Die Kurzsichtigkeit hat weltweit in den vergangenen Jahrzehnten stark zugenommen. In Deutschland scheint sich dieser Trend jedoch abgeschwächt zu haben. Einer Studie im Fachjournal Frontiers in Public Health zufolge ist bei Kindern und Jugendlichen mit Brille in den vergangenen 25 Jahren kein weiterer Anstieg der Myopie zu erkennen. Nach Ansicht der Forschenden könnten Umwelt- und Lebensstilfaktoren in Deutschland die internationale Entwicklung spürbar abmildern.
Auch insgesamt gibt es den Daten zufolge keine Hinweise darauf, dass Menschen in Deutschland immer schneller kurzsichtig werden. Sowohl die durchschnittlichen Werte als auch die Wahrscheinlichkeit, wegen Kurzsichtigkeit eine Brille zu bekommen, blieben weitgehend konstant. Bei jüngeren Jahrgängen zeigte sich sogar ein leichter Trend in Richtung Weitsichtigkeit.
Deutlicher Anstieg vor allem in Ostasien
Kurzsichtigkeit führt dazu, dass weit entfernte Gegenstände unscharf erscheinen. Besonders stark war die Zunahme in Ostasien. Dort stieg der Anteil kurzsichtiger junger Erwachsener laut Studie von 20 bis 40 Prozent vor dem Zweiten Weltkrieg auf heute 60 bis 90 Prozent. In Europa verlief diese Entwicklung deutlich langsamer. Langfristige Prognosen gehen davon aus, dass sich der Anteil Kurzsichtiger hier bei rund 40 Prozent einpendeln könnte.
Für die Untersuchung wertete das Team um Wolf Lagrèze von der Uniklinik Freiburg rund 1,25 Millionen Brillenverordnungen für etwa 437.700 Kinder und Jugendliche im Alter von 3 bis 18 Jahren aus den Jahren 2001 bis 2025 aus. Als kurzsichtig galt dabei bereits ein Wert von minus 0,50 Dioptrien oder mehr. Das Ergebnis: Entgegen der verbreiteten Annahme einer sich beschleunigenden Myopie-Welle fanden die Forschenden in diesem Zeitraum keinen Anstieg myopiebedingter Brillenverordnungen.

Zwar werden Brillen heute im Durchschnitt früher erstmals verschrieben. Das könnte nach Einschätzung des Teams jedoch eher auf eine größere Aufmerksamkeit und frühere Versorgung schon bei geringen Sehfehlern zurückgehen. Die Ergebnisse stützen damit auch eine jüngere europäische Metaanalyse, nach der die Myopiehäufigkeit in Europa seit dem Jahr 2000 weitgehend stagniert.
Mehr Zeit im Freien als möglicher Schutzfaktor
Die Forschenden weisen allerdings auf Einschränkungen hin: Erfasst wurden nur Kinder und Jugendliche, die bereits eine Brillenverordnung erhalten hatten. Kinder ohne Sehkorrektur tauchen in der Analyse nicht auf. Zudem basieren die Daten auf tatsächlichen Verordnungen aus Optikbetrieben und nicht auf standardisierten augenärztlichen Reihenuntersuchungen.
Als Gründe für die extreme Entwicklung in Ostasien nennen die Autorinnen und Autoren unter anderem den hohen schulischen Leistungsdruck schon in frühem Alter sowie einen ausgeprägten Mangel an Zeit im Freien. Im deutschen Alltag und Bildungssystem seien diese Faktoren offenbar weniger stark ausgeprägt oder würden besser ausgeglichen.
Auch einen zusätzlichen Schub der Kurzsichtigkeit während der Corona-Pandemie konnten die Forschenden nicht feststellen. Damit widersprechen die Ergebnisse der Sorge, dass Lockdowns und zunehmende Digitalisierung in Deutschland zu einem ähnlichen Myopie-Anstieg geführt haben könnten, wie er in mehreren vor allem asiatischen Studien beschrieben wurde.
Bildschirmzeit bleibt ein Risikofaktor
Mediziner warnen dennoch davor, schon kleine Kinder über längere Zeit vor Smartphone- oder Tablet-Bildschirme zu setzen. Analysen zeigen, dass vor allem die Dauer entscheidend ist: Bis etwa eine Stunde Bildschirmzeit pro Tag steigt das Risiko für Kurzsichtigkeit kaum. Danach nimmt es mit jeder zusätzlichen Stunde um rund 20 Prozent zu. Ab ungefähr fünf Stunden täglich flacht dieser Anstieg wieder etwas ab.
Besonders wichtig ist dabei der geringe Abstand zum Auge. Vor allem Smartphones werden oft nur etwa 20 Zentimeter oder noch näher vor das Gesicht gehalten. Dauerhaftes Sehen in der Nähe kann dazu führen, dass sich das Auge anpasst: Der Augapfel verlängert sich, wodurch der Brennpunkt vor der Netzhaut liegt. Nahe Dinge lassen sich dann leichter scharf sehen, entfernte dagegen schlechter. Ist Kurzsichtigkeit einmal entstanden, lässt sie sich nicht rückgängig machen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber