Wirtschaft

Wirtschaftsweise kappen Prognose drastisch

Iran-Krieg bremst Deutschland aus: Wirtschaftsweise erwarten 2025 nur noch 0,5 Prozent Wachstum – was steckt dahinter?

27.05.2026, 10:00 Uhr

Die sogenannten Wirtschaftsweisen erwarten für die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026 nur noch ein Mini-Wachstum von 0,5 Prozent. Im Herbst hatte der Sachverständigenrat noch mit einem Plus des Bruttoinlandsprodukts von 0,9 Prozent gerechnet.

In seinem in Berlin vorgestellten Frühjahrsgutachten verweist das Gremium vor allem auf die Folgen des Iran-Kriegs. Die Unsicherheit über Dauer und wirtschaftliche Auswirkungen des Konflikts sei ein erhebliches Risiko für die weitere Entwicklung.

Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats, mahnte zudem rasche Eingriffe bei den Sozialversicherungen an. Mit Blick auf die gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen sagte sie: „Der Handlungsdruck ist massiv.“

Hohe Energiepreise belasten Wirtschaft und Verbraucher

Nach Einschätzung der Ökonomen wird die wirtschaftliche Erholung vor allem durch stark gestiegene Energiepreise gebremst. Hintergrund ist, dass der Schiffsverkehr in der für den Ölhandel wichtigen Straße von Hormus weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Dadurch verteuerten sich nicht nur Öl und Gas, sondern auch andere Güter wie Weizen und Düngemittel.

Für Verbraucher zeigt sich das unter anderem an höheren Spritpreisen. Die hohen Energiekosten schwächen die Kaufkraft der privaten Haushalte und drücken damit auf den privaten Konsum. Bis Ende Juni gilt in Deutschland noch ein Tankrabatt; ob er verlängert wird, ist bislang offen.

Auch Unternehmen geraten stärker unter Druck. Steigende Kosten für fossile Energieträger und Vorleistungen erhöhen laut Gutachten die Produktionskosten. Das belastet die ohnehin rückläufige Industrieproduktion zusätzlich und dämpft private Investitionen. Zugleich leidet die exportorientierte deutsche Wirtschaft unter der schwächeren Weltkonjunktur. Der Export bleibt eine wichtige Stütze der deutschen Wirtschaft.

Bundesregierung ebenfalls bei 0,5 Prozent

Die Bundesregierung hatte ihre Konjunkturprognose bereits vor einem Monat halbiert und rechnet für 2026 ebenfalls nur noch mit einem Wachstum von 0,5 Prozent.

Für 2027 etwas mehr Wachstum erwartet

Für 2027 rechnen die Wirtschaftsweisen mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. Getragen werden soll dies vor allem von staatlichen Milliardenausgaben zur Modernisierung der Infrastruktur. Möglich werden sie durch das beschlossene schuldenfinanzierte Sondervermögen. Allerdings gibt es Kritik, dass Mittel aus dem Topf zu langsam abfließen und teils genutzt werden, um Lücken im Bundeshaushalt zu schließen.

Inflation dürfte erhöht bleiben

Bei der Teuerung erwartet der Sachverständigenrat im Jahr 2026 eine durchschnittliche Inflationsrate von 3,0 Prozent, im Jahr 2027 dann 2,8 Prozent. Bereits im April war die Inflationsrate nach Angaben des Statistischen Bundesamts wegen deutlich höherer Energiepreise auf 2,9 Prozent gestiegen – der höchste Stand seit Januar 2024.

Risikoszenario: Noch schwächeres Wachstum möglich

Der Iran-Krieg könnte nach Einschätzung des Gremiums länger andauern und Öl sowie Gas weiter verteuern. Dann würde der private Konsum noch stärker leiden als bisher erwartet. Zudem könnte der Druck auf Unternehmen steigen, höhere Kosten für Energie und Vorleistungen an die Haushalte weiterzugeben.

In einem gesonderten Risikoszenario unterstellen die Ökonomen, dass der Rohölpreis im Mai auf 120 US-Dollar je Barrel steigt, bis Oktober auf diesem Niveau bleibt und erst im zweiten Quartal 2027 wieder unter 100 Dollar fällt. In diesem Fall würde das Bruttoinlandsprodukt laut Sachverständigenrat 2026 nur um 0,2 Prozent und 2027 um 0,5 Prozent wachsen. Die Inflationsrate läge dann bei 3,5 Prozent im Jahr 2026 und 3,2 Prozent im Jahr 2027.

Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr warnte, jeder weitere Tag mit einer blockierten Straße von Hormus mache dieses Negativszenario wahrscheinlicher. Selbst eine Wiederöffnung würde die Preise seiner Einschätzung nach nicht sofort sinken lassen.

Vorschläge für Sozialreformen

Zugleich mahnen die Wirtschaftsweisen Reformen an, um den Anstieg der Beiträge in der Kranken- und Pflegeversicherung zu begrenzen. So könnte nach ihrer Ansicht die gesetzliche Krankenversicherung finanziell gestärkt werden, wenn Beamte stärker einbezogen würden.

Bei der Pflegeversicherung schlagen sie vor, den Begriff der Pflegebedürftigkeit zu überprüfen und stärker an fachlichen Empfehlungen auszurichten. Nach Einschätzung des Gremiums könnte dies die Zahl der Pflegebedürftigen verringern und zugleich den durchschnittlichen Pflegegrad senken.

Ratsmitglied Veronika Grimm betonte, die Schwäche der deutschen Wirtschaft sei nicht nur konjunkturell bedingt, sondern habe auch strukturelle Ursachen. Hohe Produktionskosten – vor allem wegen steigender Sozialbeiträge und Energiekosten – belasteten die Unternehmen und bremsten Investitionen.

Wirtschaftsverbände drängen auf Reformen

Aus der Wirtschaft kamen erneut deutliche Warnungen. DIHK-Hauptgeschäftsführerin Helena Melnikov sagte, hohe Kosten für Arbeit und Energie, eine hohe Steuerlast sowie überbordende Bürokratie zermürbten viele Betriebe. Handwerkspräsident Jörg Dittrich erklärte, die erneut abgesenkte Wachstumsprognose zeige, dass sich Deutschland beim Reformtempo keinen Stillstand mehr leisten könne.

Koalition plant großes Reformpaket

Die schwarz-rote Bundesregierung will bis zur Sommerpause ein umfangreiches Reformpaket auf den Weg bringen. Geplant sind unter anderem eine Pflegereform, eine Reform der Einkommensteuer zur Entlastung vor allem kleiner und mittlerer Einkommen sowie eine Rentenreform. Wie diese Vorhaben genau aussehen und finanziert werden sollen, ist jedoch noch offen. Konflikte innerhalb der Koalition gelten als möglich.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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