Queeres Oktoberfest-Angebot für Frauen und Flinta in München
Auf dem Münchner Oktoberfest gibt es in diesem Jahr erstmals eine eigene Veranstaltung für queere Frauen und Flinta-Personen. Unter dem Motto „Bier, Boobs, Brezn“ werden im Festzelt Bräurosl rund 700 Gäste erwartet. Das neue Format findet einen Tag nach dem bekannten Rosa Sonntag statt, der seit Jahren als queerer Wiesn-Termin gilt, bislang aber vor allem von schwulen Männern geprägt ist.
Mehr Sichtbarkeit für lesbische Frauen
Initiatorin Sina Scherer sieht genau darin eine Lücke. Ihrer Ansicht nach fehlt es in München zunehmend an Orten, an denen lesbische Frauen sichtbar sind und sich selbstverständlich begegnen können. Besonders im Glockenbachviertel habe es früher deutlich mehr solcher Treffpunkte gegeben. Viele davon seien inzwischen verschwunden. Ähnliches habe sie auch auf der Wiesn beobachtet: Zwar gebe es dort seit Jahrzehnten feste queere Termine, lesbische Frauen träten als eigene Community jedoch kaum in Erscheinung.
Aus diesem Grund habe man beschlossen, nicht länger auf passende Räume zu warten, sondern selbst einen zu schaffen. Mit ihren „Lost Girls“-Veranstaltungen verfolgt Scherer dieses Konzept bereits länger – auf dem Oktoberfest ist es nun allerdings eine Premiere.
Gerade die Wiesn soll queeres Leben sichtbar machen
Für Scherer ist ausgerechnet die Wiesn ein geeigneter Ort für so ein Event, obwohl sie kein klassischer queerer Schutz- oder Szeneort ist. Gerade das mache den Reiz aus: Das Oktoberfest sei ein Abbild der Münchner Stadtgesellschaft, auf dem Menschen unterschiedlicher Generationen, Herkunft und Lebensweisen zusammenkommen. Queeres Leben solle nicht nur in Clubs oder beim Christopher Street Day sichtbar sein, sondern genauso selbstverständlich mitten im gesellschaftlichen Alltag.

Trotz bestehender Sorgen nach dem Anschlag auf den Berliner CSD sei die Vorfreude groß. Auch das Vertrauen in die Sicherheitsmaßnahmen auf dem Oktoberfest spiele dabei eine wichtige Rolle.
Rosa Sonntag seit Jahrzehnten fest etabliert
Nach Angaben der Bräurosl-Wirte Franziska und Peter Reichert existiert der Rosa Sonntag bereits seit mehr als 40 Jahren. Etwa 90 Prozent der Gäste seien Männer. Jahr für Jahr feierten dort Tausende Menschen ausgelassen das Leben und die Liebe.
Warum Männer oft stärker vertreten sind
Berti Gammenthaler vom Forum Queeres Archiv München nennt mehrere Gründe dafür, warum bei queeren Feiern – nicht nur auf der Wiesn – häufig Männer dominieren. Ein wesentlicher Faktor sei, dass Männer im Durchschnitt mehr Alkohol konsumierten. Das habe in der Vergangenheit auch dazu beigetragen, dass viele Frauen- und Lesbenkneipen der 1990er- und 2000er-Jahre wirtschaftlich nicht bestehen konnten, weil die vorgeschriebenen Abnahmemengen der Brauereien nicht erreicht wurden.
Hinzu kämen finanzielle Unterschiede: Noch immer verdienten Frauen im Schnitt weniger als Männer, und ein Tisch auf der Wiesn sei kostspielig. Umso erfreulicher sei es, dass sich inzwischen auch mehr lesbische Frauen solche Angebote leisten könnten.
Nachfrage wächst weiter
Wie die Wirtsleute der Bräurosl berichten, steigt das Interesse an queeren Wiesn-Veranstaltungen seit Jahren und übertrifft inzwischen das vorhandene Angebot. Daraus sei die Idee entstanden, das bestehende Format auszubauen. Neben dem Rosa Sonntag gibt es daher in diesem Jahr auch einen Rosa Montag – und in diesem Rahmen erstmals auch „Bier, Boobs, Brezn“.
Gemeinsam feiern, ohne lange suchen zu müssen
Für Scherer geht es dabei nicht darum, das Oktoberfest neu zu erfinden. Im Mittelpunkt stehe vielmehr das, was Menschen auf der Wiesn seit Generationen tun: zusammen essen, anstoßen, tanzen, neue Leute kennenlernen und eine gute Zeit miteinander verbringen. Der Unterschied sei lediglich, dass an diesem Tag lesbische Frauen und Flinta-Personen bewusst im Zentrum stehen – und sich nicht erst mühsam im Festzelt gegenseitig finden müssen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber