Patientinnen und Patienten könnten künftig nicht nur mit Ärztinnen und Ärzten sprechen, sondern zunächst auch mit einer Künstlichen Intelligenz. Fragen wie nach Dauer eines Hustens, Fieber, Atemnot oder Brustschmerzen kann inzwischen auch ein KI-System stellen. Während solche Systeme bislang vor allem für eng umrissene Aufgaben wie das Erkennen von Tumoren auf Röntgenbildern bekannt waren, reicht ihre Entwicklung nun deutlich weiter.
Forschende des Universitätsklinikums Heidelberg, des Else Kröner Fresenius Zentrums für Digitale Gesundheit an der TU Dresden sowie ein Team von Google haben zwei voneinander unabhängige KI-Modelle entwickelt. Diese sollen das Patientenmanagement unterstützen – von der Erhebung der Krankengeschichte bis hin zu Diagnosen und Behandlungsvorschlägen. Vorgestellt werden die Systeme im Fachmagazin Nature.
Was die neuen Systeme können
Im Unterschied zu vielen bisherigen Anwendungen im Gesundheitswesen sind die beiden Modelle nicht nur auf einzelne Teilaufgaben spezialisiert. Das deutsche System MIRA (Medical Intelligence for Reasoning and Action) und Googles AMIE (Articulate Medical Intelligence Explorer) können unter anderem eigenständig per Chat Informationen zur Krankengeschichte sammeln, diagnostische Untersuchungen anstoßen und Therapiepläne inklusive konkreter Arzneimittelvorschläge erstellen.
Dabei greifen sie auf klinische Leitlinien, wissenschaftliche Literatur und Informationen zu möglichen Wechselwirkungen von Medikamenten zurück. Nach Angaben der Forschenden lieferte vor allem das Google-Modell sehr konkrete und praktisch umsetzbare Empfehlungen. In Tests schnitten beide Systeme teils genauer ab als menschliche Medizinerinnen und Mediziner.

Welchen Nutzen sich die Entwickler versprechen
Das Google-Team sieht Vorteile vor allem mit Blick auf Personalknappheit und fehlende Kontinuität bei Behandlungen, die sich über mehrere Termine erstrecken. Die Forschenden aus Heidelberg und Dresden sprechen von einer Art „Copilot“ für Ärztinnen und Ärzte, der Routineaufgaben übernehmen und so mehr Zeit für die eigentliche Versorgung schaffen könnte.
Auch Nature betont das Potenzial: Wenn KI-Agenten klinische Aufgaben übernehmen und fundierte Entscheidungen unterstützen könnten, wäre das eine Entlastung bei Standardabläufen und möglicherweise auch ein Beitrag gegen Ärztemangel in manchen Regionen.
Einsatz im Klinikalltag noch nicht in Sicht
Bis Patientinnen und Patienten tatsächlich mit einer „Doktor-KI“ sprechen, dürfte es aber noch dauern. Beide Forschungsteams betonen, dass ihre Modelle noch nicht für den realen Einsatz geeignet sind. Getestet wurden sie bislang mit simulierten KI-Patienten, die zwar auf echten Daten beruhen, sich aber anders verhalten als Menschen in einer echten Behandlungssituation.
So weisen die Forschenden zwar darauf hin, dass MIRA meist angemessene und wissenschaftlich gestützte Therapievorschläge gemacht habe. Vollständig verlässlich seien die Empfehlungen jedoch nicht gewesen.
So bewerten Fachleute die Entwicklung
Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand des Uniklinikums Dresden, sieht in den Ergebnissen einen deutlichen Hinweis auf das Potenzial solcher Systeme für die Medizin. Entscheidend sei nun, wie sich diese Technologien sicher, nachvollziehbar und zum Wohl der Patientinnen und Patienten in die Praxis einbinden lassen.
Kerstin Denecke von der Berner Fachhochschule verweist dagegen auf erhebliche Hürden. Dazu zählen aus ihrer Sicht die oft schwierige Datenlage im Gesundheitswesen, Zulassungsfragen, unklare Verantwortlichkeiten sowie fehlende aussagekräftige Studien zu Risiken. Für medizinische Entscheidungen reiche es nicht, lediglich Leitlinien zu befolgen – entscheidend sei auch das Verständnis für die individuelle Lebenssituation der Betroffenen.
Auch Robert Ranisch, Professor für Medizinische Ethik an der Universität Potsdam, hält die MIRA-Studie für methodisch interessant, weist aber darauf hin, dass sie unter Laborbedingungen entstanden sei. Die zentrale Frage sei wie bei vielen KI-Projekten, ob das System auch im Klinikalltag funktioniere. Gerade daran scheiterten viele vielversprechende Anwendungen, etwa wenn unvollständige Daten, verschiedene IT-Systeme oder reale Interaktionen zwischen Behandelnden und Patienten hinzukämen.
Reinhard Busse von der TU Berlin mahnt ebenfalls zur Vorsicht. Dass ein KI-Agent Diagnosen, Therapien und klinische Abläufe strukturiert abbilden könne, bedeute noch nicht automatisch, dass dadurch die Versorgung im Alltag besser werde oder Kosten sinken.
Menschliche Kommunikation bleibt zentral
Die Bundesärztekammer hat sich bereits intensiv mit dem Einsatz von KI in der Medizin beschäftigt. Sie betont, dass Diagnosen, Therapieentscheidungen und Prognosen nicht nur technische Vorgänge seien. Sie seien immer auch mit Emotionen und Wertvorstellungen verbunden – und genau das bilde die Grundlage für Vertrauen zwischen Ärztinnen, Ärzten und Patienten.
Deshalb müsse sorgfältig geprüft werden, ob beim Einsatz KI-gestützter Assistenzsysteme zwischenmenschliche und emotionale Aspekte zu stark in den Hintergrund geraten. Das gelte besonders dann, wenn technische Sprachsysteme wie Chatbots menschliche Gespräche nicht nur ergänzen, sondern ersetzen sollen.
Auch Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz unterstreicht, dass das ärztliche Gespräch trotz möglicher Zeitersparnis durch KI unverzichtbar bleibe. Gerade für ältere Menschen habe der persönliche Austausch eine besonders große Bedeutung.
Weitere Sorgen: Abhängigkeit und Datenanalyse
Brysch sieht außerdem Nachholbedarf bei der elektronischen Patientenakte. Dort fehle bislang eine integrierte KI, die große Datenmengen sinnvoll filtern, verknüpfen und auswerten könne. Ein solcher Schritt wäre aus seiner Sicht ein bedeutender Fortschritt.
Gleichzeitig warnt er vor einer zu starken Abhängigkeit von außereuropäischen Konzernen. Die Zukunft von Datenanalyse und Kommunikation im Gesundheitswesen dürfe nicht von Tech-Milliardären und deren politischen Verbindungen bestimmt werden.
Fazit
Die neuen KI-Modelle zeigen, wie weit die Technologie in der Medizin inzwischen gekommen ist. Sie könnten Ärztinnen und Ärzte künftig bei Routineaufgaben entlasten und klinische Abläufe unterstützen. Doch bis zu einem sicheren und breiten Einsatz im Alltag bleiben viele Fragen offen – von Zuverlässigkeit und Verantwortung bis hin zu Datenschutz, Zulassung und der Rolle des persönlichen Arzt-Patienten-Gesprächs.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion