Wirtschaft

KI- und Öl-Schock: Südkoreas Börse stürzt ab

Tech-Crash in den USA reißt Asien mit: In Seoul brechen die Kurse so heftig ein, dass der Handel plötzlich gestoppt wird.

06.11.2026, 02:57 Uhr

Die Angst vor einer strengeren Regulierung von Künstlicher Intelligenz (KI) hat einen weltweiten Ausverkauf bei Technologiewerten ausgelöst. Nachdem der Wahlausgang in den USA die Märkte zunächst gestützt hatte, kippte die Stimmung rasch: Vor allem Aktien aus der Chipbranche gerieten massiv unter Druck. Die Verkaufswelle aus den USA setzte sich daraufhin an den asiatischen Börsen fort.

Besonders belastend wirkte der Einbruch des Nasdaq 100, der am Donnerstag den stärksten Tagesverlust seit dem Corona-Crash 2020 verzeichnete. Der Index fiel damit auf das Niveau vom April zurück. Nach Berechnungen aus dem Markt gingen dabei rund 2,3 Billionen US-Dollar an Börsenwert verloren. Auch der Philadelphia Semiconductor Index erlitt seinen heftigsten Rückschlag seit 2020.

Warum der Markt plötzlich so nervös ist

Auslöser sind wachsende Sorgen, dass der Boom rund um KI politisch stärker eingehegt werden könnte. Nach dem klaren Erfolg der Demokraten bei den US-Kongresswahlen fürchten Anleger, dass sich die Rahmenbedingungen für Investitionen in Rechenzentren verschlechtern könnten. Solche Projekte waren bislang ein zentraler Treiber des KI-Hypes.

Marktbeobachter verweisen darauf, dass der Widerstand gegen neue Rechenzentren schon im Wahlkampf zugenommen hatte. Kritiker bemängeln den enormen Stromverbrauch, mögliche Belastungen für Energiepreise, Lärm, Luftverschmutzung sowie Risiken für die Wasserversorgung. Zudem wird angezweifelt, dass solche Anlagen in größerem Umfang dauerhafte Arbeitsplätze schaffen. Sollten Genehmigungen schwieriger werden oder Investitionen langsamer fließen, träfe das vor allem Chiphersteller und Zulieferer.

Technologielastige Märkte in Asien besonders betroffen

Am stärksten gerieten in Asien die techniklastigen Börsen in Südkorea, Japan und Taiwan unter Druck. Der südkoreanische Leitindex Kospi sackte im Frühhandel zeitweise um knapp neun Prozent ab und fiel damit erstmals seit Februar wieder unter die Marke von 5.000 Punkten.

Im weiteren Verlauf verringerte sich das Minus etwas. Zuletzt lag der Index noch rund sechs Prozent im Rückstand bei etwa 5.060 Punkten. Laut Marktstrategen halfen stabilisierte US-Futures, die Verluste etwas abzufedern. Trotz des heftigen Rückschlags liegt der Kospi seit Jahresbeginn damit noch immer gut 20 Prozent im Plus. Von seinem Rekordhoch von fast 9.400 Punkten im Juni hat der Index inzwischen aber fast die Hälfte eingebüßt.

Chip-Aktien stehen im Zentrum des Ausverkaufs

Vor allem Halbleiter- und Speicherwerte wurden abverkauft. In den USA verloren Nvidia zeitweise rund 9,3 Prozent, Micron sogar 17,5 Prozent. Speicherkonzerne wie Seagate, Western Digital und Sandisk brachen laut Marktangaben um bis zu 22 Prozent ein. Ihre Produkte gelten als unverzichtbar für den Ausbau von KI-Rechenzentren.

Auch in Asien gerieten die großen Chipwerte stark unter Druck. Die Aktien der südkoreanischen Speicherchip-Hersteller SK Hynix und Samsung Electronics verloren deutlich. Beide Titel hatten den Börsenboom in Südkorea im Sommer noch maßgeblich mitgetragen.

Besonders drastisch ist die Entwicklung bei SK Hynix: Die Aktie hatte im Juni zwischenzeitlich mehr als 3 Millionen Won gekostet. Nach dem jüngsten Kursrutsch von rund elf Prozent liegt der Preis nur noch bei etwa 1,1 Millionen Won – und damit fast zwei Drittel unter dem Sommerniveau. Verglichen mit dem Jahresende 2025 steht aber weiterhin ein Plus von mehr als 70 Prozent.

Auch bei Samsung verlief die Entwicklung ähnlich, wenn auch mit etwas geringeren Ausschlägen. Beide Konzerne zählen wegen ihrer im Jahresverlauf weiterhin hohen Gewinne zu den wertvollsten Technologiefirmen außerhalb der USA. Der Börsenwert von Samsung liegt demnach bei rund 800 Milliarden US-Dollar, jener von SK Hynix bei etwa 600 Milliarden Dollar. In Taiwan lastete zudem Schwergewicht TSMC auf dem Markt.

Circuit Breaker in Seoul ausgelöst

Wegen der heftigen Verluste setzte die Börse in Seoul den Handel für 20 Minuten aus. Mit dem sogenannten Circuit Breaker soll verhindert werden, dass Panikverkäufe den Markt zusätzlich destabilisieren.

Die Regierung berief daraufhin ein Notfalltreffen mit Vertretern der Finanzaufsicht und der Zentralbank ein. Finanzminister Lee Hyoung Il betonte anschließend, die wirtschaftlichen Fundamentaldaten Südkoreas blieben solide. Zugleich erklärte er, die Behörden seien bereit, bei einer weiteren Verschärfung der Volatilität zusätzliche Maßnahmen zu ergreifen.

Ölpreise verschärfen die Nervosität zusätzlich

Neben dem Tech-Schock belasteten auch steigende Ölpreise die Stimmung. Hintergrund sind Berichte aus dem Iran, wonach erneut mehrere Tanker in der Straße von Hormus beschädigt worden sein sollen. Für Südkorea ist das besonders heikel, weil das energiearme Industrieland stark von Ölimporten aus dem Nahen Osten abhängt.

Auch Japan, China und Australien im Minus

Der japanische Nikkei 225 beendete den Handel knapp sechs Prozent tiefer bei 57.434,77 Punkten. Neben den Verlusten im Technologiesektor drückten dort – wie an anderen Märkten auch – die gestiegenen Ölpreise auf die Kurse.

Die chinesischen Börsen hielten sich etwas besser. Der CSI 300 mit den wichtigsten Festlandwerten verlor rund 1,4 Prozent, der Hang Seng in Hongkong gab etwa 1,3 Prozent nach.

Vergleichsweise stabil zeigte sich dagegen Australien: Der S&P/ASX 200 sank nur um 0,49 Prozent auf 9.020,80 Punkte. Als Grund gilt die deutlich geringere Abhängigkeit des Marktes vom Technologiesektor.

Auch deutsche Aktien geraten unter Druck

Der Ausverkauf beschränkte sich nicht auf Asien und die USA. Auch der deutsche Aktienmarkt wurde in Mitleidenschaft gezogen und gab am Freitag weiter nach. Besonders betroffen waren Werte, die in den vergangenen Monaten stark von der KI-Euphorie profitiert hatten.

So verloren Aktien des Chipherstellers Infineon zeitweise mehr als acht Prozent. Auch Siemens Energy und Hochtief, die am Markt ebenfalls als Profiteure des Ausbaus von KI-Infrastruktur galten, gerieten unter Druck. Am Freitagmorgen konnten sich diese Titel zwischenzeitlich etwas erholen.

Platzt jetzt die KI-Blase?

An den Märkten kursiert schon länger die Sorge, dass sich die gewaltigen Milliardeninvestitionen in KI nicht so schnell auszahlen wie bislang erhofft. Der jüngste Einbruch gilt vielen Beobachtern jedoch nicht als Beweis für ein Scheitern der Technologie, sondern eher als harte Korrektur überzogener Erwartungen.

Der grundlegende Nutzen von KI in Bereichen wie Automatisierung, Datenanalyse, medizinische Forschung und Softwareentwicklung wird weiterhin kaum infrage gestellt. Zweifel richten sich derzeit vor allem auf den Zeitplan, in dem sich Investitionen in Chips, Server und Rechenzentren amortisieren sollen. Statt blindem Wachstumsglauben rückt nun stärker die Frage in den Vordergrund, wann und wie diese Milliardenprojekte tatsächlich rentable Erträge liefern.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem der Börsen: Die großen Indizes hängen seit längerem stark an wenigen Tech-Schwergewichten wie Apple, Microsoft, Nvidia oder Alphabet. Fällt diese kleine Gruppe deutlich, zieht sie ganze Märkte mit nach unten.

Was das für ETF-Anleger bedeutet

Für viele Privatanleger ist der Kursrutsch direkt spürbar, weil große Weltindizes wie der MSCI World zuletzt immer techniklastiger geworden sind. Wegen der enormen Marktkapitalisierung der großen US-Technologiekonzerne machten diese Titel in vielen Standard-ETFs inzwischen einen sehr hohen Anteil aus.

Verbraucherschützer und Vermögensverwalter raten langfristig orientierten Sparern dennoch überwiegend zur Ruhe. Korrekturen von 10 bis 20 Prozent gelten an den Aktienmärkten als normale Schwankung. Wer regelmäßig per Sparplan investiert, kann bei fallenden Kursen sogar vorübergehend günstigere Anteile nachkaufen.

Anders sieht es bei Anlegern aus, die gezielt auf Halbleiter- oder KI-Branchen-ETFs gesetzt haben. Dort dürften die Schwankungen besonders hoch bleiben. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein zu prüfen, ob das Depot durch andere Bereiche wie Industrie, Konsumgüter oder Gesundheit ausreichend ausbalanciert ist.

Dämpfer für die Jahresendrally

Die Hoffnung auf eine unbeschwerte Jahresendrally hat durch den Tech-Schock einen deutlichen Rückschlag erlitten. Der Dax hatte zuvor noch von Hoffnungen auf einen moderateren politischen Kurs in den USA profitiert und zwischenzeitlich ein Rekordhoch erreicht, drehte dann aber wieder ins Minus.

Für eine spürbare Erholung zum Jahreswechsel bräuchte es aus Sicht von Marktbeobachtern nun schnelle Entspannungssignale – etwa beruhigende Aussagen aus Washington zur künftigen KI-Regulierung oder überraschend starke Konjunktur- und Unternehmensdaten. Bleibt die politische Unsicherheit hoch, dürfte die Nervosität an den Märkten anhalten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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