihn nicht ansprechen, da er möglicherweise bewaffnet und gefährlich sei. Der Gesuchte wird als schlank und etwa 1,90 Meter groß beschrieben.

Nach Angaben Dobrindts sind zusätzlich Bundespolizisten an Bahnhöfen, Flughäfen und an den Grenzen im Einsatz.

Polizei schließt weitere Beteiligte nicht aus

Neu ist, dass die Polizei nach dem Angriff mehrere Menschen in Gewahrsam genommen hat. Von weiteren Tatverdächtigen sprach Polizeisprecher Florian Nath zunächst nicht. Er betonte jedoch, es gebe weiterhin die Ermittlungshypothese, dass nicht nur ein Tatverdächtiger in Betracht kommen könnte.

Van fuhr in Menschenmenge – danach Attacke mit Stichwaffe

Nach bisherigen Erkenntnissen war der Täter mit einem weißen Transporter am Ahornsteig unterwegs, einem Parkweg parallel zur Lennéstraße im Bereich des Tiergartens nahe dem Potsdamer Platz. Dort habe er mehrere Menschen angefahren, möglicherweise auch umgefahren, bevor das Fahrzeug gegen einen Baum prallte.

Anschließend soll der Angreifer laut Dobrindt mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete, weitere Passanten attackiert und einige von ihnen schwer verletzt haben.

Fahrzeug sichergestellt

Bei dem weißen Kastenwagen handelt es sich nach früheren Angaben der Polizei um ein Privatfahrzeug und nicht um einen Mietwagen. Das stark beschädigte Fahrzeug wurde am Tatort sichergestellt. Unklar blieb zunächst, wem der Van gehört.

CSD-Feier endete abrupt

Zehntausende Menschen hatten am Samstag beim Christopher Street Day in Berlin gefeiert. Mehr als 80 Trucks mit Musik waren in Richtung Tiergarten und Brandenburger Tor unterwegs. Gegen 22.00 Uhr endete die Feier abrupt, als der weiße Van in der Nähe des Potsdamer Platzes in die Menschenmenge fuhr.

Die lebensgefährlich und schwer verletzten Menschen wurden in Krankenhäuser gebracht. Später teilte die Polizei mit, dass sich niemand mehr in Lebensgefahr befinde.

In der Nacht sagten die CSD-Veranstalter zudem zwei für Sonntag geplante Veranstaltungen ab. Der Bundesopferbeauftragte Roland Weber bot Unterstützung und Betreuung für Opfer und Angehörige an.

Wegner verteidigt Sicherheitskonzept

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) verteidigte die Sicherheitsmaßnahmen rund um den CSD. „Wir haben beim CSD eine hohe Sicherheit gehabt“, sagte er. Die eigentliche CSD-Strecke sei nicht getroffen worden, weil Polizei und Sicherheitsbehörden sie abgesichert hätten.

Der Angriff habe sich in einem Bereich ereignet, der nicht direkt auf der Route gelegen habe. Dobrindt rief dennoch die Veranstalter von Großveranstaltungen und CSDs dazu auf, ihre Sicherheitskonzepte zu überprüfen.

Debatte über Konsequenzen und Sicherheit

Merz kündigte an, in der Bundesregierung über die Folgen des Angriffs zu beraten. Das solle besonnen, aber auch entschlossen geschehen.

Der Terrorismusexperte Felix Neumann von der Konrad-Adenauer-Stiftung sagte, Taten dieser Art ließen sich praktisch nie vollständig verhindern. Ein Staat könne viel für Sicherheit tun, eine hundertprozentige Sicherheit gebe es aber nicht.

Der CDU-Innenpolitiker Günter Krings forderte ein härteres Strafmaß für islamistische Attentäter, falls sich die Einordnung im Berliner Fall bestätige. Auch strengere Regeln bei der Einbürgerung brachte er ins Gespräch. Sein Parteikollege Alexander Throm sagte, noch in Arbeit befindliche Sicherheitsgesetze müssten unmittelbar nach der Sommerpause verabschiedet werden.

Reaktionen aus Politik und Community

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte sich erschüttert und entsetzt. Die Tat sei ein Angriff auf die offene Gesellschaft und auf die Art, wie Menschen in Deutschland zusammenlebten.

Kai Wegner sprach von einem „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“. Nach einem friedlichen und bunten CSD sei die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Weise attackiert worden.

Der CDU-Spitzenkandidat für die Berliner Abgeordnetenhauswahl, Stefan Evers, schrieb auf X, die Tat treffe die Stadt „mitten ins Herz“.

Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch (SPD), erklärte auf Instagram: Wenn die Feinde der Freiheit Hass und Gewalt säten, würden sie keine Angst, sondern mehr Zusammenhalt, mehr Vielfalt und mehr Sichtbarkeit ernten.

Hintergrund des CSD

Der Berliner CSD stand in diesem Jahr unter dem Motto „Haltung ist hot“. Die Veranstaltung zählt zu den größten Demonstrationen der queeren Community in Europa und erinnert an die Ereignisse von 1969 in New York, als der Polizeieinsatz im „Stonewall Inn“ mehrtägige Aufstände auslöste.

Die Organisatoren verstanden den CSD auch als politische Botschaft. Sie forderten unter anderem mehr Schutz vor Hasskriminalität und einen besseren Schutz queerer Räume.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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