Wirtschaft

VW unter Druck: Darum geht es heute bei Aktionstag und AR

VW vor dem nächsten harten Sparkurs: Drohen Werksaus und Jobabbau? Heute eskaliert der Streit mit der IG Metall.

09.07.2026, 06:43 Uhr

VW lässt nach Aufsichtsrat weiter offen, ob Werke schließen und Jobs wegfallen

Bei Volkswagen verschärft sich der Streit über den künftigen Kurs des Konzerns weiter. Während IG Metall und Betriebsräte mit einem bundesweiten Aktionstag gegen mögliche Werksschließungen und zusätzlichen Stellenabbau mobil machten, blieb der Konzern auch nach einer Sitzung des Aufsichtsrats konkrete Antworten schuldig.

Das Kontrollgremium kam am Donnerstag um 16 Uhr in Wolfsburg zusammen, um über mögliche Sparpläne des Vorstands zu beraten. Danach teilte Volkswagen lediglich mit, der Konzernvorstand habe dem Aufsichtsrat ein umfangreiches Maßnahmenpaket mit zwölf Initiativen sowie das „Zielbild 2030“ vorgestellt. Ob Werke geschlossen oder weitere Jobs gestrichen werden sollen, sagte der Konzern weiterhin nicht.

Erste Eckpunkte des Zukunftsplans

Konzernchef Oliver Blume erklärte nach der Sitzung, Volkswagen gehe mit dem Zukunftsplan „aus eigener Kraft in die nächste Phase der Transformation“. Geplant sei, die Modellpalette schrittweise um bis zu 50 Prozent zu straffen. Zudem solle die Zahl möglicher Ausstattungsoptionen um bis zu 75 Prozent sinken.

Zu einem möglichen Stellenabbau oder Werksschließungen äußerte sich Blume nicht. Bereits vor der Sitzung hatte ein Konzernsprecher erklärt, es gehe unter anderem darum, Komplexität zu verringern, Beteiligungen zu straffen sowie Entwicklung und Produktion regionaler auszurichten. Zugleich hieß es aus dem Unternehmen: „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“

Dudenhöffer: Keine greifbaren Beschlüsse

Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer bewertete das Ergebnis der Sitzung zurückhaltend. Erwartungsgemäß seien im Aufsichtsrat keine Beschlüsse gefasst worden, sondern nur allgemeine Ziele kommuniziert worden, die in großen Teilen bereits bekannt gewesen seien. Zu Werken und Beschäftigung habe es erneut keine konkreten Aussagen gegeben.

Cavallo fordert Stellungnahme von Blume

VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo reagierte nach der Sitzung verärgert. Sie forderte Blume auf, im Laufe des Freitags direkt gegenüber der Belegschaft Stellung zu beziehen und sich unmissverständlich zu den kursierenden Gerüchten über angebliche Vorstandspläne zu äußern.

Nach Angaben der Betriebsratszeitung sagte Cavallo: „Es reicht! Das Fass ist zum Überlaufen gekommen.“ Der Umgang des Vorstands mit der Belegschaft sei an Respektlosigkeit kaum noch zu überbieten. „Oliver Blume steht jetzt in der Pflicht, diesen massiven Schaden wenigstens noch zu begrenzen.“

Bereits bei der Kundgebung in Wolfsburg hatte Cavallo ein Ende der Verunsicherung verlangt. Die Beschäftigten bräuchten Klarheit und einen tragfähigen Gesamtplan. Eine Sanierung dürfe aus ihrer Sicht nicht vor allem über Personalabbau und Standortschließungen organisiert werden.

Olaf Lies gegen Werksschließungen

Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies, der dem VW-Aufsichtsrat angehört, sprach von einer „sehr intensiven“ Sitzung. Der Vorstand habe „ein wirklich breites Paket“ vorgelegt, sagte der SPD-Politiker. Daran müsse nun weitergearbeitet werden. „Da liegt noch eine harte und intensive Zeit vor uns.“

Zugleich räumte Lies ein, dass weiter unklar ist, wann Entscheidungen getroffen werden. An seiner Haltung zu möglichen Standortschließungen ließ er aber keinen Zweifel: „Das Schließen von Werken ist kein Zukunftskonzept.“ Volkswagen brauche stattdessen eine Zukunftsperspektive für die Standorte.

Bundesweite Proteste der IG Metall

Die Beratungen wurden von lautstarken Protesten begleitet. An mehr als einem Dutzend Standorten gab es Aktionen gegen die Sparpläne. In Wolfsburg kamen rund 500 Menschen zu einer Kundgebung direkt vor dem Vorstandshochhaus, in dem der Aufsichtsrat tagte.

Den größten Zuspruch meldete die IG Metall aus Emden: Dort beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben rund 1.500 Menschen. Weitere Aktionen gab es unter anderem in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Leipzig, München, Nürnberg, Salzgitter und Osnabrück.

Auftakt in Osnabrück

Den Anfang machte am Morgen das Werk in Osnabrück. Nach Angaben der IG Metall versammelten sich dort rund 70 Vertrauensleute und Betriebsräte vor dem Werkstor. Mit Trillerpfeifen und Bannern protestierten sie gegen die Unsicherheit über die Zukunft des Standorts.

Der Osnabrücker IG-Metall-Chef Stephan Soldanski sagte, die Belegschaft warte inzwischen seit zwei Jahren auf eine Entscheidung. Die ständigen Spekulationen darüber, welches Werk als Nächstes unter Druck geraten oder schließen könnte, belasteten die Beschäftigten spürbar.

Für Osnabrück ist der Druck besonders groß: Die Pkw-Fertigung soll dort 2027 enden. Derzeit wird an dem Standort noch das T-Roc Cabrio gebaut, rund 2.000 Menschen arbeiten dort. Volkswagen prüft nach früheren Angaben verschiedene Perspektiven für das Werk, darunter auch Gespräche mit Rüstungsunternehmen. Eine Entscheidung wird bis Jahresende erwartet.

Vorerst keine Arbeitsniederlegungen

Die IG Metall betont, dass es sich bei den laufenden Aktionen nicht um einen Arbeitskampf, sondern um Informations- und Protestveranstaltungen handelt. Entsprechend blieb der Protest zunächst vergleichsweise begrenzt.

Zugleich machte die Gewerkschaft deutlich, dass dies nur ein erster Schritt sei. Sollte der Vorstand an seinen Plänen festhalten, wolle man den Druck in der zweiten Jahreshälfte notfalls deutlich erhöhen.

Berichte über mögliche Schließungen und massiven Stellenabbau

Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, an einem neuen „Zielbild 2030“ für den Konzern zu arbeiten und den Sparkurs deutlich zu verschärfen.

Nach einem Bericht des Manager Magazins könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen – etwa doppelt so viele wie bislang vorgesehen. Besonders stark unter Druck stehen demnach vier deutsche Standorte: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm.

Offiziell bestätigt hat Volkswagen diese Szenarien bislang nicht.

IG Metall kündigt Widerstand an

Die Gewerkschaft spricht von möglichen „Brutalo-Plänen der Konzernspitze“ und kündigt massiven Widerstand an. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte, die Beschäftigten hätten bundesweit die klare Ansage gemacht: „So nicht!“

Bei der Kundgebung in Wolfsburg sagte Benner, sie halte es für „absolut unverantwortlich“, wie derzeit mit der Zukunft der Menschen gespielt und Angst geschürt werde. Eine Schließung von vier Werken in Deutschland werde die IG Metall nicht akzeptieren.

Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger warnte den Konzern vor einer weiteren Eskalation. Volkswagen riskiere andernfalls „einen Großkonflikt, der sich gewaschen hat“.

Schwierige Kräfteverhältnisse im Aufsichtsrat

Im Aufsichtsrat prallen sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Aus Sicht der Arbeitnehmer ist die Ausgangslage allerdings nicht ungünstig. Neben den Beschäftigtenvertretern hat sich auch das Land Niedersachsen klar gegen mögliche Werksschließungen positioniert.

Das Land hält 20 Prozent der VW-Anteile. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern verfügt die niedersächsische Seite im Aufsichtsrat über erhebliches Gewicht. Dass der Vorstand seine Vorschläge unverändert durchbekommt, gilt deshalb als äußerst unwahrscheinlich. Kampfabstimmungen sind im VW-Aufsichtsrat ohnehin selten – meist wird so lange verhandelt, bis ein Kompromiss steht.

Rückblick auf den jüngsten Tarifkonflikt

Schon 2024 hatte es bei Volkswagen einen harten Tarifstreit gegeben. Damals kam es zu Warnstreiks, bei denen die IG Metall zeitweise die Produktion lahmlegte. Auch damals standen Werksschließungen und Stellenabbau im Raum.

Erst kurz vor Weihnachten gelang nach langen Verhandlungen ein Kompromiss. Betriebsbedingte Kündigungen wurden ausgeschlossen, der Abbau sollte stattdessen vor allem über Altersteilzeit und Abfindungen erfolgen.

Der Sparkurs läuft bereits

Bis 2030 hat Volkswagen bereits den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. 35.000 Jobs sollen bei der Kernmarke VW wegfallen, weitere Stellen bei Tochterunternehmen wie Audi und Porsche.

Blume begründet die Verschärfung des Sparkurses mit schwierigeren Rahmenbedingungen. Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und wachsender Wettbewerbsdruck sorgten aus seiner Sicht für massiven Gegenwind.

Nach Einschätzung des Konzernchefs trägt das bisherige Geschäftsmodell – Entwicklung und Produktion in Europa, Verkauf in die Welt – nicht mehr in der bisherigen Form. Volkswagen müsse sich daher neu aufstellen und die Kosten weiter senken.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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