Gefährlicher TikTok-Trend und toxische Männlichkeitsbilder setzen Jugendliche unter Druck
Nahezu jeden Morgen bearbeitet Elias seine Wangenknochen mit einem Hammer. In sozialen Netzwerken wird diese riskante Praxis als "Bonesmashing" verbreitet. Dahinter steckt die Behauptung, gezielte kleine Verletzungen am Knochen würden das Gesicht beim Heilen markanter und männlicher wirken lassen. Der 15-Jährige berichtet, dass es anfangs schmerzhaft gewesen sei, inzwischen spüre er es kaum noch. Sein Name wurde zu seinem Schutz geändert.
Bonesmashing, rohe Eier trinken, exzessiv trainieren und sich nicht von Mädchen "ablenken" lassen: Auf TikTok stoßen Jugendliche wie Elias ständig auf Botschaften darüber, wie sie angeblich attraktiver, härter und männlicher werden können. Viele dieser Clips stammen aus der sogenannten Manosphere – einem frauenfeindlichen Online-Milieu, das traditionelle Rollenbilder verherrlicht und Frauen oft als Gegnerinnen darstellt. Elias sagt, etwa jedes dritte oder vierte Video auf seinem Feed gehe in diese Richtung. Nach eigener Schätzung verbringt er bis zu acht Stunden täglich auf TikTok. "Das macht irgendwas mit mir", sagt er.
Workshops an Schulen sollen Orientierung geben
Warum ziehen solche Inhalte gerade junge Männer an? Und wie kann man ihnen helfen, ein gesundes Selbstbild und einen respektvollen Umgang mit Frauen zu entwickeln? Der Berliner Pädagoge Maximilian Schneider setzt dabei auf Gespräche, Begleitung und Zuhören.
Schneider arbeitet für den Verein "Gesicht Zeigen!" in der politischen Bildungsarbeit. Im Projekt "Die Freiheit, die ich meine" begleitet er Neuntklässler über ein halbes Jahr hinweg. Zweimal pro Woche stehen Themen wie Identität, Vielfalt, Diskriminierung, Geschlechterrollen und Männlichkeit auf dem Stundenplan. Die Jungen sprechen mit ihm und einem Kollegen, die Mädchen getrennt davon mit zwei Kolleginnen.

Schneider beobachtet, dass viele Jungen den Eindruck haben, Männer seien heute benachteiligt – teils auch wegen des Feminismus. Vertraute Männlichkeitsbilder gerieten ins Wanken, was viele verunsichere. Auf TikTok fänden sie dann scheinbar einfache Antworten auf komplizierte Fragen. Dort werde ihnen zugerufen, sie müssten dominant sein, andere beherrschen oder sogar narzisstisch werden, um zu bestehen. Manche Inhalte gingen noch weiter und verherrlichten offen Gewalt gegen Partnerinnen.
Mediziner warnen klar vor Bonesmashing
Neben der Frauenfeindlichkeit sind viele dieser angeblichen Ratschläge schlicht falsch. Das gilt auch für die Idee, durch Mikrofrakturen im Gesicht gezielt die Knochenform zu verändern. Der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg Jörg Wiltfang vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein hält das für äußerst unwahrscheinlich. Entweder breche ein Knochen – oder eben nicht, sagt er. Solche minimalen Absplitterungen, wie sie auf TikTok beschrieben würden, entstünden auf diese Weise kaum.
Wenn das Gesicht nach solchen Schlägen verändert aussehe, liege das laut Wiltfang nicht an einem umgeformten Knochen, sondern an geschädigtem Weichgewebe. Schwellungen, Blutergüsse, offene Wunden und später auch Narben seien mögliche Folgen. Die Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie rät deshalb ausdrücklich davon ab.
Die Botschaft: Du bist nicht genug
Nach Schneiders Einschätzung funktioniert die Manosphere auch deshalb so gut, weil sie ein sehr klares, einfaches Bild von Männlichkeit anbietet. Der Mann sei Versorger, dominant und kontrolliert – solche Botschaften würden Jugendlichen Orientierung vorgaukeln. Gerade in der oft unsicheren Phase des Erwachsenwerdens wirkten solche vermeintlich klaren Regeln besonders stark.
Die Videos versprächen Anerkennung, Erfolg und Zugehörigkeit – Dinge, nach denen sich junge Menschen sehnen. Gleichzeitig transportierten sie oft ein giftiges Defizitdenken: Du bist nicht stark genug, nicht reich genug, nicht diszipliniert genug.
TikTok beeinflusst Hobbys und Selbstbild
Jugendliche verbringen viel Zeit vor Bildschirmen. Laut einer von der EU-Kommission beauftragten Umfrage sind es im Schnitt 4,5 Stunden an Werktagen und 6,1 Stunden am Wochenende auf Handy, Tablet oder vor dem Fernseher.
Nach Angaben des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen kann der TikTok-Algorithmus Jungen, die sich etwa für Fitness oder Luxusautos interessieren, verstärkt Inhalte aus der rechtsextremen Szene oder der Manosphere ausspielen. Diese Beiträge knüpften gezielt an Gefühle wie Einsamkeit, Unsicherheit oder Frust an.
Elias erzählt, er habe schon mit elf Jahren aufgehört, Fußball zu spielen, weil Männer auf TikTok behauptet hätten, der Sport sei "schwul". Wer wirklich stark sein und sich verteidigen können wolle, müsse Kampfsport machen. Heute boxt er. Gleichzeitig fällt es ihm schwer, ein eigenes Bild von sich zu entwickeln, weil er sich ständig mit anderen vergleicht – online und im echten Leben.
Auch sein Mitschüler Levin, 17 Jahre alt und ebenfalls unter geändertem Namen zitiert, berichtet von solchen Einflüssen. In der siebten Klasse sei er einmal um 5.30 Uhr morgens aufgestanden, um joggen zu gehen – nur weil er solche Routinen in Videos gesehen hatte. Er habe geglaubt, er müsse das ebenfalls tun, um beeindruckend zu sein und dazuzugehören. Beide sagen, dass Aussehen und Selbstoptimierung für sie lange eine große Rolle gespielt hätten.
Weniger Verurteilung, mehr Gespräch
Für Schneider ist entscheidend, Jugendliche nicht vorschnell abzustempeln. Nur so könne Vertrauen entstehen. Es gehe nicht darum, Fitness oder Sport schlechtzureden, betont er. Vielmehr sollten junge Menschen die Möglichkeit bekommen, ein stabiles und gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln – unabhängig von überzogenen Erwartungen an ihr Geschlecht.
Eine der Schulen, an denen das Projekt läuft, ist die Georg-Weerth-Schule in Berlin-Friedrichshain. Dort haben auch Elias und Levin ein halbes Jahr lang an dem Workshop teilgenommen.
Elias sagt, dass sich durch die Gespräche sein Blick auf Beziehungen verändert habe. Früher habe er gedacht, eine Freundin dürfe keine männlichen Freunde haben und müsse sich an bestimmte Regeln halten. Heute sehe er das anders. TikTok sei für ihn zwar weiterhin Unterhaltung, aber beim Anschauen müsse er inzwischen oft an das denken, was im Workshop besprochen wurde.
"Andere Jungs bräuchten das auch"
Levin berichtet, er hinterfrage heute vieles stärker. Ihm sei klar geworden, dass man nicht jede Situation kontrollieren könne oder müsse. Auf TikTok hätten ihm Männer eingeredet, er müsse überall Präsenz zeigen, immer der Härteste im Raum sein und unter allen Umständen stark wirken. Inzwischen halte er das für Unsinn.
Auch dass Männer Gefühle zeigen oder weinen, dürfe kein Tabu sein, meint er. Man werde sonst schnell als gefühllos oder kalt wahrgenommen, obwohl das nicht stimme. Mit seinen Freundinnen verstehe er sich heute besser und sehe sie anders als früher.
Ob er den Workshop weiterempfehlen würde? Für Levin ist die Antwort klar: "Ich glaube, andere Jungs bräuchten das auch."
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber