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Liebe im Alter: Was die Forschung wirklich verrät

Keine Schmetterlinge mehr nach Jahrzehnten? Warum Liebe im Alter oft stärker wird, als viele denken.

06.11.2026, 04:00 Uhr

Menschen werden heute im Schnitt deutlich älter als früher. Für viele Paare bedeutet das, dass sie mehrere Jahrzehnte miteinander verbringen können. Doch auch wenn das Sprichwort sagt, dass alte Liebe nicht rostet, zeigt der Alltag oft ein komplizierteres Bild. Genau davon erzählt Andreas Dresens Film „Alte Liebe“: Lore und Harry, gespielt von Dagmar Manzel und Joachim Król, versuchen nach rund 40 Ehejahren wieder einen Weg zueinander zu finden. Was sagt die Forschung über Liebe und Partnerschaft im Alter?

Im Film haben sich Lore und Harry in getrennte Lebenswelten eingerichtet. Beide verfolgen ihre eigenen Interessen und leben eher nebeneinander als wirklich miteinander. Der emeritierte Altersforscher und Paartherapeut Michael Vogt kennt dieses Muster aus seiner Praxis. Wenn über Jahre alles nach demselben Schema ablaufe, entstehe Routine, und damit gehe oft auch etwas von der Lebendigkeit einer Beziehung verloren. Man frage nicht mehr nach, weil man glaube, die Antworten des anderen ohnehin schon zu kennen. So schwänden Aufmerksamkeit, Neugier und oft auch das Gefühl von Nähe.

Partnerschaften verlaufen nicht geradlinig

Das heißt allerdings nicht automatisch, dass langjährige Beziehungen unglücklich sind. Jenna Wünsche vom Deutschen Zentrum für Altersfragen verweist auf Studien, die einen U-förmigen Verlauf der Beziehungsqualität nahelegen. Demnach sinkt die Zufriedenheit häufig in der Lebensmitte und steigt später wieder an – gewissermaßen ein zweiter Frühling.

Allerdings weist Wünsche darauf hin, dass viele dieser Ergebnisse aus Querschnittsuntersuchungen stammen. Dabei werden Menschen unterschiedlichen Alters zu einem Zeitpunkt befragt. Der Eindruck eines späteren Aufschwungs könne auch dadurch entstehen, dass ältere Befragte zum Teil in neuen Partnerschaften leben, die naturgemäß zunächst als besonders erfüllend erlebt werden.

Sommer in den Niederlanden
Viele Studien zeigen einen U-Verlauf bei der Partnerschaftszufriedenheit. (Symbolbild) Quelle: Virginia Mayo/AP/dpa

Langzeitstudien, die dieselben Personen über längere Zeit begleiten, zeichnen ein etwas anderes Bild. Zu Beginn des Familienlebens nehme die Zufriedenheit oft deutlich ab, was vor allem mit den Belastungen durch kleine Kinder zusammenhänge. In späteren Lebensjahren sinke die Zufriedenheit zwar ebenfalls leicht, bleibe insgesamt aber auf einem hohen Niveau stabil.

Ältere Paare gehen anders mit Konflikten um

Sich auch nach vielen gemeinsamen Jahren aktiv um die Beziehung zu kümmern, kann sich lohnen. Laut Eva-Marie Kessler, Professorin für Gerontopsychologie an der Medical School Berlin, zeigt eine US-Studie, dass ältere Paare Konflikte oft konstruktiver austragen. Sie begegneten einander in Streitmomenten häufiger mit Respekt, Gelassenheit und auch Humor.

Beobachtungsstudien deuten zudem darauf hin, dass ältere Partner bei Auseinandersetzungen öfter erst einmal abwarten, bis sich die Situation beruhigt hat, statt alles sofort klären zu wollen. Wünsche formuliert es so: Ältere Paare müssten nicht mehr jeden Kampf austragen. Mit den Jahren wachse ein Wissen darüber, wie der andere reagiert und wie Probleme gemeinsam gelöst werden können. Sie würden zu einem eingespielten Team im Umgang mit Konflikten.

Was Zufriedenheit im Alter stärkt

Auch die Grundlagen von Partnerschaftszufriedenheit verschieben sich im Lauf des Lebens. Kessler zufolge kommt es bei älteren Paaren besonders darauf an, sich gegenseitig zu unterstützen, Wertschätzung zu zeigen, gemeinsame Werte, Ziele und Aktivitäten zu haben und die Rollen in der Beziehung ausgewogen zu gestalten. Bei jüngeren Paaren steht hingegen häufiger die Persönlichkeit des Partners stärker im Mittelpunkt.

Entscheidend ist im Alter also oft das gemeinsame „Wir“. Im Film „Alte Liebe“ ist dieses Gefühl zunächst kaum noch vorhanden. Erst durch familiäre Ereignisse – unter anderem die dritte Hochzeit der Tochter – geraten Lore und Harry wieder in Bewegung. Für Michael Vogt zeigt sich darin etwas Zentrales: Wenn beide Partner sehr festgelegte Bilder voneinander haben, kann Entwicklung nur gelingen, wenn diese Vorstellungen aufgebrochen werden.

Nähe und Sexualität bleiben wichtig

Auch wenn nach 40 oder 50 Ehejahren vielleicht nicht mehr dieselben Schmetterlinge im Bauch da sind wie am Anfang, ist Liebe nach Ansicht von Kessler keine Frage des Alters. Menschen blieben ihr ganzes Leben hindurch liebes- und sexualfähige Wesen.

Kessler leitet derzeit eine Studie zur onlinebasierten Gruppenpsychotherapie bei Depression im Alter, in der auch Partnerschaft und Sexualität thematisiert werden. Körperliche Nähe und regelmäßige Berührung spielten dabei eine große Rolle. Paare berichteten in diesem Zusammenhang von höherem Wohlbefinden, besserer Gesundheit und größerer Zufriedenheit mit ihrer Beziehung. Gerade im Alter scheine körperliche Berührung sogar noch an Bedeutung zu gewinnen.

Viele Fragen sind noch offen

Wenig erforscht ist bislang, wie sich eine Partnerschaft verändert, wenn im Alter ein Mensch pflegebedürftig wird. Bekannt sei, dass die Pflege des Partners das eigene Wohlbefinden stark beeinflusst. Ebenso sei klar, dass das Befinden beider Partner eng miteinander verknüpft ist. Wie stark Pflegebedürftigkeit die Beziehung selbst belastet oder verändert, ist wissenschaftlich jedoch bislang nur unzureichend untersucht.

Auch beim sehr hohen Alter sieht Wünsche erheblichen Forschungsbedarf. Über Liebe, Partnerschaft und Sexualität bei Hochaltrigen sei insgesamt noch zu wenig bekannt. Ein Grund dafür ist, dass diese Menschen für Studien oft schwer zu erreichen sind – insbesondere, wenn sie gesundheitlich eingeschränkt sind oder in Pflegeeinrichtungen leben. Hinzu komme, dass ältere Generationen mit solchen Themen häufig zurückhaltender umgehen. Um darüber ins Gespräch zu kommen, brauche es deshalb viel Sensibilität.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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