Nach mehreren Jahren der Zurückhaltung infolge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wollen deutsche Unternehmer erstmals wieder offiziell beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg vertreten sein. Matthias Schepp, Chef der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer, sagte der Deutschen Presse-Agentur, man wolle mit Blick auf die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstand die wirtschaftlichen Verbindungen zu Russland nicht vollständig abreißen lassen. Zugleich gehe es darum, deutsche Vermögenswerte in Russland im Umfang von mehr als 100 Milliarden Euro zu sichern.
Schepp betonte, westliche Staaten sollten Russland mit seinem großen Absatzmarkt und seinen Rohstoffen nicht dauerhaft asiatischen Akteuren überlassen. Allein chinesische Firmen hätten im ersten Quartal dieses Jahres 1.400 neue Unternehmen in Russland gegründet. Vertreter aus den USA und Frankreich hätten bereits im vergangenen Jahr wieder an entsprechenden Wirtschaftsgesprächen teilgenommen.
Deutsche Firmen weiterhin im Russlandgeschäft
Dem Programm des St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforums zufolge sollen unter anderem der mit der Gruppe EkoNiva in Russland aktive Unternehmer Stefan Dürr sowie der frühere Globus-Holding-Chef Thomas Bruch an einem Business-Dialog teilnehmen. Nach Angaben der Kammer ist die Supermarktkette Globus ebenso wie rund 1.600 weitere deutsche Unternehmen weiterhin im Land tätig. Der gemeinsame Umsatz deutscher Firmen in Russland habe im vergangenen Jahr bei etwa 20 Milliarden Euro gelegen.
Gleichzeitig ist der deutsch-russische Handel infolge westlicher Sanktionen deutlich eingebrochen. Im vergangenen Jahr sank das Handelsvolumen auf weniger als zehn Milliarden Euro. Vor Beginn des Krieges war Deutschland noch Russlands wichtigster Handelspartner in Europa. 2021 lag das Handelsvolumen bei 59,7 Milliarden Euro, auf dem Höhepunkt 2012 sogar bei 80 Milliarden Euro.
Umfrage: Mehrheit will bleiben
Eine aktuelle Geschäftsklima-Umfrage der Auslandshandelskammer unter ihren 750 Mitgliedern zeigt, dass fast alle befragten Unternehmen an ihrem Russlandengagement festhalten wollen, weil sie den Markt weiterhin als wichtig ansehen. Von den 265 Teilnehmern erklärten 75 Prozent, sie seien mit der Entwicklung ihres Russlandgeschäfts zufrieden — trotz teils hoher Verluste durch Sanktionen.
Zwei Drittel der Befragten gehen davon aus, dass die westlichen Strafmaßnahmen die russische Wirtschaft stark oder sogar sehr stark belasten. Zugleich meint etwas mehr als ein Drittel, die Sanktionen schadeten Deutschland stärker als Russland. Mehr als die Hälfte sieht die negativen Folgen auf beiden Seiten etwa gleich verteilt.
Auf die Frage nach einer möglichen Rückkehr zu russischen Energieimporten antworteten 65 Prozent, Deutschland solle wieder Gas und Öl aus Russland beziehen — möglichst bald. Weitere 31 Prozent befürworteten dies erst für den Fall, dass der Krieg in der Ukraine endet.
Forum mit Putin und deutscher Beteiligung
Das Wirtschaftsforum findet vom 3. bis 6. Juni in St. Petersburg statt, Gastgeber ist Kremlchef Wladimir Putin. Geplant ist auch eine Veranstaltung über Kultur als verbindendes Element in Krisenzeiten. Nach Angaben der Organisatoren sollen daran mehrere Deutsche teilnehmen, darunter der Dirigent Justus Frantz, der sächsische AfD-Landesvorsitzende Jörg Urban, der Berliner Verleger Holger Friedrich sowie der Journalist und Filmemacher Hubert Seipel.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion