Wirtschaft

VW unter Druck: Darum geht es heute bei Aktionstag und AR

VW vor dem nächsten harten Sparkurs: Drohen Werksaus und Jobabbau? Heute eskaliert der Streit mit der IG Metall.

09.07.2026, 06:43 Uhr

VW-Konflikt spitzt sich zu: Bundesweite IG-Metall-Proteste, 500 Teilnehmer in Wolfsburg und großer Zuspruch in Emden

Bei Volkswagen verschärft sich der Streit über den künftigen Kurs des Konzerns weiter. Während der Aufsichtsrat am Donnerstagnachmittag in Wolfsburg über neue Sparpläne berät, stemmen sich IG Metall und Betriebsräte mit einem bundesweiten Aktionstag gegen mögliche Werksschließungen und zusätzlichen Stellenabbau. Mit einem Ende der Sitzung wird nach Einschätzung von Beobachtern nicht vor dem frühen Abend gerechnet.

An mehr als einem Dutzend Standorten gab es Proteste oder sie waren angekündigt. In Wolfsburg kamen rund 500 Menschen zu einer Kundgebung direkt vor dem Vorstandshochhaus zusammen, wo anschließend der Aufsichtsrat tagte. Mit Tröten und Sirenen machten die Teilnehmer ihrem Ärger Luft.

Auftakt in Osnabrück

Den Anfang machte am Morgen das Werk in Osnabrück. Nach Angaben der IG Metall versammelten sich dort rund 70 Vertrauensleute und Betriebsräte vor dem Werkstor. Mit Trillerpfeifen und Bannern protestierten sie gegen die Unsicherheit über die Zukunft des Standorts.

Der Osnabrücker IG-Metall-Chef Stephan Soldanski sagte, die Belegschaft warte inzwischen seit zwei Jahren auf eine Entscheidung. Die ständigen Spekulationen darüber, welches Werk als Nächstes unter Druck geraten oder schließen könnte, belasteten die Beschäftigten spürbar.

Für Osnabrück ist der Druck besonders groß: Die Pkw-Fertigung soll dort 2027 enden. Derzeit wird an dem Standort noch das T-Roc Cabrio gebaut, rund 2.000 Menschen arbeiten dort. Volkswagen prüft nach früheren Angaben verschiedene Perspektiven für das Werk, darunter auch Gespräche mit Rüstungsunternehmen. Eine Entscheidung wird bis Jahresende erwartet.

Mehr als ein Dutzend Aktionen im Bundesgebiet

Nach Gewerkschaftsangaben liefen an zahlreichen Standorten Proteste an. Den größten Zuspruch meldete die IG Metall aus Emden: Dort kamen nach ihren Angaben rund 1.500 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen. Mit Fahnen, Bannern und Trillerpfeifen demonstrierten sie beim Schichtwechsel gegen die Sparpläne und eine mögliche Schließung ihres Werks.

In Ingolstadt versammelten sich laut IG Metall am Audi-Stammsitz rund 250 bis 300 Menschen zu einem Flashmob. Ein Sprecher sagte, falls der Konzern glaube, er könne der Belegschaft Abbaupläne über die Presse mitteilen, dann sei dies die passende Antwort – und nur ein kleiner Vorgeschmack.

In Zuffenhausen protestierten nach Gewerkschaftsangaben spontan etwa 250 Porsche-Beschäftigte. Eigentlich war dort nur ein Autokorso in Stuttgart geplant, an dem rund 200 Fahrzeuge teilnahmen.

Weitere Aktionen waren unter anderem in Neckarsulm, Braunschweig, Stuttgart, Hannover, Kassel, Chemnitz, Dresden, Zwickau, Leipzig, München, Nürnberg und Salzgitter vorgesehen.

Vorerst keine Arbeitsniederlegungen

Die IG Metall betont, dass es sich bei den laufenden Aktionen nicht um einen Arbeitskampf, sondern um Informations- und Protestveranstaltungen handelt. Entsprechend blieb der Protest zunächst vergleichsweise begrenzt.

Zugleich machte die Gewerkschaft deutlich, dass dies nur ein erster Schritt sei. Sollte der Vorstand an seinen Plänen festhalten, wolle man den Druck in der zweiten Jahreshälfte notfalls deutlich erhöhen.

Vier Werken droht laut Berichten die Schließung

Konzernchef Oliver Blume hatte bereits im Frühjahr angekündigt, ein neues „Zielbild 2030“ für Volkswagen zu entwickeln und den Sparkurs noch einmal deutlich zu verschärfen.

Nach einem Bericht des Manager Magazins könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen – etwa doppelt so viele wie bislang vorgesehen. Besonders stark unter Druck stehen demnach vier deutsche Standorte: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm.

