Berlin

Baden statt Bühne: Volksbühne Berlin wird zum Freibad

Theater oder totaler Wahnsinn? Volksbühnen-Chef Lilienthal startet mit einem Pool vorm Haus – geniale Provokation oder gaga?

07.08.2026, 14:22 Uhr

Berliner Volksbühne eröffnet temporäres Freibad vor dem Haus

Zunächst klang es fast wie ein PR-Gag: Der neue Intendant der Berliner Volksbühne, Matthias Lilienthal, hatte vor einigen Wochen angekündigt, direkt vor dem Theater ein Freibad errichten zu lassen – samt 25-Meter-Becken und Pommesstand. Für Lilienthal ist das nicht nur ein spielerischer Kommentar darauf, was Theater alles sein kann, sondern auch eine bewusst gesetzte Intervention im Stadtraum.

Schon im Frühsommer erklärte er, mit dem Projekt auf den Mangel an Freibädern in Berlin aufmerksam machen zu wollen. Seit Freitag ist der Pool nun tatsächlich geöffnet.

Vor dem markanten Gebäude der Volksbühne liegt jetzt ein türkisfarbenes Becken. Dazu kommen Umkleiden, Badeaufsicht und Sicherheitsdienst. Das sogenannte „Volksbad“ versteht das Theater auch als Einladung an die Nachbarschaft – und schon vor dem Start sorgte die Aktion für reichlich Aufmerksamkeit.

Spektakuläre Geste mit Tradition

Dass die Volksbühne mit ungewöhnlichen Bildern und großen Gesten arbeitet, ist nicht neu. Das Haus zählt zu den bedeutendsten Bühnen Deutschlands und wurde unter Frank Castorf durch radikale Ästhetik berühmt. Nach turbulenten Jahren und mehreren Wechseln an der Spitze übernimmt nun Lilienthal die Leitung.

Der 66-Jährige kennt das Haus bereits aus früheren Zeiten, war später Intendant am HAU in Berlin sowie an den Münchner Kammerspielen. Dort sorgte seine Vorstellung eines offenen, experimentellen Theaters nicht immer nur für Zustimmung.

Was das Freibad kostet

Die erste reguläre Spielzeit unter Lilienthal beginnt zwar erst im Oktober, doch weil im Theater derzeit noch technische Anlagen saniert werden, setzt er schon im Sommer ein erstes sichtbares Zeichen. Der Besuch des Freibads ist kostenlos, Zeitfenster können online gebucht werden.

Baden vor der Volksbühne
Matthias Lilienthal ist der neue Intendant der Volksbühne. Quelle: Soeren Stache/dpa

Die Kosten für das Projekt liegen bei rund 300.000 Euro, bezahlt aus dem Etat des Theaters. Etwa 90.000 Euro entfallen auf das gemietete Becken, rund 210.000 Euro auf Personal, Planung und Sicherheit. Nach Angaben der Volksbühne bewegt sich das in einer Größenordnung, die auch eine größere Theaterproduktion erreichen kann.

Die Volksbühne erhält jährlich mehr als 20 Millionen Euro an öffentlichen Zuschüssen. Kritik kommt dennoch aus der Politik: Die SPD-Abgeordnete Dunja Wolff hält die Pool-Aktion angesichts knapper Kassen für problematisch. Ihrer Ansicht nach wäre das Geld bei kleineren Bühnen, insbesondere im Jugendtheater, besser aufgehoben gewesen. Statt ein außergewöhnliches Wasserprojekt zu finanzieren, sollten eher die Vorstellungen besser besucht werden.

Aufmerksamkeit für das Haus – und Kritik an der Stadt

Mit dem „Volksbad“ will die Volksbühne nach eigenen Angaben auch Menschen erreichen, die sonst kaum ins Theater gehen. Lilienthal versteht das Projekt zugleich als politischen Kommentar: Berlin leide an einer brüchigen öffentlichen Infrastruktur – von Schwimmbädern über S-Bahnen bis hin zu Schulen. Das Bad vor dem Theater sei deshalb auch als Protest zu lesen.

Aus dem Haus heißt es zudem, man kenne die schwierige Lage der freien Szene und wolle deren Interessen mitdenken. Das Projekt solle im besten Fall auch verdeutlichen, welchen Stellenwert Kultur für Berlin habe.

Zur Eröffnung zogen bereits die ersten Besucherinnen und Besucher ihre Bahnen, andere standen an der Pommesbude oder fotografierten das ungewöhnliche Szenario vor der Volksbühne.

Der Journalist Arno Frank sieht darin auch einen klugen Schachzug in eigener Sache: Während der Titel der Spielzeiteröffnung im Oktober nur eingefleischten Theaterfans etwas sage, rede über das „Volksbad“ schon jetzt die halbe Stadt – und womöglich bald weit darüber hinaus.

Seiner Ansicht nach verlagert Lilienthal damit die Bühne in den öffentlichen Raum, macht sie für viele zugänglich und setzt zugleich ein Zeichen gegen die zunehmende Kommerzialisierung urbaner Orte. Die Volksbühne investiere bewusst Geld in eine Idee, die daran erinnere, was eine Stadt auch sein könnte.

Programm bis in den Herbst

Geplant sind nicht nur Badezeiten, sondern auch begleitende Aktionen wie ein Kraulkurs oder Synchronschwimmen. Wie in Deutschland üblich, regeln genaue Vorgaben die Auslastung: Gleichzeitig dürfen höchstens 46 Menschen ins Wasser. Das Bad soll bis Oktober bleiben; insgesamt rechnet das Theater mit knapp 20.000 Gästen.

Das Becken ist etwa 25 Meter lang und rund 1,30 Meter tief. Es wurde gemietet, andere Bauteile sollen später in Inszenierungen weiterverwendet werden.

Idee aus der Performancekunst

Die Inspiration für das Projekt kommt von der Performancekünstlerin Florentina Holzinger, die derzeit auch den österreichischen Pavillon der Kunstbiennale in Venedig bespielt. Dort arbeitet sie mit provokanten, körperbetonten Bildern.

An der Volksbühne war Holzinger bereits mit Arbeiten wie „Sancta“, „A Year Without Summer“ und „Ophelia’s Got Talent“ zu sehen – letzteres ebenfalls mit großem Wasserbecken. Diese Inszenierung brachte Lilienthal nach Angaben des Hauses auf die Idee zum temporären „Volksbad“.

2028 soll Holzinger erneut ein Stück an der Volksbühne inszenieren. Schon zum Abschluss des Freibad-Projekts ist eine weitere Aktion mit ihr geplant. Was genau passieren wird, ist noch offen. Bis dahin heißt es vor allem: schwimmen, planschen und Pommes essen. Nur eines ist nicht erlaubt: der Sprung ins Becken. Dafür ist das Wasser mit 1,30 Metern Tiefe schlicht zu flach.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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