Zverev gewinnt erstmals die US Open und dankt emotional seiner Mutter
Alexander Zverev hat sich mit einer starken und nervenfesten Leistung erstmals den Titel bei den US Open gesichert. Der French-Open-Champion besiegte im Finale den Amerikaner Ben Shelton mit 6:3, 7:6 (7:2), 5:7, 6:2 und feierte damit seinen zweiten Grand-Slam-Erfolg. Als zweiter deutscher Sieger im Männer-Einzel in New York folgt er auf Boris Becker, der 1989 triumphiert hatte.
Unmittelbar nach dem Matchball sorgte Zverev zunächst für einen ungewöhnlichen Moment: Der 29-Jährige schaute irritiert zur Anzeigetafel und realisierte seinen Triumph erst mit kurzer Verzögerung, ehe er die Arme hochriss. Becker sprach später von einer denkwürdigen Szene. Es sei bemerkenswert, dass Zverev seinen ersten US-Open-Titel zunächst gar nicht bemerkt habe – für ihn sei das "die Szene des Jahres" im Sport.
In seiner Siegeransprache wurde Zverev emotional. An sein Team gerichtet sagte er, Deutschland habe 30 Jahre lang keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und nun innerhalb von drei Monaten gleich zwei erlebt. Er sprach über die harte Arbeit, das Leiden und den Schmerz auf dem Weg dorthin. Besonders bewegend dankte er seiner Mutter, die trotz seiner Diabetes-Diagnose im Kindesalter immer an seine Tenniskarriere geglaubt habe. Sie sei die wichtigste und stärkste Person, die er kenne.
Gut drei Monate nach seinem Premieren-Triumph in Paris krönte Zverev damit seine bislang beste Saison bei den vier wichtigsten Turnieren des Jahres. Im Gegensatz zum verlorenen Wimbledon-Endspiel gegen den inzwischen verletzt fehlenden Jannik Sinner kontrollierte der 29-Jährige das Finale gegen Shelton über weite Strecken und ließ sich auch von der klar pro-amerikanischen Atmosphäre im Arthur Ashe Stadium nicht aus dem Konzept bringen.
Becker würdigte den Erfolg zudem als besondere Leistung der Familie Zverev. Der Weg sei nicht geradlinig verlaufen, am Ende aber stünden sie als Sieger da. Für ihn ist Zverev nach diesem Triumph klar der Spieler des Jahres.
Von Tennis-Legende Jimmy Connors erhielt Zverev die Trophäe, die er um 18.14 Uhr Ortszeit in den Abendhimmel von New York reckte.
Shelton hält dem Druck nicht stand
Vor prominenten Gästen wie Brad Pitt, Pierce Brosnan und Lindsey Vonn spielte Zverev in seinem sechsten Grand-Slam-Finale bemerkenswert abgeklärt. Nach 3:33 Stunden verwandelte er gleich seinen ersten Matchball.
Auf den Tag genau sechs Jahre nach der bitteren Niederlage im US-Open-Finale gegen Dominic Thiem, als er nur zwei Punkte vom Titel entfernt gewesen war, nutzte Zverev diesmal seine Erfahrung. Zwar musste er nach zuvor vier souveränen Siegen im Turnier wieder einen Satz abgeben, doch besonders in längeren Grundlinienduellen war er Shelton meist überlegen.
Der 23 Jahre alte US-Amerikaner verlor damit auch sein sechstes Duell mit Zverev. Für Shelton platzte zugleich die Hoffnung auf den ersten Grand-Slam-Titel eines amerikanischen Tennisspielers seit Andy Roddick 2003. Außerdem verpasste er die Chance, als erster schwarzer US-Open-Sieger bei den Männern seit Arthur Ashe 1968 Geschichte zu schreiben. Auf der Tribüne saß auch die Witwe der Tennis-Legende.
Diskussion um Zverevs Aufschlag-Routine
Wie schon im Verlauf des Turniers sorgte der an Nummer eins gesetzte Zverev mit seinem häufigen Auftippen des Balls vor dem Aufschlag erneut für Gesprächsstoff. Shelton störte sich daran, dass sich der Deutsche aus seiner Sicht zu viel Zeit nahm. Schiedsrichterin Marijana Veljović forderte Zverev zwischenzeitlich auf, das Tempo zu erhöhen.
Auch Sheltons Vater und Trainer Bryan kritisierte die Routine im US-Fernsehen deutlich. Das ständige Auftippen bringe den Gegner aus dem Rhythmus, monierte er während der Partie.
Zverev bleibt von der Kulisse unbeeindruckt
Shelton wirkte zu Beginn sichtlich nervös und gab sein erstes Aufschlagspiel gleich mit einem Doppelfehler ab. Zwar brachte ein sehenswerter Volley des Publikumslieblings die Zuschauer früh auf die Beine, doch Zverev ließ sich davon nicht beeindrucken.
Schon vor dem Finale hatte er betont, dass ihm solche Stimmungen nichts ausmachten. Er sei diese Atmosphäre gewohnt, möge große Arenen und wolle das Spiel im größten Tennisstadion der Welt sogar genießen. Auf dem Platz untermauerte er das eindrucksvoll. Den ersten Satz holte er nach 40 Minuten, erneut begünstigt durch einen Doppelfehler Sheltons beim Satzball. Auf der Bank verfolgte Zverevs Vater und Trainer Alexander Zverev Senior die Partie aufmerksam.
Unterstützung auf der Tribüne fehlte – teilweise
Wie bereits während des gesamten Turniers war Zverevs Partnerin Sophia Thomalla aus beruflichen Gründen nicht in seiner Box. Auch Shelton musste zunächst auf seine Freundin Trinity Rodman verzichten. Die bestbezahlte Fußballerin der Welt stand zeitgleich selbst auf dem Platz, schaffte es aber noch rechtzeitig zum Matchende in die Arena.
Das Publikum versuchte weiterhin, Shelton nach vorn zu peitschen und applaudierte sogar bei Fehlern Zverevs im ersten Aufschlag. Doch der 1,98 Meter große Hamburger blieb stabil. Im zweiten Satz ließ er keinen Breakball zu und gewann bei eigenem ersten Aufschlag mehr als 90 Prozent der Punkte.
Starker Tie-Break, kurzer Wackler, souveränes Ende
Im Tie-Break des zweiten Durchgangs zeigte Zverev seine Klasse besonders deutlich. In den längeren Ballwechseln diktierte der Weltranglistenzweite das Geschehen, zog schnell auf 5:0 davon und brachte den Satz sicher nach Hause. Becker lobte anschließend, dass Zverev gerade dann sein bestes Tennis spiele, wenn es darauf ankomme.
Ganz ohne Spannung verlief das Finale aber nicht. Nachdem Zverev 2020 gegen Thiem bereits eine Zwei-Satz-Führung noch aus der Hand gegeben hatte, kam im dritten Satz kurz Unruhe auf. Gegen Ende des Durchgangs musste er drei Breakbälle abwehren, ehe ein leichter Volleyfehler den Satzgewinn für Shelton brachte. Der Amerikaner heizte damit auch das Publikum noch einmal an.
Doch Zverev reagierte abgeklärt. Im vierten Satz nahm er Shelton sofort wieder den Aufschlag ab. Zwar erhielt er beim Stand von 2:1 noch eine Verwarnung wegen zu langen Wartens vor dem Service, begleitet von höhnischem Johlen auf den Rängen, doch auch das brachte ihn nicht aus dem Tritt. Dank seiner starken Physis, seiner Ruhe in den entscheidenden Phasen und seiner Konstanz von der Grundlinie zog er das Match letztlich überzeugend durch und durfte befreit über seinen nächsten großen Titel jubeln.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber