Baden-Württemberg

Was den Bodensee-Superapfel so stark macht

Süß statt gespritzt? Am Bodensee reift ein Apfel, der Pilzen trotzt – und Obstbauern jetzt alles verändern könnte.

28.06.2026, 05:00 Uhr

Neue Apfelsorten vom Bodensee sollen weniger Pflanzenschutz brauchen

Am Bodensee arbeiten Obstbauern und Fachleute an neuen Apfelsorten, die widerstandsfähiger gegen Trockenheit und Krankheiten sind. Diese robusten beziehungsweise resistenten Züchtungen sollen mit deutlich weniger Pflanzenschutz auskommen als klassische Sorten und damit den Obstbau nachhaltiger machen.

Für die Betriebe in der Region ist das von großer Bedeutung. Vor allem Pilzkrankheiten wie Apfelschorf verursachen in den Anlagen erhebliche Probleme. Um Ernteausfälle zu vermeiden, müssen die Bäume bislang regelmäßig behandelt werden. Neue Sorten könnten diesen Aufwand spürbar senken und zugleich Umwelt sowie Artenvielfalt entlasten.

Getestet werden die Äpfel in den Anbaugebieten rund um den Bodensee, einem der wichtigsten deutschen Obstbaustandorte. Dort untersuchen Praktiker und Experten, wie die neuen Bäume mit Klima, Krankheiten und Schädlingen zurechtkommen – und ob die Früchte auch bei den Verbrauchern gut ankommen.

Obstbauern stoßen das Projekt selbst an

Obstbauer Thomas Heilig, einer der Initiatoren, betont, dass die Branche Sorten brauche, die mit weniger Pflanzenschutz dennoch gute Erträge und hohe Qualität liefern. Sein Ziel sei ein Obstbau, der am Bodensee auch in Zukunft wirtschaftlich bestehen könne.

Unter den derzeitigen Bedingungen sei das allerdings schwierig. Zwar wolle sein Sohn den Betrieb übernehmen, doch ob der Obstbau langfristig eine sichere Perspektive biete, sei ungewiss. Deshalb hätten mehrere Obstbauern bereits 2020 gemeinsam mit der Wissenschaft die Initiative gestartet.

Neue Apfelsorte Mammut
Rund 80.000 Apfelbäume der neuen Sorte wurden gepflanzt Quelle: Felix Kästle/dpa

„Mammut“ soll den Sprung in die Praxis schaffen

Am Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee (KOB) nahe Ravensburg werden neue Züchtungen seit Jahren geprüft. Eine der aktuell wichtigsten Sorten trägt den Namen Mammut. Nach Angaben von Heilig wurden bereits rund 80.000 Bäume gepflanzt. Vermarktet werden soll die Sorte unter der Dachmarke „Fairdi“. Für den Herbst ist die erste größere Ernte geplant. Parallel dazu stehen weitere Sorten auf dem Prüfstand.

Ulrich Mayr, Fachbereichsleiter am KOB, sieht darin einen notwendigen Schritt. Der Obstbau müsse sich auf längere Trockenphasen, Starkregen und Hitze einstellen. Der Klimawandel sei in der Region deutlich spürbar und setze die Bäume unter Stress. Deshalb brauche es Sorten, die robuster sind und mit Schädlingen besser umgehen können.

Viele ältere Sorten seien besonders anfällig, sagt Mayr. Die Sorte Mammut sei bereits vor etwa zehn Jahren in die Prüfung aufgenommen worden und habe nun den Weg in die Praxis gefunden.

Ganz ohne Schutzmaßnahmen geht es auch bei robusten Sorten nicht

Ein weiterer Hintergrund für die Entwicklung ist das Biodiversitätsstärkungsgesetz in Baden-Württemberg. Es sieht vor, den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel bis 2030 deutlich zu verringern. Das Land unterstützt die Initiative am Bodensee deshalb auch finanziell.

Trotzdem gilt: Selbst resistente Sorten kommen nicht vollständig ohne Pflanzenschutz aus. Je nach Wetter und Krankheitsdruck sei der Bedarf zwar deutlich geringer als bei herkömmlichen Apfelsorten, ganz verzichten lasse sich darauf aber nicht, erklärt Heilig.

Mayr verweist zudem auf den hohen Druck im Markt. Verbraucher erwarteten makellose Äpfel, während viele andere landwirtschaftliche Produkte weiterverarbeitet würden. Genau darin liege für den Obstbau eine besondere Herausforderung. Neue Sorten könnten helfen, ökologische Ziele und wirtschaftliche Anforderungen besser miteinander zu verbinden.

Gute Widerstandskraft allein reicht nicht aus

Unter realen Praxisbedingungen werden am Bodensee unter anderem in Kressbronn und Frickingen derzeit rund 30 robuste Apfelsorten erprobt. Doch für den Erfolg zählt nicht nur die Widerstandsfähigkeit. Entscheidend ist auch, ob die Äpfel geschmacklich überzeugen.

Viele Kunden greifen seit Jahren zu bekannten Sorten wie Elstar, Gala oder Jonagold. Neue Züchtungen tun sich deshalb oft schwer im Handel. Mayr sagt, er habe im Lauf der Jahre mehr als 800 Sorten kommen und wieder verschwinden sehen. Nur wenige hätten es tatsächlich in den Lebensmitteleinzelhandel geschafft. Einen neuen Apfel am Markt zu etablieren, sei sehr teuer.

Um nicht für jede Sorte einen neuen Namen einführen zu müssen, setzen die Initiatoren auf die Dachmarke „Fairdi“. Darunter sollen künftig drei bis vier Sorten gebündelt werden. Die neuen Äpfel seien nicht nur robuster als viele klassische Sorten, sondern könnten auch geschmacklich überzeugen. Mammut etwa habe ein ausgewogenes Aroma mit süß-säuerlicher Note.

Forschung mit langem Atem

Bis eine neue Apfelsorte im Supermarkt liegt, dauert es oft 20 Jahre oder noch länger – von der ersten Kreuzung bis zum großflächigen Anbau. Mit den Versuchen soll deshalb herausgefunden werden, welche Sorten sich langfristig im Obstbau und im Handel behaupten können.

Die Hoffnung der Beteiligten: Mit einer nachhaltigen Sortenoffensive soll die Zukunft des Apfelanbaus am Bodensee gesichert werden.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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