Im Nachgang der vergangenen Vergabe des Friedensnobelpreises sorgte vor allem eine Szene für weltweites Aufsehen: Im Januar überließ die venezolanische Oppositionspolitikerin und Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado ihre Medaille symbolisch US-Präsident Donald Trump. Für Trump passte die Geste ins eigene Selbstbild, schließlich hatte er mehrfach deutlich gemacht, den Preis selbst für verdient zu halten. Das Nobelkomitee hatte sich 2025 jedoch für Machado entschieden.
Wenige Tage vor dem Start der diesjährigen Nobelpreis-Saison ab dem 5. Oktober wird deshalb erneut diskutiert, welche Lehren die Verantwortlichen aus diesem Echo gezogen haben und ob sich das auf die kommenden Entscheidungen auswirken könnte.
Trump ging leer aus – bekam aber Aufmerksamkeit
Der Direktor des Osloer Friedensforschungsinstituts Prio, Haakon Gjerløw, rechnet damit, dass das Komitee diesmal stärker mögliche Nebenwirkungen seiner Entscheidung bedenkt. Das norwegische Nobelinstitut hatte zwar betont, dass ein Nobelpreis nicht einfach weitergereicht werden kann. Für Trump bedeutet das: Auf eine eigene Auszeichnung muss er weiter warten. Dennoch verlieh Machados symbolische Geste der Sache einen eigentümlichen Unterton, weil ein Preis für demokratischen Widerstand in Venezuela plötzlich zur Bühne für den US-Präsidenten wurde.
Gjerløw hält es deshalb für wahrscheinlich, dass das Komitee in diesem Jahr auf eine weniger polarisierende Persönlichkeit oder Institution setzt. Aus seiner Sicht könnte das für Akteure aus dem humanitären Bereich sprechen. Bereits vor der Preisvergabe 2025 galten etwa die sogenannten Emergency Response Rooms im Sudan als beachtenswerte Kandidaten. Diese lokalen Netzwerke organisieren seit Beginn des Krieges Hilfe wie Nahrung, medizinische Versorgung und Notunterkünfte.

Wie so oft bleibt dennoch vieles Spekulation. Das gilt für alle Nobelpreise, ganz besonders aber für die Literatur. Literaturkritiker Denis Scheck spricht mit Blick auf mögliche Preisträger von „reiner Kaffeesatzleserei“ – bei Hunderten Autoren, die theoretisch infrage kommen, sei eine seriöse Vorhersage kaum möglich.
Die Schwedische Akademie, die über den Literaturnobelpreis entscheidet, hält sich traditionell bedeckt und gibt keinerlei Hinweise auf ihre Überlegungen. Zwar lässt sich zuletzt ein Wechsel zwischen männlichen und weiblichen Preisträgern beobachten, im vergangenen Jahr wurde jedoch der Ungar László Krasznahorkai geehrt.
Wer hat Chancen auf den Literaturnobelpreis?
Nach Ansicht von Scheck hätten in diesem Jahr mehrere Autorinnen besondere Aufmerksamkeit verdient: die Kanadierin Margaret Atwood, die US-Schriftstellerin Siri Hustvedt und die chinesische Autorin Can Xue. Alle drei verfügten über ein herausragendes literarisches Werk. Can Xue war bereits 2025 als aussichtsreiche Kandidatin gehandelt worden. Scheck hebt besonders ihre ungewöhnlichen Erzählungen und Romane hervor, in denen Tiere eine wichtige Rolle spielen.
Falls die Auszeichnung an einen Mann gehen sollte, wäre für Scheck Salman Rushdie eine überfällige Wahl. In einer Zeit, die von politischem und religiösem Totalitarismus geprägt sei, stehe Rushdies Werk beispielhaft für den literarischen Widerstand gegen beides.
Ein Blick auf die Nobelpreis-Geschichte zeigt jedoch weiterhin ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Von fast 1.000 Nobelpreisträgern waren bislang nur 67 Frauen. Diese Bilanz kurzfristig zu verändern, ist schon deshalb schwierig, weil jedes Jahr nur wenige Auszeichnungen vergeben werden.
Nobelpreise bleiben stark männlich geprägt
Dass Frauen bislang deutlich seltener geehrt wurden, ist den Nobel-Institutionen bewusst. Gerade in den Naturwissenschaften verläuft die Entwicklung aber nur langsam. In Physik und Chemie wurden seit Beginn der Nobelpreise vor 125 Jahren jeweils weniger als zehn Frauen ausgezeichnet. Den Wirtschaftsnobelpreis erhielten bislang sogar nur drei Frauen. In der Medizin liegt die Zahl mit 14 Preisträgerinnen immerhin etwas höher.
Der frühere Ständige Sekretär der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Göran K. Hansson, hatte bereits 2017 auf mehrere Ursachen verwiesen. Neben der historischen Benachteiligung von Frauen in wissenschaftlichen Laufbahnen spiele auch eine Rolle, dass viele Preise für Entdeckungen vergeben werden, die Jahrzehnte zurückliegen. Hinzu komme, dass lange Zeit überwiegend Männer Vorschläge für Kandidaten einreichten.
Zumindest an der Spitze der Nobel-Institutionen gibt es inzwischen einen sichtbaren Wandel. Seit Januar steht mit Ellen Moons erstmals eine Frau an der Spitze der Königlich-Schwedischen Akademie der Wissenschaften. Die in Belgien geborene Wissenschaftlerin leitet damit erstmals seit Gründung der Akademie im Jahr 1739 die Einrichtung, die die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaft bekanntgibt. Erstmals werden damit die Preisträger in diesen drei naturwissenschaftlichen Kategorien von einer Frau verkündet.
Moons sprach im schwedischen Rundfunk von einer natürlichen Entwicklung. Nicht nur die Auszeichnungen selbst, auch die Institutionen hinter dem Nobelpreis würden weiblicher. Ihrer neuen Aufgabe blickt sie mit Vorfreude entgegen. Anfang Oktober richtet sich der Blick der Welt deshalb erneut gespannt nach Stockholm und Oslo.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber