Portugal verpasst Gruppensieg nach blassem Auftritt gegen starkes Kolumbien
Portugal hat bei der Fußball-WM den ersten Platz in Gruppe K aus der Hand gegeben. Im dritten Vorrundenspiel kam die Mannschaft um Cristiano Ronaldo gegen ein starkes Kolumbien nur mit viel Glück zu einem 0:0.
Damit sicherten sich die Südamerikaner verdient den Gruppensieg. Für Kolumbien könnte das im weiteren Turnierverlauf ein Vorteil sein: In der K.o.-Phase wartet zunächst Ghana, danach im Erfolgsfall die Schweiz oder Algerien.
Schwieriger Weg für Portugal
Für Portugal sieht das Restprogramm deutlich anspruchsvoller aus. Als nächster Gegner wartet Kroatien, danach könnte es zu einem Duell mit Spanien kommen. Damit drohen den Portugiesen nacheinander der aktuelle WM-Dritte und womöglich der amtierende Europameister.
Die Ausgangslage ist die Folge einer enttäuschenden Vorrunde. Neben diesem schwachen Auftritt blieb auch das 1:1 gegen die Demokratische Republik Kongo hinter den Erwartungen zurück. Lediglich das 5:0 gegen Schlusslicht Usbekistan sticht heraus, ist aber nur begrenzt aussagekräftig. Nach nur einem Sieg in drei Vorrundenspielen wirkt Portugal in dieser Form nicht wie ein ernsthafter Titelkandidat.
Trainer Roberto Martinez wollte die Vorstellung dennoch nicht grundsätzlich negativ bewerten. Es gebe bei einer WM keine Mannschaft, die jedes Spiel klar gewinne, sagte der Spanier. Die Partie gegen Kolumbien sei ein wertvoller Test gewesen, aus dem sein Team für die kommenden Aufgaben lernen müsse.
Ronaldo zieht mit Matthäus gleich
Für den 41-jährigen Angreifer gab es immerhin einen statistischen Meilenstein: Mit seinem 25. Einsatz bei einer Weltmeisterschaft zog Cristiano Ronaldo mit Lothar Matthäus gleich. Nur Lionel Messi hat in der WM-Geschichte noch mehr Spiele absolviert. Sportlich war es allerdings einer seiner schwächsten WM-Auftritte.
Ronaldo verließ nach dem Schlusspfiff als Erster den Platz. Nach einer Umarmung mit Kolumbiens Stürmer Luis Suárez und ein paar Gesten in Richtung der gegnerischen Fans verschwand Portugals Kapitän in der Kabine.
In Miami herrschte einmal mehr fast Heimspielatmosphäre für ein südamerikanisches Team. Rund 40.000 kolumbianische Fans sorgten für eine beeindruckende Kulisse und unterstützten ihre Mannschaft lautstark.
Kolumbien deutlich druckvoller
Von Beginn an war Kolumbien die aktivere und gefährlichere Elf. Bereits nach nicht einmal einer Minute köpfte der frühere Bundesliga-Profi Jhon Córdoba nur knapp über das Tor. Die Südamerikaner setzten Portugal in allen Bereichen des Feldes unter Druck.
Vor allem in der Offensive sorgten Luis Díaz, Córdoba und der starke Jhon Arias immer wieder für Probleme. Gleichzeitig stand Kolumbiens Defensive äußerst kompakt, sodass Portugal kaum Räume fand. Das Spiel der Europäer wirkte phasenweise ideenlos, statisch und emotional überdreht.
Die Zahlen unterstrichen die Überlegenheit Kolumbiens deutlich: 24:13 Torschüsse und 5:2 Großchancen sprachen für die Südamerikaner. In der 17. Minute musste Portugals Torwart Diogo Costa gegen Córdoba stark parieren. Wenig später rettete Rúben Neves kurz vor der eigenen Torlinie.
Portugal wurde nur kurz vor der Pause gefährlich. Bruno Fernandes scheiterte aus kurzer Distanz an Keeper Camilo Vargas, danach setzte Ronaldo einen Fallrückzieher erfolglos nach. Kurz darauf verzog auch João Félix mit einem sehenswerten Abschluss nur knapp.
Viel mehr brachte Portugals Offensive nicht zustande. Wie schon bei früheren großen Turnieren gelang es der Mannschaft erneut nicht, ihre individuell hochklassigen Spieler zu einem schlagkräftigen Gesamtbild zu formen. Spielen Ronaldo und João Félix gemeinsam vorne, fehlt es oft an Tempo und Tiefgang. Mit Rafael Leão leidet dafür mitunter die Arbeit gegen den Ball.
Auch nach der Pause kaum Besserung
Nach dem Seitenwechsel änderte sich daran wenig. Eine Aktion über Diogo Dalot, João Félix und Ronaldo sah zunächst gefährlich aus, doch der Abschluss des Superstars ging vorbei – außerdem stand er dabei im Abseits.
Defensiv blieb Portugal deutlich stärker gefordert. Richard Ríos vergab die nächste große Möglichkeit für Kolumbien. Kurz darauf musste Diogo Costa erneut eingreifen und entschärfte einen abgefälschten Schuss von Jhon Arias.
Mit zunehmender Spieldauer wurde das Remis für Portugal immer schmeichelhafter. In der 88. Minute setzte Luis Suárez einen Seitfallzieher über das Tor. In der Nachspielzeit wurde ein Kopfballtreffer von Davinson Sánchez wegen einer äußerst knappen Abseitsstellung aberkannt – entscheidend war letztlich die Fußspitze des Kolumbianers.
Dass am Ende ausgerechnet Diogo Costa als bester Spieler der Partie ausgezeichnet wurde, sagte viel über den Auftritt Portugals aus. Der Torwart hätte die Ehrung nach eigener Aussage lieber gegen einen Sieg eingetauscht. Sein Team habe sich phasenweise zu sehr von der Emotionalität des Spiels mitreißen lassen und dadurch die Kontrolle verloren.
Kolumbien darf auf mehr hoffen
Kolumbien präsentierte sich dagegen als reife, wuchtige und leidenschaftliche Mannschaft. Die Südamerikaner verbinden individuelle Qualität mit großer Intensität und der Unterstützung ihrer Fans – Zutaten, mit denen sie im weiteren Turnierverlauf noch weit kommen könnten.
Portugal dagegen darf froh sein, überhaupt einen Punkt mitgenommen zu haben – auch wenn dieser nicht zum Gruppensieg reichte. Martinez sieht den Einzug in die K.o.-Phase dennoch als bestandene Aufgabe. Von nun an, sagte der Nationaltrainer, beginne ohnehin ein neues Turnier.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber