Das UN-Umweltprogramm Unep geht inzwischen davon aus, dass die Erderwärmung die Marke von 1,5 Grad in der Klimakrise nicht mehr vermeiden kann. Umso wichtiger sei es nun, die globale Temperatur danach möglichst rasch wieder unter diesen Wert zu drücken. Im Bericht „Limiting Overshoot“ warnen Fachleute, dass Risiken und Schäden mit jedem zusätzlichen Bruchteil eines Grades und mit jedem weiteren Jahr zunehmen. UN-Generalsekretär António Guterres verwies auf extreme Hitze, verheerende Waldbrände und tödliche Überschwemmungen in diesem Sommer als Warnsignal für das, was noch bevorsteht.
Pfad mit Überschreiten, Höhepunkt und Rückgang
Nach Einschätzung des Berichts ist ein Kurs aus zeitweiligem Überschreiten, einem Temperaturhöhepunkt und anschließendem Rückgang derzeit die beste verbleibende Option. Entscheidend sei, die Überschreitung sowohl in ihrer Höhe als auch in ihrer Dauer so klein wie möglich zu halten. Unep-Exekutivdirektorin Inger Andersen betonte bei der Vorstellung des Berichts in Nairobi, jetzt sei der Moment, die Klimaschutzbemühungen deutlich zu verstärken – nicht, sie zurückzufahren.
Aktuell steuert die Welt auf etwa 2,6 Grad zu
Dem Bericht zufolge bewegt sich die Welt derzeit auf einen Temperaturanstieg von rund 2,6 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu. Vieles spreche dafür, dass die 1,5-Grad-Grenze bereits in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten werden könnte. Im günstigsten Fall, also bei sehr schnellem und umfassendem Handeln, ließe sich der Höchstwert laut Mitautorin Debra Roberts auf etwa 1,8 Grad begrenzen.
Zu den zentralen Maßnahmen zählen laut Guterres ein beschleunigter Ausstieg aus fossilen Brennstoffen, der massive Ausbau erneuerbarer Energien, eine drastische Senkung der Methanemissionen sowie ein besserer Schutz von Böden, Wäldern und Ozeanen. Außerdem sehen die Autoren eine wichtige Rolle in der gezielt gesteuerten Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre und dessen Speicherung, etwa durch Aufforstung oder andere Verfahren.
Greenpeace-Klimaexperte Jannes Stoppel erklärte dazu, klimapolitische Versäumnisse hätten dazu geführt, dass die 1,5-Grad-Grenze bereits gerissen worden sei. Umso wichtiger sei es nun, natürliche CO2-Senken wie Wälder und Moore zu stärken, statt auf riskante technische Lösungen zu setzen. Da die Ozeane wegen der Erwärmung schon heute deutlich weniger Kohlendioxid aufnehmen könnten, seien Wälder und Böden besonders wichtig. Der wirksamste Weg sei aus seiner Sicht eine groß angelegte, ökologisch durchdachte Wiederbegrünung und der Schutz natürlicher Ökosysteme. Zugleich müssten die Emissionen in allen Bereichen rasch sinken.
Nicht alle Folgen werden rückgängig zu machen sein
Andersen warnte, ein dauerhaftes Verharren oberhalb von 1,5 Grad werde keine guten Folgen haben. Manche Schäden könnten abrupt eintreten, andere sich schrittweise verschärfen. Laut Bericht wird sich nicht jede Auswirkung rückgängig machen lassen. Deshalb müssten Regierungen tiefgreifende Anpassungsmaßnahmen auf den Weg bringen. Mitautorin Shobha Maharaj von der Universität von Fidschi betonte, Anpassung dürfe nicht hinter Emissionsminderung zurückstehen – beides müsse sofort umgesetzt werden, besonders in den am stärksten gefährdeten Regionen.
Mehr Extremwetter, bedrohte Küsten und geschädigte Ökosysteme
Unep rechnet bei weiter steigenden Temperaturen mit heftigeren Extremwetterereignissen, dem Verlust wertvoller Ökosysteme sowie Überschwemmungen in kleinen Inselentwicklungsstaaten und tiefliegenden Küstenstädten. Zudem drohten schwere Folgen für die Gesundheit der Menschen, die Ernährungssicherheit, die Wasserversorgung, die Natur, Städte, Infrastruktur und die Wirtschaft.
Warnung vor Reaktionen von Krise zu Krise
Maharaj sagte, die Folgen unzureichender Klimapolitik seien bereits heute sichtbar: mehr Katastrophen, mehr Todesopfer sowie der Verlust von Lebensgrundlagen, Häusern und Sicherheit. Es bestehe die Gefahr, dass die Menschheit nur noch von einer Krise zur nächsten reagiere, statt entschlossen und vorausschauend zu handeln. Da der Aufbau wirksamer Anpassung Jahrzehnte brauche, müssten Pläne sofort entwickelt und umgesetzt werden – noch bevor weitere Schäden eintreten. Reaktive Notausgaben entzögen Klimaschutz und Anpassung wichtige Mittel, verschärften das Überschreiten der Temperaturgrenze und erhöhten das Risiko neuer Krisen.
Zum Abschluss stellen die Autoren die zentrale Frage, ob die Welt endlich handelt oder die absehbare Gefahr durch weiteres Zögern noch vergrößert. Mitautor Carl Schleußner von der Humboldt-Universität zu Berlin betonte, die Extremereignisse dieses Sommers zeigten schon bei noch nicht einmal 1,5 Grad Erwärmung, wie viel auf dem Spiel stehe. Andersen erklärte, der richtige Weg sei möglich – und notwendig. Mitautor Andy Reisinger von der Australian National University machte deutlich: Was zu tun ist, sei bekannt. Diese Chance dürfe nicht noch einmal vertan werden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber