Die wichtigsten Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten für die Berliner Abgeordnetenhauswahl
CDU: Stefan Evers – vom Ersatzmann zum Hoffnungsträger?
Dass Stefan Evers (46) einmal als CDU-Spitzenkandidat in den Berliner Wahlkampf ziehen würde, war lange nicht absehbar. Der derzeitige Finanzsenator rückte erst Mitte Juli an die Spitze, nachdem der Regierende Bürgermeister Kai Wegner nach Kritik an seinen Angaben zum Krisenmanagement beim Stromausfall im Januar auf eine erneute Kandidatur verzichtet hatte.
Evers bemüht sich sichtbar darum, nicht bloß als Übergangslösung wahrgenommen zu werden. Er grenzt sich inhaltlich von Wegner ab und setzt auf eigene, teils umstrittene Akzente. So sprach er sich dafür aus, Asylbewerber zu gemeinnütziger Arbeit heranzuziehen, und stellte das kostenlose Mittagessen für alle Kinder der Klassen 1 bis 6 infrage. Nach dem AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt inszeniert er sich als Vertreter einer stabilen politischen Mitte und wirbt dafür, mit der CDU extreme Ränder links wie rechts klein zu halten.
Der konservativ auftretende Politiker stammt aus Paderborn und kam in jungen Jahren nach Berlin-Brandenburg. Nach einem Jurastudium in Potsdam arbeitete er zunächst für Bundestagsabgeordnete und machte sich später als Berater selbstständig.
Seit 2011 sitzt Evers im Abgeordnetenhaus. Als Generalsekretär der Berliner CDU war er ein wichtiger Organisator des erfolgreichen Wahlkampfs von Kai Wegner im Jahr 2023. Danach übernahm er das Amt des Finanzsenators und brachte milliardenschwere Sparmaßnahmen auf den Weg, die in Berlin erhebliche Proteste auslösten. Evers lebt offen homosexuell, ging 2015 eine eingetragene Partnerschaft ein und ist inzwischen verheiratet.

Grüne: Werner Graf – erfahrener Landespolitiker aus Kreuzberg
Die Berliner Grünen schicken Werner Graf (45) ins Rennen um das Rote Rathaus. Gemeinsam mit Co-Fraktionschefin Bettina Jarasch führt er die Partei durch den Wahlkampf. Graf stammt aus Neumarkt in der Oberpfalz, spricht mit unverkennbarem süddeutschem Einschlag und soll nach dem Willen seiner Partei Regierender Bürgermeister werden.
Der Sohn aus einem Arbeiterhaushalt studierte Politikmanagement in Bremen. Graf ist seit vielen Jahren in der Berliner Landespolitik aktiv. Von 2016 bis 2021 stand er an der Spitze der Berliner Grünen, seit 2021 gehört er dem Abgeordnetenhaus an. Seit März 2022 ist er Co-Vorsitzender der Fraktion.
Politisch ist Graf im einflussreichen Grünen-Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg verankert und wird dem linken Parteiflügel zugerechnet. Bei seiner Nominierung erhielt er aber auch Rückhalt aus realpolitischen Kreisen der Partei.
Graf beschreibt sich selbst als optimistisch und durchsetzungsstark. Er ist Fan von Hertha BSC, kocht gern und gilt als Frühaufsteher. Bemerkenswert ist auch seine persönliche Nähe zum scheidenden CDU-Regierungschef Kai Wegner, mit dem er befreundet ist. Obwohl Graf offen linke Mehrheiten bevorzugt, trauen ihm viele zu, notfalls auch eine Zusammenarbeit mit der CDU auszuloten. Der schwarz-roten Koalition wirft er vor, Berlin insbesondere bei Verkehr und Klimaschutz zurückzuwerfen. Im Ton bleibt er im Wahlkampf allerdings meist gemäßigter als andere Konkurrenten.
Linke: Elif Eralp – mit klar linkem Kurs ins Rennen
Elif Eralp (45) könnte für die Linke Geschichte schreiben: als erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei und zugleich als erste Amtsinhaberin mit Migrationsgeschichte. Geboren wurde sie in München, aufgewachsen ist sie in Dortmund und Hamburg. Ihre Eltern waren als Sozialisten und Gewerkschafter aus der Türkei nach Deutschland geflohen.
Die Juristin gehörte von 2018 bis 2023 dem Landesvorstand der Berliner Linken an. Seit 2021 sitzt sie im Abgeordnetenhaus und ist dort stellvertretende Fraktionsvorsitzende.
Eralp formuliert ihre Ambitionen offensiv. Ihrer Ansicht nach müsse das Rote Rathaus endlich auch politisch wirklich rot werden. Mit Verweis auf den Erfolg des linken Demokraten Zohran Mamdani in New York erklärte sie, ein linker Wahlsieg sei auch in Berlin möglich. Zugleich kündigte sie an, ihre Partei wolle bei der Wahl ihr bestes Berliner Ergebnis überhaupt erzielen.
Im Wahlkampf setzt Eralp auf eine scharfe soziale Botschaft. Sie will Berlin zu einem Zentrum des Widerstands gegen Sozialabbau und Rechtsruck machen. Besonders deutlich positioniert sie sich in der Wohnungspolitik: Große Immobilienkonzerne sollen enteignet, landeseigene Wohnungen mit einem Mietendeckel versehen werden. Ihr Ziel sei es, mit allen politischen Mitteln dafür zu sorgen, dass Berlin für alle bezahlbar bleibt. Eralp ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.
SPD: Steffen Krach auf anspruchsvoller Mission
Für Steffen Krach (47) hätte das Jahr auch deutlich ruhiger verlaufen können. Als 2021 direkt gewählter Regionspräsident von Hannover hatte er in seiner Heimat gute Aussichten auf eine Wiederwahl. Doch im vergangenen Sommer kehrte er nach Berlin zurück, um die SPD im Machtzentrum der Hauptstadt zu halten und selbst den Weg ins Rote Rathaus zu suchen.
Krach war bereits von 2014 bis 2021 Staatssekretär für Wissenschaft in Berlin. Seit seiner Rückkehr versucht der Politologe mit vielen Terminen in den Bezirken, seinen Bekanntheitsgrad zu steigern. Er präsentiert sich als sachorientierter Kandidat und attackiert sowohl Kai Wegner als auch dessen Nachfolger als CDU-Spitzenkandidat, Stefan Evers. Das ist nicht ohne Brisanz, da SPD und CDU seit 2023 gemeinsam regieren.
Inzwischen hat Krach zusammen mit der Abgeordneten Bettina König auch den SPD-Landesvorsitz übernommen. Trotz schwacher Umfragewerte kann er sich in der von unterschiedlichen Strömungen geprägten Partei auf breite Unterstützung stützen. Ob das im Fall einer Wahlniederlage so bleibt, ist jedoch offen.
Wenige Wochen vor der Wahl geriet Krach zusätzlich unter Druck: Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen ihn, mutmaßlich im Zusammenhang mit der Nachnutzung eines Klinikgeländes in der Region Hannover. Im Raum steht unter anderem der Anfangsverdacht der Vorteilsnahme in zwei Fällen. In diesem Zusammenhang wurden auch Büros sowie seine Berliner Wohnung durchsucht. Krach weist sämtliche Vorwürfe zurück und setzt seinen Wahlkampf unbeirrt fort. Gleichwohl dürfte das Verfahren seine Ausgangslage im Endspurt nicht verbessern. Krach ist seit 1998 SPD-Mitglied, verheiratet und Vater von drei Kindern.
AfD: Kristin Brinker setzt auf Angriff
Die Berliner AfD tritt erneut mit Kristin Brinker (54) als Spitzenkandidatin an, wie schon bei den Wahlen 2021 und 2023. In der stark männlich geprägten Partei gilt sie seit Längerem als prägende Führungsfigur. Als Landes- und Fraktionsvorsitzende hat sie sich etabliert. Nachdem die AfD 2023 in Berlin auf 9 Prozent kam, startet Brinker nun mit deutlich größerem Selbstbewusstsein und dem erklärten Ziel, stärkste Kraft zu werden.
Im Wahlkampf kombiniert sie nüchterne Argumentation mit provokativer Sprache, ähnlich wie in ihren Reden im Abgeordnetenhaus. Geboren wurde Brinker 1972 in Bernburg in Sachsen-Anhalt. Sie wuchs in der DDR auf und zog nach der Wiedervereinigung nach Berlin. An der Technischen Universität studierte sie von 1994 bis 1999 Architektur und promovierte dort auch. Vor ihrem Einstieg in die Politik arbeitete sie selbstständig in der Immobilienbranche.
Brinker gehört der AfD seit 2013 an und sitzt seit 2016 im Abgeordnetenhaus. Früher wurde sie eher dem liberal-konservativen Lager zugerechnet. Inzwischen zeigt sie jedoch kaum Berührungsängste gegenüber weit rechten Kräften in der Partei oder gegenüber radikalen politischen Forderungen.
So wirbt sie für ein Programm zur sogenannten Remigration. Neue Wohnungen sollen nach ihren Vorstellungen bevorzugt an langjährige Berlinerinnen und Berliner vergeben werden. Mit Aussagen über Quartiere mit hohem Migrantenanteil und dem Eindruck, man sei dort nicht mehr in Deutschland, sorgte sie zuletzt erneut für scharfe Kritik.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber