Fußball

Wahnsinns-Remis: Österreich und Algerien jubeln

Viele rechneten mit einem müden Remis – doch Algerien gegen Österreich eskaliert plötzlich und endet völlig anders als gedacht.

28.06.2026, 06:04 Uhr

Österreich und Algerien haben sich nach einem spektakulären 3:3 (1:1) im letzten Gruppenspiel für das Sechzehntelfinale der Fußball-WM qualifiziert. Was vor dem Anpfiff vielerorts als mögliches Zweck-Remis diskutiert worden war, wurde in Kansas City zu einem wilden Schlagabtausch mit einer der verrücktesten Schlussphasen der österreichischen Fußball-Geschichte.

Österreich trifft in der K.-o.-Runde am Donnerstag auf Europameister Spanien. Algerien bekommt es als Gruppendritter mit der Schweiz zu tun und darf sich trotz Platz drei hinter Argentinien und Österreich weiter Hoffnungen machen. Es passte zu diesem außergewöhnlichen Abend, dass die Nordafrikaner nach dem späten Ausgleich zwar wie der Verlierer wirkten, mit dem vermeintlich leichteren Gegner aber fast wie ein Gewinner dastanden.

Vor 69.045 Zuschauern erzielten Marko Arnautovic (28.), Marcel Sabitzer (55.) und Sasa Kalajdzic (90.+6) die Tore für Österreich. Für Algerien trafen Rafik Belghali (45.) sowie Riyad Mahrez (60./90.+3).

Schon unmittelbar nach dem Abpfiff war die Erleichterung bei Österreich riesig. Viele Spieler ließen sich einfach auf den Rasen fallen. Sabitzer wirkte völlig entkräftet und sagte: „Ich bin fix und fertig.“ Teamchef Ralf Rangnick rang ebenfalls nach Worten. „Ich habe im Moment keine Worte, sage ich ganz ehrlich. Ich glaube, so etwas habe ich so noch nie erlebt“, sagte der deutsche Coach. Nach dem späten 2:3 habe seine Mannschaft tatsächlich noch einmal zurückgefunden: „Wir sind im Moment einfach nur happy.“ Noch weit nach Mitternacht konnte Rangnick das Geschehen offenbar kaum fassen, als er in hohem Tempo per Golfcart durch die Mixed Zone gefahren wurde.

Sabitzer sprach von einem „Auf und Ab“ und meinte mit Blick auf die Nerven der Fans: „Wir haben Österreich den Atem angehalten – aber jetzt sollen sie alle schön weiter trinken.“ In der Kabine wurde danach ausgelassen gefeiert, getanzt und geschrien. Kapitän David Alaba brachte es kurz auf den Punkt: „Das ist unfassbar.“ Eine Zeitung fasste den Abend mit den Worten zusammen: „Einmal Hölle und zurück“.

Brisante Ausgangslage vor dem Anpfiff

Schon vor dem letzten Gruppenspiel hatte es reichlich Diskussionen gegeben. Weil nach dem Sieg der Demokratischen Republik Kongo beiden Teams ein Unentschieden zum Weiterkommen genügte, wurde über mögliche Absprachen spekuliert.

Rangnick hatte solche Gedanken jedoch bereits im Vorfeld klar zurückgewiesen. Mit der Vorgabe, von Beginn an auf ein Remis zu spielen, könne man nicht in eine Partie gehen, betonte der ÖFB-Coach. Allenfalls die letzten Minuten könnten eine besondere Dynamik entwickeln.

Vor allem in Algerien wurden Erinnerungen an die „Schande von Gijón“ wach. Bei der WM 1982 hatte das 1:0 Deutschlands gegen Österreich zum Ausscheiden Algeriens geführt. 44 Jahre später war von einer möglichen „Schande von Kansas“ diesmal aber nichts zu sehen.

Kein Taktieren, sondern ein offenes Spiel

Beide Mannschaften suchten von Beginn an den Weg nach vorne, Algerien erwischte zunächst den energischeren Start. Den ersten Treffer erzielte dennoch Österreich. Nach einem langen Ball von David Alaba setzte sich Arnautovic durch und stocherte den Ball an Algeriens Torhüter Oussama Benbout vorbei ins Netz. Benbout hatte diesmal den Vorzug vor Luca Zidane erhalten.

Mit dem Rückstand stand Algerien unter Zugzwang, denn eine Niederlage hätte das Aus bedeutet. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Zunächst traf Farès Chaibi nur den Pfosten (40.), kurz darauf scheiterte Ibrahim Maza an Österreichs Schlussmann Alexander Schlager (44.). Wenig später fiel der verdiente Ausgleich. Nachdem der Ball von der Eckfahne zurück ins Spielfeld sprang, nutzte Belghali seine Chance und traf nach starkem Solo wuchtig zum 1:1.

Auch nach der Pause bleibt es turbulent

Nach dem Seitenwechsel geriet Österreich wieder in die heiklere Lage, denn ein weiterer Gegentreffer hätte das Aus bedeutet. Rangnick reagierte zur Pause mit drei Wechseln, unter anderem kam Gregoritsch für den angeschlagenen Arnautovic.

Die Umstellungen wirkten sofort. Österreich kam druckvoll aus der Kabine und ging erneut in Führung. Nach einem feinen Zuspiel von Konrad Laimer war Sabitzer zur Stelle und vollendete zum 2:1.

Doch auch diesmal fand Algerien eine Antwort. Mahrez erzielte das 2:2 und ließ die zahlreichen algerischen Anhänger im Stadion jubeln. In der Schlussphase deutete zunächst vieles auf ein weiteres Remis hin. Algerien hielt den Ball phasenweise ungestört in den eigenen Reihen, ehe die Partie in der Nachspielzeit komplett kippte.

Irre Nachspielzeit entscheidet alles

Zunächst brachte Mahrez Algerien in der dritten Minute der Nachspielzeit plötzlich mit 3:2 in Führung. Österreich schien schon ausgeschieden. Der Offensivspieler von Al-Ahli sagte später, er habe den Ball und das Spiel respektieren müssen – deshalb habe er diesen Treffer machen müssen.

Doch dann folgte der späte Befreiungsschlag: Kalajdzic, der direkt nach dem Rückstand eingewechselt worden war, köpfte in der sechsten Minute der Nachspielzeit das 3:3 und rettete Österreich damit doch noch in die K.-o.-Runde. Danach kannte der Jubel keine Grenzen mehr. „Der Jubel hat 15 Meter im Feld begonnen und am Ende war ich fast aus dem Stadion, so sehr wurde ich geschubst und gedrückt“, sagte der Matchretter.

Am Ende reichte das Ergebnis beiden Teams – allerdings auf eine Weise, die vor dem Anpfiff niemand erwartet hatte.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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