Laut Spiegel könnte die Fahrzeugproduktion dort schrittweise bis Ende 2034 auslaufen: ab 2031 zunächst in Zwickau und Emden, 2032 bei VW Nutzfahrzeuge in Hannover und 2034 bei Audi in Neckarsulm.

Was Volkswagen bislang bestätigt

Offiziell hat Volkswagen bislang nur bestätigt, dass Vorstand und Aufsichtsrat über einen Zukunftsplan für die Neuaufstellung des Konzerns beraten. Ein Sprecher erklärte vor der Sitzung, die genauen Inhalte des Plans und die damit verbundenen Maßnahmen würden nun im Gremium erörtert.

Dabei gehe es unter anderem darum, Komplexität zu verringern, Beteiligungen zu straffen sowie Entwicklung und Produktion stärker regional auszurichten. Zugleich räumte der Sprecher ein: „Und ja, wir werden auch Überkapazitäten abbauen müssen.“

Nach der Aufsichtsratssitzung will Volkswagen nach eigenen Angaben zügig über mögliche Entscheidungen informieren.

IG Metall kündigt Widerstand an

Die Gewerkschaft spricht von möglichen „Brutalo-Plänen der Konzernspitze“ und kündigt massiven Widerstand an. IG-Metall-Chefin Christiane Benner erklärte, die Beschäftigten hätten bundesweit die klare Ansage gemacht: „So nicht!“

Bei der Kundgebung in Wolfsburg sagte Benner, sie halte es für „absolut unverantwortlich“, wie derzeit mit der Zukunft der Menschen gespielt und Angst geschürt werde. Eine Schließung von vier Werken in Deutschland werde die IG Metall nicht akzeptieren.

Auch die VW-Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo forderte vom Vorstand ein Ende der Verunsicherung. Die Belegschaft brauche Klarheit und einen umfassenden Plan. Eine Sanierung dürfe aus ihrer Sicht nicht allein über Personalabbau und Standortschließungen laufen.

Niedersachsens IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger warnte den Konzern vor einer weiteren Eskalation. Volkswagen riskiere andernfalls „einen Großkonflikt, der sich gewaschen hat“.

Schwierige Kräfteverhältnisse im Aufsichtsrat

Im Aufsichtsrat prallen sehr unterschiedliche Vorstellungen aufeinander. Aus Sicht der Arbeitnehmer ist die Ausgangslage allerdings nicht ungünstig. Neben den Beschäftigtenvertretern hat sich auch das Land Niedersachsen klar gegen mögliche Werksschließungen positioniert.

Niedersachsens stellvertretende Regierungschefin Julia Willie Hamburg (Grüne) erklärte, Werksschließungen seien keine Zukunftsstrategie. Das Land hält 20 Prozent der VW-Anteile. Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und seine Stellvertreterin Hamburg sitzen im Aufsichtsrat.

Zusammen mit den zehn Arbeitnehmervertretern verfügen sie dort über eine Mehrheit. Diese fällt derzeit sogar noch deutlicher aus, weil einer der Sitze der Kapitaleigner aktuell unbesetzt ist.

Dass der Vorstand seine Vorschläge unverändert durchbekommt, gilt deshalb als äußerst unwahrscheinlich. Kampfabstimmungen sind im VW-Aufsichtsrat ohnehin selten – meist wird so lange verhandelt, bis ein Kompromiss steht.

Rückblick auf den jüngsten Tarifkonflikt

Schon 2024 hatte es bei Volkswagen einen harten Tarifstreit gegeben. Damals kam es zu Warnstreiks, bei denen die IG Metall zeitweise die Produktion lahmlegte. Auch damals standen Werksschließungen und Stellenabbau im Raum.

Erst kurz vor Weihnachten gelang nach langen Verhandlungen ein Kompromiss. Betriebsbedingte Kündigungen wurden ausgeschlossen, der Abbau sollte stattdessen vor allem über Altersteilzeit und Abfindungen erfolgen.

Der Sparkurs läuft bereits

Bis 2030 hat Volkswagen bereits den Abbau von 50.000 Stellen in Deutschland angekündigt. 35.000 Jobs sollen bei der Kernmarke VW wegfallen, weitere Stellen bei Tochterunternehmen wie Audi und Porsche.

Blume begründet die Verschärfung des Sparkurses mit schwierigeren Rahmenbedingungen. Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen und zunehmender Wettbewerbsdruck sorgten aus seiner Sicht für massiven Gegenwind.

Nach Einschätzung des Konzernchefs trägt das bisherige Geschäftsmodell – Entwicklung und Produktion in Europa, Verkauf in die Welt – nicht mehr in der bisherigen Form. Volkswagen müsse sich daher neu aufstellen und die Kosten weiter senken.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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