Nach schwerem Erdbeben: Präsident ruft Notstand aus
Nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,4 hat Kolumbiens Präsident Abelardo de la Espriella den Notstand ausgerufen. Nach einer vorläufigen Bilanz des Staatschefs kamen mindestens 181 Menschen ums Leben, 2.595 weitere wurden verletzt. Die Zahl der Opfer dürfte weiter steigen, weil die Rettungs- und Bergungsarbeiten noch andauern.
Als offiziell vermisst gelten derzeit 195 Menschen. Einer inoffiziellen Plattform zufolge werden allerdings rund 3.800 Menschen von Angehörigen gesucht. De la Espriella erklärte, Regierung und lokale Behörden mobilisierten alle verfügbaren Mittel, um die Folgen der Katastrophe zu bewältigen. Oberste Priorität habe die Rettung von Menschen, die noch unter Trümmern verschüttet sind. Für den erst vor wenigen Tagen vereidigten Präsidenten ist das Krisenmanagement die erste große Bewährungsprobe im Amt.
Schwere Zerstörungen rund um das Epizentrum
Besonders schwer getroffen wurden Städte rund um das Epizentrum nahe San José del Palmar im Westen des Landes. Zahlreiche Gebäude stürzten ein oder wurden schwer beschädigt. Unter vielen Trümmern werden noch Menschen vermutet.
Nach Angaben des Präsidenten sind landesweit mehr als 1.100 Wohnhäuser und andere Gebäude vollständig eingestürzt. Mehr als 8.300 weitere Wohnhäuser wurden demnach beschädigt.
Pereira besonders betroffen
Neben Pereira zählen auch Cali und Manizales zu den am stärksten betroffenen Städten. Nach jüngsten Angaben des Präsidenten kamen allein in Pereira bislang 79 Menschen ums Leben, 37 weitere werden vermisst. Außerdem seien 66 Gebäude komplett eingestürzt.
Der Flughafen von Pereira am Rand des Kaffeeanbaugebiets Eje Cafetero ist nur noch eingeschränkt betriebsbereit. Regierung und lokale Behörden arbeiteten ungeachtet politischer Differenzen zusammen, betonte de la Espriella bei einem Besuch in der Stadt.
Krisenmanagement als erste große Herausforderung
Für den rechten Politiker, der vor seiner Wahl auf Unterstützung von US-Präsident Donald Trump zählen konnte, ist die Naturkatastrophe die erste große Herausforderung seiner Amtszeit. „An erster Stelle steht die Rettung der Menschen, die unter den Trümmern begraben sind“, sagte der Präsident. Er reiste kurz nach dem Beben in mehrere besonders stark betroffene Städte.
Cali ist auch wegen seiner vielen Salsa-Schulen bekannt und gilt als beliebtes Reiseziel, auch für Touristen aus Europa. Auch dort sowie in Manizales wurden schwere Schäden gemeldet.
Infrastruktur stark beeinträchtigt
Die Stromversorgung sowie Telefon- und andere Kommunikationsverbindungen sind in mehreren Regionen beeinträchtigt. Nach Angaben des Präsidenten sind sechs Flughäfen wegen Schäden an ihrer Infrastruktur derzeit für den kommerziellen Flugverkehr außer Betrieb.
In Manizales wurde zudem die Kathedrale schwer beschädigt.
Beben auch in Nachbarländern zu spüren
Das Epizentrum lag nahe San José del Palmar im Departamento Chocó im Westen des Landes. Das Beben ereignete sich am Montag um 7.34 Uhr Ortszeit in einer Tiefe von rund 103 Kilometern, wie der Kolumbianische Geologische Dienst mitteilte.
Anschließend wurden zahlreiche Nachbeben registriert – noch mehr als 24 Stunden später. Die Erschütterungen waren auch in Bogotá, Medellín, Popayán und Armenia deutlich zu spüren. Berichten zufolge wurde das Beben außerdem in Ecuador, Venezuela und Panama wahrgenommen.
Augenzeugen berichten von Panik und Schäden
Viele Menschen verließen in Panik ihre Häuser, während Autos auf den Straßen schwankten und Fensterscheiben klirrten. Eine Frau aus Manizales schilderte dem Sender La FM, sie habe zunächst an ein leichtes Beben gedacht. Als die Erschütterungen jedoch stärker geworden seien und nicht aufgehört hätten, habe sie Todesangst bekommen.
Auch aus Armenia wurden Schäden gemeldet. Ein Bewohner berichtete, ein Teil seines Hausdachs sei eingestürzt und die Wände hätten Risse bekommen. Selbst im mehrere hundert Kilometer entfernten Bogotá war das Beben noch deutlich zu spüren. Dort sagte Kristin Wesemann von der Konrad-Adenauer-Stiftung, die ganze Wohnung und das gesamte Gebäude hätten geschwankt – ein solches Erdbeben habe sie dort noch nicht erlebt.
Auswärtiges Amt: Keine Hinweise auf betroffene Deutsche
Mehrere Länder haben Kolumbien Unterstützung angeboten, darunter auch Deutschland und die EU. Das Auswärtige Amt erklärte, das volle Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar, es müsse mit weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang gebe es keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl. Die EU stellte nach Angaben einer Sprecherin zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit. Außerdem wurde der Erdbeobachtungsdienst Copernicus aktiviert, um das Ausmaß der Schäden zu erfassen. Kolumbien bat zudem über den EU-Katastrophenschutzmechanismus um Unterstützung.
Experten sehen keinen Zusammenhang zu Beben in Venezuela
Erinnerungen weckte das Beben an die schweren Erdstöße im Nachbarland Venezuela vor wenigen Wochen. Dort hatten am 24. Juni binnen weniger Sekunden zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden des Landes erschüttert, Tausende Menschen kamen ums Leben.
Einen direkten Zusammenhang gibt es nach Einschätzung des Geologischen Dienstes jedoch nicht. Demnach wurden die Beben durch Bewegungen unterschiedlicher Erdplatten ausgelöst: In Venezuela spielte die Karibische Platte eine Rolle, in Kolumbien die vor der Pazifikküste liegende Nazca-Platte.
Frühere schwere Erdbeben in Kolumbien
Das zuvor stärkste Erdbeben in der Region ereignete sich 1958 vor der Küste zwischen Ecuador und Kolumbien mit einer Stärke von 7,6. Damals kamen laut Geologischem Dienst 15 Menschen ums Leben. Im Jahr 1999 starben in Armenia und umliegenden Gemeinden bei einem Beben der Stärke 6,1 mehr als 1.000 Menschen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber