Wirtschaft

Warum Millionen Rabatt-Apps lieben – und was daran stört

Sparen per App klingt verlockend – doch genau das könnte viele benachteiligen. Warum Millionen Nutzer trotzdem mitmachen.

14.09.2026, 04:15 Uhr

Viele Verbraucherinnen und Verbraucher nutzen auf ihrem Smartphone die Apps von Supermärkten und Discountern, um zusätzliche Preisnachlässe zu erhalten. Doch genau dieses Modell sorgt für Kritik. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) sieht darin eine Benachteiligung bestimmter Kundengruppen und hat deshalb gegen Lidl und die App „Lidl Plus“ geklagt. Mit dem Fall befasst sich am Dienstag das Brandenburgische Oberlandesgericht unter dem Aktenzeichen 6 UKl 2/25. Ob bereits am Verhandlungstag ein Urteil fällt, ist derzeit unklar.

Worin sehen Verbraucherschützer das Problem?

Nach Auffassung der Verbraucherschützer geraten vor allem ältere Menschen, Personen mit Behinderungen sowie Minderjährige ins Hintertreffen. Der Grund: Sie können oder dürfen entsprechende Geräte und Apps häufig nicht nutzen. Ähnliche Klagen gab es auch gegen Netto und Penny. Diese Verfahren wurden bislang jedoch unter anderem wegen unzureichender Nachweise abgewiesen. Rechtskräftig sind die Entscheidungen noch nicht, da Revision zugelassen wurde. Damit wird sich künftig auch der Bundesgerichtshof mit der Frage beschäftigen. Ein Termin dafür steht aber noch aus.

Welche Funktionen haben die Händler-Apps?

Zahlreiche große Handelsunternehmen setzen inzwischen auf eigene Apps. Darüber bewerben sie Produkte, Aktionen und Sonderpreise. Wer sich anmeldet, kann meist zudem Bonus- oder Treueprogramme nutzen. Teilweise gibt es exklusive Angebote, zusätzliche Rabatte auf bereits reduzierte Ware oder Gutscheine, wenn innerhalb eines bestimmten Zeitraums eine gewisse Einkaufssumme erreicht wird.

Lidl Plus App
Die meisten Lebensmittelhändler haben eine eigene App, aber nicht alle ein Bonusprogramm. Quelle: Philip Dulian/dpa

Allerdings fällt der finanzielle Vorteil laut einer Auswertung des Vergleichsportals Smhaggle eher gering aus. Demnach sparen Nutzerinnen und Nutzer mit Rabatt-Apps im Durchschnitt nur rund ein Prozent ihrer Gesamtausgaben über verschiedene Händler hinweg. Da viele Menschen bei mehreren Ketten einkaufen, relativiert sich der Nutzen einzelner Apps entsprechend.

Sind App-Rabatte im Handel überall üblich?

Nein. Aldi Nord und Aldi Süd verzichten bewusst auf solche Bonusprogramme. In einer jüngeren Werbekampagne betonten beide Unternehmen, bei Aldi gelte ein Preis für alle – ohne Registrierung und ohne Bedingungen. Die Botschaft: Gerade in einer immer komplizierteren Welt sei Einfachheit besonders wichtig.

Der Handelsexperte Stephan Rüschen von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn hält diesen Kurs für nachvollziehbar. Bonusprogramme würden von vielen Kundinnen und Kunden als umständlich empfunden. Aldi stehe traditionell für unkompliziertes Einkaufen, daher passe diese Linie zum Markenbild. Zugleich grenze sich der Discounter damit deutlich vom übrigen Lebensmittelhandel ab. Nach Einschätzung Rüschens wäre eine spätere Einführung eines Bonusprogramms für Aldi problematisch, weil dies die Glaubwürdigkeit des Unternehmens beschädigen könnte.

Lidl reagierte inzwischen mit mehreren Videoclips auf die Aldi-Kampagne. Die Botschaft des Discounters: Auch ohne App könne man sparen, mit App aber noch mehr. Rüschen meint, dass grundsätzlich beide Wege erfolgreich sein können – je nachdem, was die Kundschaft bevorzugt.

Welchen Nutzen haben die Händler davon?

Für Händler und Kundschaft sind solche Apps im Kern ein Tauschgeschäft: Wer sich registriert, bekommt exklusive Vorteile. Im Gegenzug erhalten die Unternehmen im Idealfall treuere Käuferinnen und Käufer sowie wertvolle Daten über deren Einkaufsverhalten. Damit lassen sich Angebote gezielter zuschneiden, Zielgruppen genauer ansprechen und möglicherweise auch Kaufentscheidungen beeinflussen. Branchenkenner gehen deshalb davon aus, dass Unternehmen wie Lidl oder Rewe ihre Kundschaft auf diesem Weg womöglich besser kennen als etwa Aldi.

Andreas Riekötter vom Handelsforschungsinstitut IFH Köln sagt, Bonusprogramme seien inzwischen fest im Alltag vieler Menschen verankert. Gleichzeitig beobachtet er aber eine gewisse Ermüdung. Viele Verbraucher wollten nicht eine Vielzahl verschiedener Apps verwalten, nur um überall Rabatte mitzunehmen.

Eine Analyse des IFH deutet zudem darauf hin, dass die Programme die Kundenbindung nur begrenzt stärken. Im Schnitt haben Nutzerinnen und Nutzer 4,2 Händler-Apps installiert. Laut Riekötter wechseln viele jedoch regelmäßig zwischen den Anwendungen, je nachdem, wo gerade die besten Vorteile winken. Entscheidend sei am Ende oft der günstigste Preis – nicht die Bindung an ein einzelnes Treueprogramm.

Wie verbreitet sind Rabatt-Apps?

Einer repräsentativen YouGov-Umfrage zufolge nutzen in Deutschland drei von vier Menschen Rabatt-Apps von Händlern wie Rewe, Lidl oder Penny. Rund jede zweite Person greift sogar mindestens einmal pro Woche darauf zurück.

Etwa 24 Prozent der Befragten verwenden solche Apps nicht. Von ihnen kann sich allerdings rund ein Drittel vorstellen, dies künftig doch zu tun. Für die Erhebung befragte YouGov zwischen dem 28. und 31. August insgesamt 2.040 Personen ab 18 Jahren in Deutschland.

Wie bewerten Verbraucher die Apps?

Die Gründe für die Nutzung sind unterschiedlich. 93 Prozent der Nutzer sagen, dass sie dadurch beim Einkaufen Geld sparen. 86 Prozent schätzen die Apps, weil sich damit aktuelle Angebote und Preisnachlässe leichter finden lassen. 72 Prozent geben an, personalisierte und für sie passende Angebote zu erhalten. 56 Prozent meinen außerdem, dass die Anwendungen bei der Einkaufsplanung helfen.

Gleichzeitig überwiegt bei vielen Befragten auch Skepsis. 55 Prozent finden es unfair, dass Preisvorteile nur registrierten Nutzerinnen und Nutzern offenstehen. Jede zweite Person äußert Datenschutzbedenken und sorgt sich um den Umgang mit persönlichen Informationen. 47 Prozent empfinden den Aufwand als zu groß, 46 Prozent stören sich an Benachrichtigungen und Werbung. Für 29 Prozent sind die Apps zudem zu kompliziert oder unübersichtlich.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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