Rosella Mercuri rollt den Pastateig mit geübten Bewegungen immer weiter aus, bis er fast durchsichtig ist. Die 68-jährige Römerin macht, wie sie sagt, seit jeher alles selbst. In ihrem Kochkurs „Nudeln machen mit Oma“ zeigt sie Besucherinnen und Besuchern in Rom, wie frische Pasta auf traditionelle Weise entsteht. Viele kommen gezielt, um von „Nonna Rosi“ zu lernen.
Gleichzeitig erlebt das Bild der italienischen Großmutter in sozialen Netzwerken einen Aufschwung. Auf Plattformen wie Instagram und TikTok trendet der Begriff „Nonna Maxxing“ oder „Nonnamaxxing“ – sinngemäß eine Art „Oma-Maximierung“. Gemeint ist ein Lebensstil, der sich daran orientiert, was viele mit einer italienischen Nonna verbinden: selbst kochen, sparsam sein, Fürsorge zeigen, langsamer leben und den Alltag stärker gemeinschaftlich gestalten.
Vor allem junge Frauen greifen den Trend auf. Statt gängigen Sommer- und Selbstdarstellungs-Trends zu folgen, schwärmen manche online lieber von einem Sommer im Stil einer zufriedenen italienischen Oma. Eine Nutzerin schrieb sinngemäß: Vergesst den „Hot Girl Summer“ – sie wolle lieber einen glücklichen italienischen Nonna-Sommer.
Gegenbild zu Selbstoptimierung
Friederike Herrmann, Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, sieht darin einen bewussten Kontrast zur allgegenwärtigen Selbstoptimierung und Sichtbarkeit auf Social Media. Der Trend könne als Wunsch nach einem einfacheren, weniger entfremdeten Leben gelesen werden – als Gegenmodell zu Leistungsdruck, Kapitalismus und dem Zwang, ständig präsent zu sein.
Hinter der Romantik steckt viel harte Arbeit
So verführerisch das Bild vom entspannten Dolce Vita auch wirkt: Mit der Realität vieler Frauen dieser Generation hat es oft wenig zu tun. Auch Mercuris Leben war nie müßig. Schon als junge Frau arbeitete sie bei der Ernte, pflückte Trauben, Pfirsiche und Oliven. Später war sie in einem Obstladen beschäftigt, danach in einer Pilzhandlung. Sie hangelte sich von Job zu Job, oft mit Arbeitstagen von deutlich mehr als zwölf Stunden.
Mercuri sagt selbst, sie habe unzählige Arbeiten gemacht und sehr viel gearbeitet. Ein ruhiges, sorgenfreies Leben war das nicht.
Gelassenheit durch Erfahrung
Trotzdem habe sie diese Belastung nicht ermüdet, erzählt Mercuri. Sie halte sich gern beschäftigt und sei gerne unter Menschen. Deshalb steht sie auch heute noch in der Küche – zu Hause ebenso wie im Bistrot vor Gästen.
An einem Punkt des Nonna-Mythos sei durchaus etwas Wahres dran: Mit dem Alter komme oft mehr Ruhe. Die Erfahrung helfe. Früher habe sie sich viele Sorgen gemacht, vieles in sich hineingefressen und sich weniger getraut. Heute spreche sie offen aus, was sie denke. Gerade darin sieht sie eine Stärke des Älterwerdens.
Mehr echte Begegnung, weniger Handy
Dass junge Leute sich für den Lebensstil älterer Frauen interessieren, findet Mercuri grundsätzlich gut. Sie wünscht sich allerdings, dass dazu auch gehört, öfter das Telefon beiseitezulegen. Ihrer Meinung nach wird heute zu viel gechattet und zu wenig wirklich gesprochen. Sie wolle Menschen sehen und ihre Stimmen hören.
Aus ihrem Dorf erinnert sie sich an ein Leben, das enger und familiärer war. Man musste nur vor die Tür treten, und schon waren Freundinnen da. In der Stadt sei das schwieriger, sagt sie. Dennoch sucht sie aktiv Kontakt. In ihrem Wohnhaus kenne sie jeder.
Nichts verschwenden, alles nutzen
Jungen Menschen rät Mercuri, sich von älteren Generationen ruhig etwas abzuschauen. Im Leben wisse man schließlich nie, ob Arbeit da sei oder Geld hereinkomme. Deshalb habe sie früh gelernt, in allem noch etwas Nützliches zu sehen.
Weggeworfen wird bei ihr fast nichts: Aus überschüssigem Obst kocht sie Marmelade, weniger frische Auberginen werden paniert und gebraten, übrig gebliebene Karotten landen in der Brühe. Diese Haltung sei nicht aus Modebewusstsein entstanden, sondern aus Notwendigkeit. Wer vieles selbst könne, komme auch mit wenig aus und bleibe unabhängiger.
Nostalgie mit problematischen Seiten
Genau hier sieht Professorin Herrmann aber auch die Schattenseite des Trends. Aus feministischer Sicht werde häufig ausgeblendet, dass Kochen, Hausarbeit und Fürsorge für viele Frauen nie romantische Hobbys gewesen seien, sondern harte und oft unbezahlte Arbeit. Auch wirtschaftliche Abhängigkeit und mangelnde Rechte kämen im verklärten Nonna-Bild kaum vor.
Sie kritisiert, dass gerade junge Frauen diesen Trend besonders stark aufgreifen und damit an traditionelle Vorstellungen von Weiblichkeit anknüpfen, ohne deren problematische Seiten ausreichend zu hinterfragen.
Für Rosella Mercuri kein Trend, sondern Leben
Mercuri selbst sieht ihre Lebensweise vor allem als Ausdruck von Selbstständigkeit. Sie habe gelernt, alles selbst zu können, gerade um unabhängig zu bleiben. Was andere heute als Trend feiern, ist für sie schlicht Alltag – und das seit Jahrzehnten.
Unterm Strich sagt sie über ihr Leben: Viel ändern würde sie nicht.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber