Berlin

CSD-Organisatoren warnen: Queere Menschen massiv unter Druck

CSD in Berlin: Hunderttausende feiern heute – doch hinter „Haltung ist hot“ steckt mehr als Party. Warum es diesmal ernst wird.

25.07.2026, 04:00 Uhr

Der Christopher Street Day in Berlin ist am Samstagabend nach einem schweren Vorfall vorzeitig beendet worden. Nach Angaben der Polizei wurde mindestens ein Mensch getötet. 14 weitere Personen werden wegen Verletzungen behandelt, mehrere von ihnen schwer bis lebensgefährlich, sagte Polizeisprecher Florian Nath.

Fahrzeug erfasst mehrere Menschen nahe dem Tiergarten

Nach ersten Erkenntnissen fuhr gegen 22.00 Uhr ein weißer Wagen am Ahornsteig parallel zur Lennéstraße im Bereich des Tiergartens nahe dem Potsdamer Platz. Dabei habe das Auto mehrere Menschen angefahren oder umgefahren, bevor es mit einem Baum kollidierte.

Der Fahrer verließ laut Polizei anschließend das Fahrzeug und entfernte sich in unbekannte Richtung. Die Polizei sprach von einer größeren Einsatzlage. Zahlreiche Einsatzkräfte und Rettungsdienste waren vor Ort. Gleichzeitig werde mit Hochdruck nach tatverdächtigen Personen gefahndet, sagte Nath in einem auf X veröffentlichten Video.

Besucherinnen und Besucher wurden aufgefordert, den Bereich zu verlassen. Die Polizei bat zudem darum, das Gebiet rund um den Tiergarten weiträumig zu meiden.

Polizei prüft auch möglichen Einsatz einer Stichwaffe

Unklar ist bislang nicht nur das Motiv, sondern auch der genaue Ablauf der Tat. Die Polizei prüft nach eigenen Angaben, ob es nach der Fahrt eine zweite Tatphase gegeben haben könnte. Dabei werde untersucht, ob jemand das Fahrzeug verlassen und mit einer möglichen Stichwaffe auf Menschen eingewirkt habe, sagte Polizeisprecher Nath.

Medien berichteten über Hinweise auf ein Messer beziehungsweise eine Machete. Bestätigt ist das bislang nicht. Die Ermittlungen dazu laufen.

Motiv und Hintergründe weiter unklar

Was genau geschehen ist, war zunächst weiter offen. Ein Polizeisprecher betonte, man wisse derzeit noch nichts über mögliche Motivlagen, den Täter oder andere Hintergründe. Alles sei noch nicht gesichert bekannt.

Auch Berlins Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD), der die Innensenatorin Iris Spranger während ihres Urlaubs vertritt, warnte vor Spekulationen. Auf die Frage nach einem möglichen politischen oder kriminellen Hintergrund sagte Gaebler, dazu lasse sich im Moment nichts Belastbares sagen.

Der Vorfall habe sich zudem nicht in der Veranstaltung selbst, sondern im Tiergarten ereignet, was die Lage unübersichtlich mache. Gaebler zeigte sich bestürzt.

Nach Beobachtungen eines dpa-Reporters leuchteten Polizisten den Bereich zwischen Potsdamer Platz und der Südseite des Tiergartentunnels aus und suchten dort nach Spuren.

Wegner spricht von Angriff auf die offene Stadt

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) bezeichnete den Vorfall als „Angriff auf unsere freie und weltoffene Gesellschaft“. Nach einem friedlichen und bunten CSD sei die Versammlung für ein tolerantes und friedliches Berlin auf brutalste Art attackiert worden. Berlin sei die Stadt der Freiheit – und diese Freiheit sei aufs Schrecklichste angegriffen worden.

Ob es sich um einen Terroranschlag handele, wollte Wegner zunächst nicht bewerten. Dafür sei es noch zu früh, sagte er.

Feier am Brandenburger Tor abrupt beendet

Zuvor hatten Hunderttausende Menschen in der Hauptstadt den CSD gefeiert. Mit Regenbogenfahnen, Glitzer, bunten Kostümen und Musik setzten die Teilnehmenden ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt.

Am Abend trat unter anderem Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor auf. Mit einer Regenbogenflagge um die Schultern spielte sie dort rund eine halbe Stunde lang ihre Songs. Nach ihrem Auftritt lief das Bühnenprogramm zunächst weiter.

Wenig später forderte ein Moderator die Menschen jedoch auf, das Veranstaltungsgelände umgehend, aber ruhig und geordnet zu verlassen. Auf den Videoleinwänden am Brandenburger Tor erschien auf gelbem Hintergrund das Wort „Evakuierung“. Besucher sollten nicht in Richtung Siegessäule, sondern zu den U-Bahneingängen am Brandenburger Tor gehen. Auch in den sozialen Medien hieß es vom Veranstalter: „Bitte geht nach Hause. Der CSD ist abgebrochen.“

Nach Angaben eines dpa-Reporters wurden Besucher auf der Ostseite des Brandenburger Tors zunächst nicht über die Hintergründe informiert. Viele verfolgten die Entwicklungen aber über ihre Handys. Der Bereich direkt am Brandenburger Tor wurde abgesperrt.

Reaktionen vor Ort nach Mitternacht

Kurz nach Mitternacht wurde am Potsdamer Platz teils noch gefeiert. Vor allem Touristen hielten sich dort noch auf. Ein Besucher aus Tschechien sagte: „Wir sind zum Feiern gekommen, und das machen wir jetzt auch.“

Ein anderer junger Mann berichtete, er habe sich im Tiergarten aufgehalten, als der Vorfall passiert sei. Er sei anschließend von einem Polizisten aus dem Bereich begleitet worden. Demnach hätten Einsatzkräfte gewarnt, den Tiergarten nicht allein zu verlassen.

CSD mit politischer Botschaft

Die Organisatoren verstanden den auf zwei Tage angelegten CSD bewusst auch als politische Botschaft. Vorstandsmitglied Thomas Hoffmann hatte im Vorfeld darauf hingewiesen, dass queere Menschen weltweit stärker unter Druck gerieten. Bereits erkämpfte Rechte würden teils wieder zurückgenommen, zugleich steige die Zahl der Hassdelikte.

Seine Botschaft vor dem Wochenende: Die queere Community werde nicht kleiner, sondern größer, nicht leiser, sondern lauter – so lange, bis alle Menschen in Deutschland frei, sicher und selbstbestimmt leben könnten.

Motto „Haltung ist hot“

Der Berliner CSD stand in diesem Jahr unter dem Motto „Haltung ist hot“. Die Demonstration war mit rund 80 Trucks geplant und führte durch Berlin in Richtung Siegessäule und Brandenburger Tor.

Unterwegs herrschte vielerorts Festivalstimmung: Aus Lautsprechern lief Musik von Queen bis zu Elektrobeats, viele Teilnehmende erschienen in Glitzer-Outfits, Fetischkleidung oder mit auffälligen Accessoires. Wegen der sommerlichen Temperaturen hatte die Polizei die Feiernden zuvor daran erinnert, ausreichend Wasser zu trinken.

Forderungen nach mehr Schutz

Inhaltlich forderten die Organisatoren unter anderem wirksamere Maßnahmen gegen Hasskriminalität und einen besseren Schutz queerer Räume. Mit Blick auf anstehende Wahlen verwiesen sie zudem auf politische Verantwortung und riefen zur Beteiligung auf – unter anderem mit dem Slogan „Süßmäuse gehen wählen“.

Polizei beobachtete auch rechtes Spektrum

Die Berliner Polizei hatte mögliche Störer aus dem rechtsextremen Spektrum im Blick. An einer Gegendemonstration nahmen nach früheren Polizeiangaben etwa 15 Menschen teil. Eine Person wurde demnach wegen Beleidigung festgenommen.

Trotz der kleinen Zahl werten die Veranstalter solche Auftritte als Warnsignal. Rechte Mobilisierung gegen CSD-Veranstaltungen habe in den vergangenen Jahren zugenommen und sei nicht nur für queere Menschen, sondern für alle besorgniserregend, die für Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt eintreten.

Hintergrund des CSD

Mit dem Christopher Street Day wird in vielen Städten an die Ereignisse von 1969 in New York erinnert. Damals stürmte die Polizei das „Stonewall Inn“ in der Christopher Street, was mehrtägige Aufstände auslöste.

Der Berliner CSD zählt heute zu den größten Veranstaltungen der lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans-, intergeschlechtlichen und queeren Community in Europa. Im Sommer feiern queere Menschen und ihre Verbündeten vielerorts unter dem Schlagwort „Pride“.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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