Klimawandel belastet Kinder besonders stark
Wenn auf dem Spielplatz die Sonne brennt oder sich Klassenräume im Sommer aufheizen, leiden Kinder oft stärker darunter als Erwachsene. Hohe Temperaturen erschweren nicht nur das Spielen und Lernen, sondern sind nur ein Teil der gesundheitlichen Folgen, die die Klimakrise für junge Menschen mit sich bringt.
Warum Kinder anfälliger sind
Nach Einschätzung des Essener Kinder- und Jugendarztes Dirk Holzinger reagieren Kinder empfindlicher auf klimatische Veränderungen, weil ihr Körper sich noch entwickelt. Vor allem Babys und Kleinkinder nehmen Wärme schneller auf. Außerdem benötigen Kinder im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr Wasser und Nahrung – damit steigt auch die mögliche Aufnahme von Schadstoffen.
Forschungsergebnisse, die im Fachbuch Kindergesundheit und Klimawandel zusammengetragen wurden, zeigen: Besonders Kinder unter fünf Jahren gelten als gefährdet. Ihre Temperaturregulation und ihr Immunsystem sind noch nicht vollständig ausgereift. Hitze kann deshalb schneller zu Flüssigkeitsmangel führen. Bereits während der Schwangerschaft stehen hohe Temperaturen und Luftverschmutzung mit Frühgeburten und geringem Geburtsgewicht in Verbindung.
Holzinger warnt zudem, dass Kinder, die heute geboren werden, im Laufe ihres Lebens deutlich mehr gesundheitliche Auswirkungen der Klimakrise erleben dürften als frühere Generationen.
Mehr UV-Strahlung, längere Pollensaison, neue Infektionsrisiken
Mit dem Klimawandel steigen in Europa auch die Sonnenstunden und damit die UV-Belastung. Für Kinder bedeutet das ein höheres Risiko, später an Hautkrebs zu erkranken. Gleichzeitig dauert die Pollensaison länger, was besonders junge Menschen mit Asthma oder Allergien belastet.

Hinzu kommt, dass wärmere Bedingungen Zecken und Mücken begünstigen. Dadurch können sich bestimmte Infektionskrankheiten leichter ausbreiten. Holzinger betont dabei auch die soziale und generationelle Ungerechtigkeit: Kinder tragen die Folgen einer Krise, die sie selbst nicht verursacht haben.
Auch die seelische Belastung wächst
Die Psychologin und Autorin Lea Dohm weist darauf hin, dass viele Kinder und Jugendliche ohnehin in einer schwierigen Phase aufwachsen. Ihr Gesundheitszustand habe sich nach der Pandemie vielfach nicht wieder auf das frühere Niveau erholt. Dazu kämen nun Sorgen um die Zukunft in einer Zeit mehrerer Krisen. Gerade jüngere Kinder seien dabei besonders auf Sicherheit und Orientierung durch Eltern und andere enge Bezugspersonen angewiesen.
Nach Dohms Einschätzung wirkt sich Hitze nicht nur körperlich aus. Sie beeinflusst auch das Verhalten und die Lernfähigkeit. Schon an Grundschulen sei Hitzeschutz ein wichtiges Thema. Hohe Temperaturen führten eher zu Gereiztheit, mehr Konflikten und geringerer Konzentration. Gleichzeitig sei absehbar, dass die Sommer in Zukunft noch belastender werden.
Anpassung allein reicht nicht
Um mit Stress, Zukunftsangst oder Ohnmachtsgefühlen umzugehen, können Kindern laut Dohm zwar Strategien wie Bewegung oder Entspannungsübungen helfen. Diese Maßnahmen änderten aber nichts daran, dass Hitze und Extremwetter real zunehmen. Kinder müssten deshalb wirksam geschützt werden – und Erwachsene seien gefordert, die Ursachen der Krise einzudämmen.
Wichtig seien außerdem konkrete Möglichkeiten, selbst aktiv zu werden. Forschung zeige, dass Menschen Krisenängste besser bewältigen, wenn sie mitgestalten und handeln können.
Schule als Lernort und Praxisraum
Wie das aussehen kann, zeigt die Rauchbeinschule in Schwäbisch Gmünd. Dort arbeiten Kinder im Schulgarten und kümmern sich auf einem Schulbauernhof um Tiere. Für Fachoberlehrer Daniel Pieri ist der Schulhof mehr als nur ein Pausenraum – er versteht ihn als Teil des pädagogischen Konzepts und als eine Art reales Versuchsfeld.
Die Schülerinnen und Schüler übernehmen regelmäßig Aufgaben auf dem Bauernhof, füttern und versorgen die Tiere und sammeln so ganz praktische Erfahrungen. Im Frühjahr beginnen Drittklässler zudem mit dem Gemüseanbau im Schulgarten und begleiten das Projekt bis in den Herbst. Was sie dort erleben, wird anschließend im Unterricht aufgegriffen.
Nach Pieris Erfahrung ist die Klimakrise für Grundschulkinder oft noch zu abstrakt. Unmittelbar spürbar seien dagegen Durst, Müdigkeit, Hunger und große Hitze. Auf versiegelten Flächen des Schulhofs sei das Spielen an manchen Tagen kaum möglich, auch die Konzentration leide. Deshalb soll der Schulhof naturnäher umgestaltet werden. In die Planung wurden Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Betreuungspersonal einbezogen. Ziel ist mehr Mitsprache – und zugleich besserer Schutz vor Hitze.
Wer wenig hat, ist oft stärker betroffen
Besonders stark trifft die Klimakrise Kinder aus finanziell schwächeren Familien. Dohm verweist darauf, dass soziale Benachteiligung hier eine große Rolle spielt. Wer weniger Geld hat, lebt häufiger in heißen Wohnungen oder dicht bebauten Vierteln mit wenig Grün. Auch Schulen unterscheiden sich stark darin, wie viel sie in Schatten, Begrünung oder Hitzeschutz investieren können.
Ein Positionspapier zum Kindeswohl in der Klimakrise, an dem Holzinger mitgewirkt hat, fordert deshalb unter anderem klimaangepasste Kitas und Schulen, sichere Schulwege und mehr Grünflächen. Besonders belastete Stadtteile müssten gezielt unterstützt werden.
Investitionen in Kinder gelten als Zukunftsaufgabe
Aus Sicht des Kinderarztes braucht es mehr Investitionen in Bildungseinrichtungen und Wohnumfelder, damit Kinder in einer klimafreundlichen und gesunden Umgebung aufwachsen können. Dazu gehörten gute Lernorte, mehr Schutz vor Hitze und bessere Entwicklungschancen. Denn gesunde und kreative junge Menschen seien eine zentrale Grundlage für die Zukunft des Landes.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber