Kultur im Übermaß, einst vergleichsweise niedrige Mieten und trotz Großstadtstress ein spezieller Kiez-Charme: Dieses Berliner Selbstbild wirkt für viele inzwischen verblasst. Vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus an diesem Sonntag prägen vor allem die Mühen des Alltags die Debatte in der Hauptstadt. Es geht um bezahlbaren Wohnraum, vermüllte Straßen und die Frage, ob künftig eine Sozialistin an die Spitze der Stadt rücken könnte.
Von „arm, aber sexy“ zu „teuer und heruntergekommen“?
Das Bild, das Berlin derzeit von sich selbst hat, ist vielerorts düster. Besonders der Zustand des öffentlichen Raums spielte im Wahlkampf eine große Rolle. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers regte an, Sozialleistungsbezieher stärker für die Stadtsauberkeit einzuspannen. SPD und Linke wollen die kostenlose Sperrmüllabholung zurückbringen. Die Grünen setzen dagegen auf eine Steuer auf Einwegverpackungen, um Müll zu vermeiden und Verursacher stärker in die Pflicht zu nehmen.
Auffällig ist in diesem Sommer auch die sichtbare Zunahme von Obdachlosencamps an Kanälen, in Parks und auf Grünflächen, die früher vor allem für Freizeit und Familienfeste genutzt wurden. Hinzu kommen Orte, Straßenabschnitte und U-Bahnhöfe, an denen sich weiterhin viele Drogenabhängige aufhalten. Das drückt bei manchen Berlinern auf das Sicherheitsempfinden.
Auch kulinarisch ist die Stadt für viele nicht mehr das günstige Paradies früherer Jahre. Zwar bleibt das gastronomische Angebot groß und hochwertig, doch die Preise sind nach den Inflationswellen teils deutlicher gestiegen als in anderen Regionen Deutschlands.

Ob Berlin dadurch als Reiseziel an Attraktivität verliert, ist nicht eindeutig belegt. Klar ist aber: Der Tourismusboom hat nachgelassen. 2025 wurden 29,4 Millionen Übernachtungen gezählt, 3,8 Prozent weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 2019, dem bisherigen Rekordjahr, waren es noch rund 34 Millionen.
Es läuft nicht alles schlecht
So gern in Berlin geklagt wird, es gibt auch Fortschritte. Ein Beispiel sind die Bürgerämter. Die früher oft extrem langen Wartezeiten auf Termine für Ausweise oder Pässe gehören inzwischen weitgehend der Vergangenheit an. Im Mai erklärte der scheidende Regierende Bürgermeister Kai Wegner, das sogenannte 14-Tage-Ziel sei erstmals erreicht worden. Wer innerhalb von zwei Wochen einen Termin brauche, bekomme ihn nun auch — häufig sogar noch am selben Tag.
Ein weiteres Beispiel ist der Hundekot auf Gehwegen und in Parks. Lange galt Berlin auch dafür als berüchtigt. Inzwischen hat sich die Lage spürbar verbessert, obwohl in der Stadt heute mehr Hunde leben als früher. Viele Halter beseitigen die Hinterlassenschaften inzwischen konsequent. Wer das unterlässt, riskiert 55 Euro Verwarngeld oder sogar bis zu 350 Euro Bußgeld.
Verbessert hat sich außerdem der Ruf des Flughafens BER. Über den jahrelangen Pannenbau wurde bundesweit gespottet. Inzwischen schaffte es der Airport im „World Consumer Airport Index“ der kleineren Flughäfen in die Top Ten.
Auch bei den Schulen ist einiges geschehen. Nach Angaben des Senats entstanden in den vergangenen zehn Jahren für rund sieben Milliarden Euro 41 neue Schulgebäude, 119 Erweiterungsbauten und 76 Sporthallen. So wurden etwa 62.000 zusätzliche Schulplätze geschaffen. Entspannung bedeutet das aber noch nicht. Zum Start des Schuljahres war von fast 405.000 Schülerinnen und Schülern die Rede — ein Höchststand. Die Gewerkschaft GEW warnt deshalb, von Entlastung könne keine Rede sein. Fehlendes Personal werde weiterhin durch zusätzliche Vertretungsstunden, größere Lerngruppen und Mehrarbeit aufgefangen.
Wohnungskrise als Dauerbrenner
Anders als in Metropolen wie London oder Paris leben in Berlins zentralen Bezirken noch immer viele Menschen mit durchschnittlichem oder geringem Einkommen. Doch durch den starken Zuzug — darunter Wohlhabende ebenso wie Menschen mit wenig Geld — ist bezahlbarer Wohnraum inzwischen extrem knapp geworden. Dazu kommen zahlreiche Ferienwohnungen, die dem regulären Mietmarkt fehlen.
Die Folgen sind im Alltag vieler Menschen spürbar. Familien wohnen oft auf engstem Raum, Kinder teilen sich Zimmer, Eltern schlafen im Wohnzimmer. Gleichzeitig bleiben ältere Menschen in großen Wohnungen, weil kleinere und bezahlbare Alternativen kaum zu finden sind.
Wie das Problem gelöst werden kann, ist eines der zentralen Streitthemen in der Stadt. Linke und Teile der SPD plädieren dafür, große Immobilienkonzerne zu vergesellschaften. Rund 270.000 Wohnungen sollen so in öffentliches Eigentum übergehen, um Spekulation und ständige Weiterverkäufe zu begrenzen. Die CDU hält dagegen und warnt, ein solcher Schritt würde den Neubau eher ausbremsen.
Auch das Tempelhofer Feld bleibt ein politischer Dauerstreit. Auf dem stillgelegten Flughafenareal südlich von Kreuzberg soll nach Ansicht der CDU zumindest am Rand gebaut werden. Dort könnten ihrer Vorstellung nach Wohnungen für bis zu 50.000 Menschen entstehen, während 200 Hektar in der Mitte frei blieben. Grüne und Linke lehnen das ab. Für sie ist das Gelände als Freizeit- und Sportfläche unverzichtbar und zudem wichtig als Frischluftkorridor für die Stadt.
Wahlkampf mit vielen Unbekannten
Eine besondere Wendung nahm der Wahlkampf im Juli, als Kai Wegner als einziger auch über Berlin hinaus bekannter Spitzenpolitiker seinen Rückzug aus dem Rennen um das Amt des Regierenden Bürgermeisters antreten musste. Die Folgen der sogenannten „Tennis-Gate“-Affäre während des großen Blackouts im Januar erwiesen sich als zu belastend.
An seine Stelle trat Finanzsenator Stefan Evers als CDU-Spitzenkandidat — für Kritiker eher eine Verlegenheitslösung, bislang eher ein Politiker aus der zweiten Reihe. Auch die übrigen Parteien setzen auf Kandidatinnen und Kandidaten, die in der breiten Öffentlichkeit keine Zugpferde sind. Ob das auf eine Provinzialisierung der Hauptstadt hindeutet oder schlicht normale Politik ist, dürfte sich am Sonntagabend zeigen.
Besonders spannend bleibt die Frage, ob Berlin ähnlich wie New York oder Paris künftig von Sozialisten regiert wird. Nach den Umfragen hat die Linke mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp gute Chancen, bei der Wahl stärkste Kraft zu werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber