Am katholischen Studienseminar St. Michael in Traunstein hat eine Untersuchung schwere Gewaltvorwürfe bestätigt. Für den Zeitraum von 1960 bis 1990 dokumentieren die Forschenden körperliche, psychische, spirituelle und sexualisierte Gewalt gegen minderjährige Schüler.
Besonders häufig schilderten Betroffene psychische und körperliche Übergriffe. Genannt werden unter anderem Drohungen, Erniedrigungen, Ohrfeigen, Kopfnüsse und sogar der Zwang, eigenes Erbrochenes zu essen. Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren standen solche Praktiken in klarem Widerspruch zum christlichen Anspruch der Einrichtung.
Projektleiterin Judith Dubiski vom Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik fasste den Widerspruch drastisch zusammen: Die Hand, die zuschlägt, sei dieselbe, die in der Messe den Segen erteile. Als begünstigende Faktoren nennt die Studie vor allem mangelnde Vorbereitung und Begleitung des Personals sowie Überforderung. Zudem sehen die Forschenden Hinweise auf geistlichen Missbrauch und Machtmissbrauch.
Auch sexualisierte Gewalt wird in der Untersuchung benannt. Dazu zählen einige Fälle sexuellen Missbrauchs von Erwachsenen an Minderjährigen sowie sexualisierte Gewalt unter gleichaltrigen Seminaristen. Anders als psychische und körperliche Gewalt sei sexualisierte Gewalt nicht als Strafe eingesetzt worden, sondern häufig als vermeintliche „Zuwendung“ getarnt gewesen. Nach Angaben der Projektleitung wurde jedoch kein Fall bekannt, in dem ein Seminarist über längere Zeit sexuellen Missbrauch erleiden musste.
Einer der früheren Seminaristen, Johannes Koch, schilderte bei der Vorstellung der Studie seine Erfahrungen eindringlich. Er sagte, er sei damals klein und dem Täter ausgeliefert gewesen; das Erlebte habe seine katholische Welt zerstört. Koch hatte die Vorwürfe bereits 2020 öffentlich gemacht. Er berichtete nun auch von einem Franziskanermönch, den er über das Studienseminar kennengelernt habe und der ihn missbraucht habe. Sexualisierte Gewalt könne sich gerade dort gut verbergen, wo über Sexualität kaum gesprochen werde, sagte er.
Nachdem Koch an die Öffentlichkeit gegangen war, meldeten sich weitere mutmaßlich Betroffene. Über 18 Monate sichteten die Wissenschaftler Akten und führten Interviews. Angestoßen wurde die Untersuchung von ehemaligen Seminaristen und Betroffenen; finanziert wurde sie vom Erzbistum München und Freising. Die heutige Schulleitung unterstützte die Aufarbeitung ausdrücklich.
Seminarleiter Wolfgang Dinglreiter erklärte, mit der Studie werde das Leid sichtbar gemacht und anerkannt. Zugleich betonte er, das Studienseminar sei heute ein völlig anderes Internat. Auch das Erzbistum reagierte auf die Ergebnisse: Generalvikar Christoph Klingan zeigte sich nach eigenen Worten bewegt von der Lektüre und bat die Betroffenen um Entschuldigung für das, was sie durch kirchliche Mitarbeiter erlitten haben.
Das 1929 gegründete Internat in Oberbayern gilt seit langem als bedeutende katholische Ausbildungsstätte. Bekannt ist es auch, weil dort Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., in den 1930er- und 1940er-Jahren Schüler war. Dieser Zeitraum liegt allerdings vor dem Untersuchungszeitraum der Studie.
Hinweise auf einen systematischen und strukturellen Missbrauch, wie er in anderen Untersuchungen festgestellt worden sei, fanden die Forschenden für St. Michael nach eigenen Angaben nicht. Heute präsentiert sich das Seminar als moderne Einrichtung, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber