Zöliakie ist keine bloße Nahrungsmittel-Unverträglichkeit, sondern eine Autoimmunerkrankung, die häufig lange unerkannt bleibt. Ob zu Hause, im Beruf, auf Reisen oder beim Essen außer Haus: Wer betroffen ist, muss Gluten konsequent meiden und im Alltag vieles beachten. Ein Überblick zum Welt-Zöliakie-Tag an diesem Samstag.
Was ist Gluten?
Gluten ist ein Klebereiweiß, das in verschiedenen Getreidesorten vorkommt. Dazu zählen vor allem Weizen, Dinkel, Gerste und Roggen, erklärt Birgit Terjung von der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten.
Was versteht man unter Zöliakie?
Bei Zöliakie reagiert das Immunsystem auf Gluten. Schon kleinste Mengen können nach Angaben der Deutschen Zöliakie Gesellschaft eine Abwehrreaktion auslösen. In der Folge entzündet sich der Dünndarm, und die Darmzotten bilden sich zurück. Dadurch wird die Darmschleimhaut geschädigt.
Langfristig kann diese Schädigung zu einem Mangel an wichtigen Nährstoffen führen. Auch das Risiko für Folgeerkrankungen wie Osteoporose steigt.
Die Darmzotten sind winzige Ausstülpungen der Schleimhaut und wichtig für die Aufnahme von Nährstoffen. Bei Menschen mit Zöliakie werden sie durch glutenhaltige Ernährung stark beeinträchtigt oder verschwinden nahezu. Das verschlechtert die Nährstoffaufnahme deutlich. Wer strikt glutenfrei isst, kann jedoch erreichen, dass sich die Schleimhaut wieder regeneriert. Dieser Prozess dauert meist ein bis zwei Jahre.
Wichtig ist die Abgrenzung zur Weizenallergie: Sie ist nicht dasselbe wie Zöliakie. Bei einer Weizenallergie treten allergische Reaktionen auf bestimmte Eiweiße des Weizens auf, etwa an der Haut, an den Atemwegen oder im Magen-Darm-Trakt. Andere glutenhaltige Getreide werden dabei häufig vertragen.

Welche Beschwerden können auftreten?
Typische Anzeichen sind Durchfall, Gewichtsverlust und Müdigkeit. Möglich sind aber auch Verstopfung, Bauchschmerzen und Blähungen. Häufig kommt außerdem Eisenmangel vor, weil der Körper Eisen über die geschädigte Darmschleimhaut schlechter aufnehmen kann.
Auch auffällige Leber- oder Bauchspeicheldrüsenwerte können mit der Erkrankung zusammenhängen. Fachleute weisen darauf hin, dass die Symptome sehr unterschiedlich sein können und sich nicht nur auf den Verdauungstrakt beschränken.
Nicht jeder Betroffene zeigt das vollständige Krankheitsbild. Genau deshalb wird Zöliakie oft spät erkannt. Nur ein kleiner Teil leidet unter den klassischen starken Beschwerden wie erheblichem Gewichtsverlust und ausgeprägtem Durchfall. Sehr viel häufiger treten nur einzelne oder untypische Symptome auf.
Selbst ohne spürbare Beschwerden kann die Erkrankung den Dünndarm entzünden. Dann nimmt die Schleimhaut trotzdem weniger Nährstoffe auf, was zu Mangelerscheinungen führen kann.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Besteht der Verdacht auf Zöliakie, erfolgt zunächst meist eine Blutuntersuchung. Dabei werden bestimmte Antikörper bestimmt, die gegen Gewebe-Transglutaminase gerichtet sind.
Bei Erwachsenen wird zusätzlich oft eine Magenspiegelung mit Untersuchung des Dünndarms vorgenommen. So lässt sich feststellen, ob die Schleimhaut entzündet und geschädigt ist.
Wie viele Menschen sind betroffen?
Nach Schätzungen leidet rund ein Prozent der Bevölkerung an Zöliakie. Die Zahl der unerkannten Fälle dürfte jedoch hoch sein. Denn nur bei etwa 10 bis 20 Prozent zeigt sich das klassische Vollbild. Die meisten Betroffenen haben wenige, ungewöhnliche oder gar keine Symptome und wissen daher oft nichts von ihrer Erkrankung.
Was bedeutet das für den Alltag?
Die wichtigste Behandlung ist eine lebenslange, streng glutenfreie Ernährung. Dabei zählt nicht nur, was gegessen wird, sondern auch, ob Lebensmittel versehentlich mit Gluten in Kontakt kommen.
Wenn im selben Haushalt andere Personen glutenhaltig essen, müssen etwa Küchengeräte, Schneidebretter und andere Utensilien sorgfältig gereinigt werden. Schon Krümel oder kleinste Rückstände können problematisch sein.
Ist Körperkontakt ein Risiko?
Beim Küssen nach dem Verzehr glutenhaltiger Speisen müssen Menschen mit Zöliakie einer Studie der American Gastroenterological Association zufolge in der Regel keine Angst haben. In einem kleinen Versuch mit zehn Paaren war die gemessene Glutenmenge so niedrig, dass sie als vernachlässigbar eingestuft wurde.
Wie bekannt ist die Krankheit?
Grundsätzlich ist Zöliakie vielen ein Begriff. Nach Einschätzung der Deutschen Zöliakie Gesellschaft gibt es aber weiterhin deutliche Wissenslücken. Die Erkrankung werde oft nicht ernst genug genommen oder mit freiwilligen Ernährungstrends verwechselt.
Hinzu kommt, dass Begriffe häufig unscharf verwendet werden. Manche Menschen gehen davon aus, Zöliakie zu haben, obwohl dies medizinisch nicht bestätigt ist. Das kann zu unnötigen Diäten führen. Fachleute sehen deshalb weiterhin Aufklärungsbedarf – sowohl bei Ärztinnen und Ärzten als auch in der Ernährungsberatung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion