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Herzstillstand? So retten bloße Hände Leben

Jede Sekunde zählt – doch viele scheitern bei der Wiederbelebung. Warum das tödlich ist und worauf jetzt die Jugend hoffen lässt.

20.09.2026, 06:00 Uhr

Woche der Wiederbelebung: Schnelles Handeln kann Leben retten

An einem sommerlichen Tag im Nürnberger Stadtpark wird Rebekka K. plötzlich zur Ersthelferin. Eigentlich war sie mit ihren kleinen Kindern auf dem Weg zum Spielplatz, als sie auf einer Wiese einen Mann zusammenbrechen sah. Der etwa 60-Jährige sei ohne Vorwarnung zu Boden gegangen, berichtet sie rückblickend im Zusammenhang mit der an diesem Montag beginnenden Woche der Wiederbelebung.

Während andere Menschen erschrocken reagierten, lief die damals 32-Jährige sofort zu dem Mann. Zunächst habe er noch unverständlich gesprochen, dann sei er immer ruhiger geworden und schließlich zur Seite gesackt. Rebekka K. begann daraufhin direkt mit der Herzdruckmassage.

Ohne Hilfe bis zum Rettungsdienst sinken die Überlebenschancen drastisch

In Deutschland erleiden jedes Jahr bis zu 140.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Viele von ihnen könnten gerettet werden, wenn Umstehende sofort eingreifen. Dennoch überlebt bislang nur etwas mehr als jeder zehnte Betroffene.

Bernd Böttiger, Vorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung, warnt eindringlich: Wer bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand nur auf den Rettungsdienst wartet, nimmt oft in Kauf, dass jede Hilfe zu spät kommt. Schon nach wenigen Sekunden verlieren Betroffene das Bewusstsein, nach drei bis fünf Minuten drohen schwere und irreversible Hirnschäden.

Da Rettungskräfte in vielen Fällen erst nach zehn bis 15 Minuten eintreffen, gerade außerhalb von Städten teils noch später, kommt der Hilfe durch Laien eine entscheidende Rolle zu.

Erste-Hilfe-Kurs
10.000 Leben könnten pro Jahr in Deutschland gerettet werden, wenn mehr Menschen die Wiederbelebungsmaßnahmen beherrschen würden. (Symbobild) Quelle: Bernd Thissen/dpa

Die einfache Regel: Prüfen, rufen, drücken

Nach Angaben des Deutschen Herzzentrums der Berliner Charité sind die Anzeichen eines Herz-Kreislauf-Stillstands klar: Die Person ist bewusstlos und atmet nicht normal. Auch eine auffällige, unregelmäßige oder schnappende Atmung gilt als Warnsignal.

Die Grundregel lautet daher: Prüfen. Rufen. Drücken.

Böttiger erklärt: Fällt jemand plötzlich um, sollte man sofort hingehen, die Person ansprechen und vorsichtig rütteln. Reagiert sie nicht, muss umgehend der Notruf 112 gewählt werden.

Herzdruckmassage im Takt von "Stayin’ Alive"

Nach dem Notruf sollte sofort mit der Herzdruckmassage begonnen werden. Dafür werden beide Hände auf die Mitte des Brustkorbs gesetzt und der Brustkorb fünf bis sechs Zentimeter tief eingedrückt – etwa zweimal pro Sekunde. Als Orientierung kann der Rhythmus bekannter Lieder wie "Stayin’ Alive" von den Bee Gees oder "Atemlos durch die Nacht" dienen.

Frühere Empfehlungen wie langes Prüfen der Atmung, Pulskontrolle oder Mund-zu-Mund-Beatmung seien für ungeübte Helfer oft eher hinderlich, sagt Böttiger. Auch das Suchen eines Defibrillators könne wertvolle Zeit kosten. Entscheidend sei, ohne Verzögerung mit dem Drücken zu beginnen.

Ministerium sieht großes Rettungspotenzial

Rund zwei Drittel der Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand sind laut Böttiger Männer. Im Durchschnitt sind die Betroffenen etwas älter als 65 Jahre. Häufige Ursachen sind Herzerkrankungen wie Herzinfarkt oder Rhythmusstörungen.

Etwa 70 Prozent der Notfälle passieren zuhause. In fast der Hälfte der Fälle sind andere Personen anwesend, die sofort helfen könnten. Dennoch beginnt laut Bundesgesundheitsministerium nur in 55,4 Prozent der Fälle eine Wiederbelebung durch Laien.

Dabei könnte schnelles Eingreifen die Überlebenschancen um das Zwei- bis Dreifache erhöhen. Nach Einschätzung des Ministeriums ließen sich jedes Jahr zusätzlich rund 10.000 Menschenleben retten, wenn mehr Menschen direkt mit der Herzdruckmassage beginnen würden.

Telefonische Anleitung kann Hemmschwellen abbauen

Besonders paradox: Obwohl Herz-Kreislauf-Stillstände häufig ältere Menschen im häuslichen Umfeld treffen, kennen sich laut einer repräsentativen Umfrage der ADAC Stiftung nur 23 Prozent der Über-60-Jährigen mit Wiederbelebung aus. Auch bei vielen Jüngeren liegt der letzte Erste-Hilfe-Kurs lange zurück, oft seit dem Führerschein.

Die Studie zeigt außerdem, dass die Bereitschaft zur Reanimation deutlich steigt, wenn die Leitstelle telefonisch anleitet – von 64 auf 83 Prozent. Eine solche Telefonreanimation ist in anderen Ländern längst verbreitet, in Deutschland jedoch noch nicht flächendeckend etabliert. Künftig soll sie im Zuge der Notfallreform gesetzlich verankert werden.

Wiederbelebung als Thema im Unterricht

Damit lebensrettende Handgriffe selbstverständlicher werden, fordert der Deutsche Rat für Wiederbelebung gemeinsam mit Hilfsorganisationen und der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse jedes Jahr zwei Unterrichtsstunden zur Reanimation absolvieren.

Zwar befürwortet laut ADAC Stiftung die große Mehrheit der Befragten ein solches Konzept, verbindlich in den Lehrplänen verankert ist es bislang aber nur in sechs Bundesländern: Hessen, Saarland, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Selbst dort hapert es häufig noch an der konsequenten Umsetzung und an regelmäßigen Wiederholungen.

Übung schafft Sicherheit

Wie wichtig regelmäßiges Training ist, zeigt das Beispiel von Rebekka K. Sie muss beruflich jedes Jahr an einer entsprechenden Schulung teilnehmen. Nach ihrer Einschätzung war genau diese Routine ausschlaggebend dafür, dass sie im Ernstfall sofort handelte. Ohne die vielen Übungen an einer Puppe, sagt sie, hätte sie sich vermutlich nicht getraut, mit der Reanimation zu beginnen.

Der Mann im Nürnberger Stadtpark starb trotz aller Bemühungen. Dennoch bleibt für Rebekka K. die Gewissheit, richtig gehandelt zu haben. Sie habe alles versucht, sagt sie – und genau das sei immer besser, als untätig zu bleiben.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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