Politik

Darum schickt Deutschland Tornados zur Nato-Atomübung

Atomkrieg proben? Die Nato zeigt Stärke – und startet erneut ein heikles Manöver, das vor allem Moskau abschrecken soll.

12.10.2026, 03:35 Uhr

Deutsche Luftwaffe nimmt mit Tornados an Nato-Atommanöver teil

Die Luftwaffe beteiligt sich in diesen Tagen mit mehreren Kampfflugzeugen an der Nato-Übung „Steadfast Noon“ zur nuklearen Verteidigung des Bündnisgebiets. Nach Angaben eines Luftwaffensprechers wurden dafür drei Tornados des Taktischen Luftwaffengeschwaders 33 auf die Aviano Air Base in Norditalien verlegt. Zudem sind den Angaben zufolge mehrere Dutzend deutsche Soldaten an dem Manöver beteiligt.

Die Maschinen sind normalerweise im rheinland-pfälzischen Büchel stationiert. Dort lagern nach offiziell nicht bestätigten Angaben US-Atomwaffen. Im Rahmen der nuklearen Teilhabe der Nato könnten diese im Ernstfall auch von deutschen Jagdbombern eingesetzt werden. Als weitere mögliche Lagerorte für US-Atomwaffen in Europa gelten unter anderem Stützpunkte in Italien, Belgien und den Niederlanden.

Kaum Informationen zu Ablauf und Szenario

Zur am Dienstag beginnenden Übung machte die Nato bis zuletzt keine konkreten Angaben. Aus der Bündniszentrale hieß es lediglich, der Umfang bewege sich in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Damals sprach die Nato von rund 2.000 beteiligten Militärangehörigen und mehr als 70 Flugzeugen, darunter auch F-35-Kampfjets sowie Überwachungs- und Tankflugzeuge.

Auch das genaue Szenario bleibt geheim. Militärexperten gehen davon aus, dass bei dem regelmäßig im Oktober stattfindenden Manöver unter anderem geübt wird, wie Waffen sicher aus unterirdischen Magazinen zu den Flugzeugen gebracht und unter den Jets montiert werden. Bei den anschließenden Einsätzen werden jedoch ausschließlich Übungsbomben ohne nuklearen Sprengkopf verwendet.

Nato spricht von Signal der Einsatzbereitschaft

Nato-Nuklearpolitikchefin Nassima Barrows erklärte Ende vergangener Woche, „Steadfast Noon“ solle zeigen, dass das Bündnis im Ernstfall bereit sei, sein Gebiet zu verteidigen, und über die nötigen Fähigkeiten verfüge. Echte Atomwaffen würden dabei selbstverständlich nicht eingesetzt.

Oberst David Bull, der innerhalb der Nato für Nuklearoperationen zuständig ist, betonte, im Mittelpunkt stehe das Zusammenspiel aller Beteiligten. Ziel sei es, eine sichere, glaubwürdige und verlässliche nukleare Abschreckung aufrechtzuerhalten.

Nach Darstellung der Nato steht die Übung nicht im Zusammenhang mit aktuellen weltpolitischen Entwicklungen und richtet sich gegen keinen bestimmten Staat. In den sicherheitspolitischen Analysen des Bündnisses spielt Russland jedoch seit Jahren eine zentrale Rolle. Erst Ende des vergangenen Monats wurde Moskau erneut nukleares Säbelrasseln vorgeworfen. Russland hatte zuvor im Zusammenhang mit Nato-Manövern und einer aus seiner Sicht drohenden Isolierung Kaliningrads mit dem möglichen Einsatz seines gesamten militärischen Arsenals einschließlich Atomwaffen gedroht.

Zunächst keine Reaktion aus Russland

Von russischer Seite gab es zunächst keine offizielle Reaktion auf die Ankündigung des Manövers. Im vergangenen Jahr hatte Moskau parallel zur damaligen Nato-Atomübung ein eigenes großangelegtes Training seiner strategischen Nuklearstreitkräfte begonnen. Präsident Wladimir Putin sprach damals von einer planmäßigen Militärübung.

Kritik an „Steadfast Noon“ kam am Montag von den Linken. Özlem Alev Demirel, außen- und friedenspolitische Sprecherin der Partei im Europaparlament, nannte das Manöver in der aktuellen Weltlage brandgefährlich. Aus der Zeit des Kalten Krieges sei bekannt, dass Fehleinschätzungen bei Militärübungen die Welt mehrfach an den Rand eines nuklearen Abgrunds gebracht hätten. Notwendig sei eine Abkehr von Atomwaffen statt einer weiteren Verschärfung der nuklearen Eskalation.

Nato treibt Ausbau der Abschreckung voran

Unabhängig von der jährlichen Übung arbeitet die Nato wegen der Bedrohung durch Russland seit längerem an Plänen für einen Ausbau der nuklearen Abschreckung in Europa. Nach Recherchen der Deutschen Presse-Agentur ist dabei auch die Stationierung zusätzlicher US-Atomwaffen eine Option.

Fachleute der Expertengruppe „The Bulletin“ halten es zudem für möglich, dass die USA bereits Bomben vom Typ B61-12 auf den britischen Stützpunkt Lakenheath verlegt haben. Sollte sich die Sicherheitslage weiter zuspitzen, könnten nach Einschätzung von Beobachtern auch Polen, Finnland und Litauen als zusätzliche Stationierungsorte in den Blick rücken.

Im Zentrum der Überlegungen stehen vor allem sogenannte nichtstrategische Atomwaffen. Diese sind etwa für Einsätze gegen Truppen, Flugplätze, Häfen, Kommandozentralen und andere militärische Infrastruktur vorgesehen. Im Unterschied zu strategischen Atomwaffen besitzen sie meist geringere Sprengkraft und werden häufig mit Kampfflugzeugen, kürzer reichenden Raketen oder Marschflugkörpern transportiert.

Nach der weitreichenden Abrüstung seit dem Ende des Kalten Krieges lagern Schätzungen zufolge derzeit nur noch rund 100 US-Bomben des Typs B61-12 auf sechs Luftwaffenstützpunkten in Deutschland, Belgien, Italien, den Niederlanden und der Türkei.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte hatte bereits im Juli gegenüber der Deutschen Presse-Agentur nicht ausgeschlossen, dass künftig zusätzliche US-Atomwaffen in Europa stationiert werden könnten. Zu laufenden Beratungen äußerte er sich aus Geheimhaltungsgründen nicht näher. Das Bündnis prüfe fortlaufend, welche Fähigkeiten benötigt würden und wie der nukleare Abschreckungsmix künftig aussehen müsse. „Wo immer wir Anpassungen vornehmen müssen, werden wir dies tun.“

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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