Frauen bewerten eigene Fehler in stark männerdominierten Teams offenbar negativer als Männer. Zudem sehen sie Patzer dort seltener als Möglichkeit, daraus etwas zu lernen. Zu diesem Ergebnis kommt eine in Frontiers in Organizational Psychology veröffentlichte Studie aus Großbritannien. Grundlage waren Angaben von 1.485 Beschäftigten aus dem britischen Finanzsektor.
Laut Hauptautorin Grace Lordan von der London School of Economics haben Fehler zwar auf dem Papier für alle dieselben Folgen, in der Praxis spiele jedoch die Teamkultur eine entscheidende Rolle. In Arbeitsgruppen, die zu mindestens drei Vierteln aus Männern bestehen, berichteten Frauen, dass es ihnen schwerer falle, Fehler offen zuzugeben. Sie seien außerdem weniger überzeugt, dass ein Fehler als Lernchance verstanden werde. In Teams mit Frauenmehrheit zeige sich dieser Unterschied nicht.
Die Autorinnen Grace Lordan und Paris Will betonen jedoch auch Grenzen der Untersuchung: Mehr als 80 Prozent der Teilnehmenden waren Frauen, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränkt. Außerdem beruhen die Daten auf Selbsteinschätzungen zu einem fiktiven, moderaten Fehler im Berufsalltag – etwa einer kleinen verpassten Frist oder einem Missgeschick, das für Kolleginnen und Kollegen Mehraufwand bedeutete.
Frauen werden oft strenger beurteilt
Untersucht wurde bewusst der britische Finanzsektor, der als stark männergeprägte Branche gilt. Frühere Studien hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass Männer und Frauen bei Fehlern unterschiedlich wahrgenommen werden. Demnach werden Frauen in typischerweise männlich geprägten Positionen bei Fehltritten oft strenger beurteilt, als weniger kompetent angesehen und im Status niedriger eingestuft als vergleichbare männliche Kollegen. Gerade in der Finanzbranche herrschten hoher Leistungsdruck und geringe Fehlertoleranz, weshalb die Ergebnisse vor allem für ähnliche Arbeitsumfelder relevant sein dürften.

Die Forscherinnen gingen dabei drei Fragen nach: Unterscheiden sich Männer und Frauen darin, wie sie berufliche Fehler empfinden? Fühlen sich Frauen mit eigenen Fehlern unwohler, weil sie strengere Reaktionen erwarten? Und hängt das damit zusammen, wie männlich geprägt ihr berufliches Umfeld ist?
Die Auswertung zeigt unter anderem: In Teams mit einem Männeranteil von mindestens 75 Prozent fühlten sich Frauen beim Umgang mit eigenen Fehlern unsicherer als Männer. Ihnen fiel es deutlich schwerer, einen Fehler im Unternehmen offen anzusprechen. Auf einer Skala von eins bis sieben lag ihr Sicherheitsgefühl beim Zugeben von Fehlern im Schnitt bei 5,46 Punkten, bei Männern im gleichen Umfeld bei 5,94. In Teams mit geringerem Männeranteil erreichten Frauen 5,58 Punkte.
Auch bei der Frage, ob Fehler als Lernchance gesehen werden, schnitten Frauen in stark männerdominierten Teams schlechter ab. Dort lag ihr Mittelwert bei 4,20, während Männer auf 4,54 kamen. In weniger männlich geprägten Teams bewerteten Frauen das Lernpotenzial von Fehlern ähnlich positiv wie Männer, teils sogar etwas positiver.
Eine offene Fehlerkultur nützt dem ganzen Unternehmen
Bei den erwarteten formalen Folgen eines Fehlers – etwa einem Eintrag in die Personalakte – fanden die Forscherinnen keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Die Differenz liege also weniger in offiziellen Sanktionen als vielmehr in der informellen, psychologischen Wahrnehmung. Nach Einschätzung des Forschungsteams können extrem männerdominierte Hochdruck-Teams ein Klima von Angst, Perfektionismus und einer faktischen Null-Fehler-Mentalität begünstigen.
Für Lordan hat das Folgen für die gesamte Organisation. Lernen aus Fehlern sei eine wichtige Voraussetzung für Innovation. Wenn Frauen sich weniger frei fühlten, Irrtümer einzugestehen, verliere ein Unternehmen nicht nur ihr Vertrauen, sondern auch wertvolle Erkenntnisse. Aus ihrer Sicht können Führungskräfte gegensteuern, indem sie gezielt ein offenes Arbeitsumfeld fördern und klar vermitteln, dass Fehler nicht automatisch Makel sind, sondern Anlass zum Lernen. Eine solche Kultur komme letztlich allen Beschäftigten zugute und stärke Unternehmen langfristig.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber