Seit 75 Jahren ist Lindau am Bodensee ein internationaler Treffpunkt der Spitzenforschung. Nach Angaben der Tourismusgesellschaft der Stadt kommen dort regelmäßig so viele Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger gleichzeitig zusammen wie sonst kaum irgendwo auf der Welt – mit Ausnahme von Stockholm.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird am Sonntag, 28. Juni, die Jubiläumsausgabe der Lindauer Nobelpreisträgertagung eröffnen. Das Leitmotiv der Veranstaltung lautet auch in diesem Jahr: „bilden, inspirieren, vernetzen“.
Jubiläum mit fächerübergreifendem Programm
Zur 75. Auflage erwarten die Veranstalter rund 70 Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger sowie mehrere Hundert Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt. Normalerweise wechseln die Tagungen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Zum Jubiläum, das bis zum 3. Juli dauert, werden diesmal mehrere Nobelpreis-Fachrichtungen zusammengeführt. Die Konferenz ist daher interdisziplinär angelegt.
Zeitgleich treffen sich am Montag auch die Wissenschaftsministerinnen und -minister der Länder in Lindau. Ihre Konferenz soll auf einem Schiff im Hafen stattfinden. Auf der Tagesordnung steht unter anderem das geplante Innovationsfreiheitsgesetz, mit dem Bürokratie in der Forschungsförderung reduziert werden soll, um Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Verwaltungsaufgaben zu entlasten.
Entstanden in der Nachkriegszeit
Die Wurzeln der Nobelpreisträgertagungen reichen in die frühen Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zurück. Die Lindauer Ärzte Franz Karl Hein und Gustav Wilhelm Parade entwickelten Ende der 1940er Jahre das Konzept, um die deutsche Wissenschaft nach der NS-Zeit wieder stärker in die internationale Gemeinschaft einzubinden.

Wichtige Unterstützung kam dabei von Graf Lennart Bernadotte, dem damaligen Besitzer der Insel Mainau. Dank seiner engen Verbindung zum schwedischen Königshaus und damit auch zu den Nobel-Institutionen in Stockholm gelang es ihm, namhafte Forscher an den Bodensee zu holen. 1951 fand schließlich das erste Treffen statt.
Bereits 1952 war der deutsche Chemiker Otto Hahn dabei, der für die Entdeckung der Kernspaltung schwerer Atomkerne mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Bis zu seinem Tod im Jahr 1968 nahm er an keiner Lindauer Tagung mehr nicht teil. 1954 wurde mit Albert Schweitzer erstmals auch ein Friedensnobelpreisträger bei der Konferenz begrüßt.
In den folgenden Jahrzehnten kamen zahlreiche weitere prominente Geehrte nach Lindau, darunter der dänische Physiker Niels Bohr und der Friedensnobelpreisträger Willy Brandt. Von Beginn an stand der Austausch zwischen erfahrenen Nobelpreisträgern und jungen Forschenden im Mittelpunkt.
Mehr als 600 junge Forschende erwartet
Für die diesjährige Ausgabe rechnen die Organisatoren mit mehr als 600 Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern aus aller Welt. Insgesamt hätten bislang rund 35.000 Studierende, Doktoranden und junge Akademiker an den Treffen teilgenommen, teilt der veranstaltende Verein mit.
Bildungsauftrag über die Tagung hinaus
Der Verein sieht seine zentrale Aufgabe in einem Begriff gebündelt: Bildung.
Nach Angaben der Organisatoren endet dieser Anspruch nicht mit dem letzten Konferenztag. Das ganze Jahr über wolle man die Bedeutung von Wissenschaft sichtbar machen und für Forschung werben. Ein Beispiel dafür ist eine Online-Mediathek mit Unterrichtsmaterialien für Schulen. Dort stehen unter anderem deutsch- und englischsprachige Arbeitsblätter zu Themen wie Armut oder Klimawandel zur Verfügung.
Auch im Stadtbild von Lindau ist die Verbindung von Bildung und Nobelpreis inzwischen dauerhaft präsent. An mehreren Orten in der historischen Altstadt informieren Säulen über wissenschaftliche Themen. So wird etwa am südlichsten Leuchtturm Deutschlands im Lindauer Hafen auf einer Stele Wissen über Licht und Farben vermittelt.
Über den Lindauer Wissenschaftspfad können Besucher mehr über Nobelpreisträger und ihre Beiträge zur Forschung erfahren. Dabei wird auch erklärt, welche Bedeutung ihre Entdeckungen für den Alltag haben.
Unweit des Kongresszentrums befindet sich zudem seit einigen Jahren ein Nobelpreisträger-Steg am sogenannten Kleinen See. Dort sind die Namen aller bisherigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagungen auf den Geländerstreben festgehalten. Zum 75. Jubiläum wurde die Anlage um eine Brücke mit Ponton erweitert, sodass Wassertaxis nun in unmittelbarer Nähe zur Tagungsstätte anlegen können.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber