Faulhaber-Tagebücher: Forschungsprojekt zeichnet widersprüchliches Bild des Kardinals
Ein mehr als zwölf Jahre laufendes Forschungsprojekt zu den Tagebüchern des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber ist abgeschlossen und vorgestellt worden. Die Auswertung zeichnet das Bild eines prominenten Kirchenmannes voller Widersprüche: Faulhaber nahm Adolf Hitler wiederholt in Schutz, wusste nach Einschätzung der Forscher vom Holocaust und schwieg dazu. Zugleich setzte er sich im Hintergrund für getaufte Juden ein und pflegte Kontakte zum deutschen Widerstand.
Deutlich antidemokratisch und zugleich ambivalent zum NS-Regime
Der Projektleiter und frühere Direktor des Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, beschreibt Faulhaber als Mann mit „dezidiert antidemokratischen Positionen“ in der Weimarer Republik. Eine wirkliche Legitimität habe der Kardinal der Weimarer Demokratie demnach nie zuerkannt.
Zum Nationalsozialismus habe Faulhaber eine widersprüchliche Haltung eingenommen. Die NS-Ideologie habe er zwar als „Häresie“ abgelehnt, Hitler selbst jedoch immer wieder öffentlich oder im persönlichen Umfeld verteidigt.
Tagebücher dokumentieren 52.000 Kontakte
Michael von Faulhaber stand 35 Jahre an der Spitze des Erzbistums München und Freising. 1951 spendete er dem späteren Papst Benedikt XVI. die Priesterweihe. Zudem galt er als Vertrauter von Papst Pius XII.
Das Forschungsprojekt war 2013 gestartet. Grundlage sind Faulhabers Tagebücher, die bis 2010 unter dem Bett seines letzten Sekretärs lagerten und von diesem bis zu seinem Tod nicht freigegeben wurden. Die Aufzeichnungen enthalten Einträge zu rund 52.000 Besuchen und Gesprächen aus den Jahren 1911 bis 1952 und reichen damit von der Kaiserzeit bis in die frühe Bundesrepublik.
Edition soll offene und fachlich fundierte Debatte ermöglichen
Bereits zur Vorstellung des Projekts 2013 hatte Münchens Erzbischof Kardinal Reinhard Marx betont, mögliche Funde in den Archiven könnten der Kirche weniger schaden als der Verdacht, man wolle etwas verschweigen oder vertuschen. Die schrittweise Veröffentlichung der Edition sollte Transparenz schaffen.
Generalvikar Christoph Klingan bezeichnete die wissenschaftliche Ausgabe der Tagebücher nun bei der Präsentation der Ergebnisse in der Katholischen Akademie in München als wichtigen Beitrag zu einer „offenen und fachlich fundierten Diskussion“.
Debatte um Faulhabers Vermächtnis und Straßennamen
In den vergangenen Jahren war Faulhaber wegen seines Verhaltens in der NS-Zeit verstärkt in die Kritik geraten. In Würzburg wurde ein nach ihm benannter Platz inzwischen umbenannt. Auch in München wird über die Kardinal-Faulhaber-Straße diskutiert.
Für den stellvertretenden Projektleiter Matthias Daufratshofer liegt genau darin die besondere Bedeutung der Tagebücher. Sie gäben Einblick in Faulhabers Sicht auf die politischen Umbrüche seiner Zeit, seine Haltung zum Nationalsozialismus, sein Verhalten zur millionenfachen Ermordung jüdischer Menschen und sein weit verzweigtes Netzwerk.
Tagebucheinträge zeigen Zustimmung, Distanz und Wegsehen
Die neu ausgewerteten Notizen machen Faulhabers Schwanken an konkreten Stellen sichtbar. Am 24. Juli 1931 notierte er nach Gesprächen mit Ordensschwestern aus einem Spital und der Psychiatrie, dort habe die Hitlerjugend alten Menschen sogar mit Schüssen gedroht, weil diese Brot wegnähmen. Am selben Tag klagte er auch über eine Hühneraugenbehandlung.
Nur zwei Jahre später, am 24. Juli 1933, hielt Faulhaber über eine Besucherin fest, sie wolle über Hitler schimpfen. Er habe das unterbunden und erklärt, er halte Hitler für einen „großen Mann und Staatsmann“. Im Oktober 1933 schrieb er weiter, Hitlers Ansehen sei gewachsen, die Regierung sei rechtmäßig und daher verdiene sie Ehrfurcht. Im März 1934 notierte er schließlich ausdrücklich, er nehme Hitler in Schutz und bescheinige ihm guten Willen sowie staatsmännische Fähigkeiten.
Ein weiterer Eintrag vom 26. März 1932 zeigt dagegen Zurückhaltung: Bei Fragen von Prinzessinnen zu Hitler habe er demnach ausweichend reagiert.
Wissen über „Euthanasie“ und frühe Aussagen gegen Judenhass
Aus den Tagebüchern geht laut Projekt auch hervor, dass Faulhaber von den als „Euthanasie“ bezeichneten Morden an kranken und behinderten Menschen wusste. Am 4. Januar 1941 schrieb er von einer „neuen Sorge“ wegen der „Euthanasie der Geisteskranken“. Im April 1941 vermerkte er dann, es werde versichert, ein Altenheim sei davon nicht betroffen.
Zugleich finden sich auch Hinweise, die nicht in ein einfaches Schwarz-Weiß-Bild passen. Für den 6. November 1923 hielt Faulhaber fest, es gebe einen Artikel gegen ihn, weil er in einer Allerseelenpredigt den Hass gegen Juden als unchristlich bezeichnet habe.
Kein eindimensionales Urteil
Daufratshofer beschreibt Faulhaber daher als vielschichtige Figur: als Münchner Bürger, der während der Revolution von 1918 Todesangst verspürte, als Erzbischof, der sich von einer Kriegs- zu einer Friedenstheologie entwickelte, und als Alttestamentler, der in antisemitischen Denkmustern seiner Zeit verhaftet blieb, zugleich aber Mitglied der Vereinigung „Amici Israel“ war.
Sein Fazit: An die Stelle eines einfachen Schwarz-Weiß-Bildes trete nun ein Porträt mit vielen Grauschattierungen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber